Adieu

Liebe Theaterkolumnenbegeisterte,

wie beendet man eine Beziehung nach 13 Jahren? Denn das werde ich heute tun. Ich mach Schluss.

Wären Sie und ich ein Liebespaar aus Hollywood, würde ich über meine Anwälte mitteilen lassen, dass wir gemeinsam eine unglaubliche Zeit erlebt hätten, „uns weiter lieben und wertschätzen, auch wenn wir künftig getrennte Wege gehen werden. Ich bitte die Medien von weiteren Spekulationen oder Nachfragen abzusehen.“

Als Shermin Langhoff ihre Intendanz vor 13 Jahren am Gorki Theater begann, hielt ich die Eröffnungsrede und hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde. Ich wurde als Theaterkolumnistin gebucht, eine Tätigkeit, die ich selber erfunden hatte, weil die Direktorin einfach befahl „Schreib!“ Also schrieb ich.

Ich schrieb, als es schneite, als die Sonne schien, ich schrieb, obwohl ich eigentlich an irgendeinem meiner Bücher schrieb, und als die Welt im Lockdown war, schrieb ich sogar täglich, ich schrieb und sendete immer nur diese Botschaft: Ich bin da. Ich wurde auch mal krank und musste aussetzen, aber kam wieder. Da war die Botschaft eine andere. Nämlich: Bin zurück. Aber wissen Sie was? Sie waren ja auch immer da. Ich habe ein wenig gebraucht, bis ich begriff, dass das hier zwischen uns etwas anderes ist. Anders als wenn ich für Magazine oder Zeitungen meine Serien schreibe. Selbst die Beziehung zu den Leserinnen meiner Bücher ist flüchtiger. Unverbindlicher. Buchleserinnen schreiben „Ihr letztes Buch war besser“, oder „Warum hat das aktuelle Buch weniger Seiten und kostet mehr?“

Sie sind so nicht. Ihr Esprit leuchtete durch Ihre Briefe und Mails. Sie nahmen wirklich Anteil. Wenn ich einen Hund (meinen Chihuahua Werner) erfand, dann fragten Sie nach ihm, schickten ihm Spielkameraden aus Plüsch und Futter. Obwohl Sie wussten, dass es sich um einen Jux handelt, spielten sie ihn mit. Und wenn ich die vollständige Liste der SPD-Bundestags-Abgeordneten veröffentlichte, die dagegen stimmten, anlässlich der überfüllten Geflüchteten-Lager auf den griechischen Inseln 5000 besonders schutzbedürftige Mütter mit Säuglingen und Kleinkindern aufzunehmen, erschraken Sie fürchterlich. Sofort schrieben Sie Ihren Abgeordneten, sofern Sie die SPD gewählt hatten, und teilten Ihr Befremden mit. Ich weiß das deshalb, weil mir anschließend die angeschriebenen Politiker schrieben und mich beschimpften. Dabei war die Abstimmung namentlich bekannt und auf den Bundestagsseiten nachzulesen, zwar verborgen und schwer auffindbar, aber öffentlich zugänglich. Ich hatte das Dokument lediglich ausgegraben, kontextualisiert und in leichter Sprache weitergeleitet. Ich bin hier am Haus nämlich auch die Beauftragte für barrierefreies heiteres Palaver.

Damit kommen wir zum Witz. Eines meiner Hauptanliegen. Mein Lebensthema. Ich denke, ein politischer Geist, der ich zweifelsohne bin, muss in der Lage sein, ein klein wenig lustig sein zu dürfen. Dieses Prinzip strikt einhaltend, habe ich viele Theaterabende veranstaltet. Mit Thomas Wodianka spielten wir eine ganze Maischberger-Talkshow („Sie sind balla!“) wortgetreu nach. Wir waren zu zweit alle sechs Teilnehmer, es ging um Islamismus, und das Publikum quietschte und kreischte und konnte nicht glauben, dass diese Sätze wirklich so im Fernsehen gefallen sein sollten. Für „Rechte Reden“ trugen er und ich original AfD-Reden vor, aus der Zeit, als sie noch auf Marktplätzen schrie und gerade erst begann in Landtage zu ziehen. Wieder veränderte ich kein Wort. Die pure Inszenierung und Thomas’ Schauspielkunst machten aus dem Abend einen großen Grusel, aus ausgelassenem Gelächter wurde schauriges Schweigen. Ich erinnere mich an die szenische und musikalische Umsetzung meines Buches Istanbul Notizen mit Sesede Terziyan, Haydar Kutluer und Nevzat Akpinar, die sogar eine eigene Buchmusik komponiert hatten. Ein schöner Abend, lyrisch und langsam. Der Abend zu Thomas Manns antifaschistischen Reden mit dem Literaturprofessor Kai Sina. Oder der Kurt-Tucholsky-Abend, an dem Fatih Akin, Max Uthoff und ich darüber sprachen, wie man es schafft, das politische und das poetische Sprechen voreinander zu schützen. Oder der Kolumnenworkshop, den ich für semiprofessionelle Autoren gab und der „Gefährlich Schreiben“ hieß. Einer dieser damaligen Absolventen arbeitet heute übrigens beim Deutschlandradio Kultur, er heißt Niklas Prenzel und betreut meine Hörfunkserie Mely Kiyak schwärmt. Mein einstiger Schüler ist jetzt mein Chef. Ich könnte ewig diese Erinnerungen aneinanderreihen: Mein Stück Aufstand, die Protestrede eines Künstlers, lief jahrelang am Gorki (und am Staatsschauspiel Karlsruhe), ein Theatermonolog, gespielt von Mehmet Yılmaz. Mein lieber Memo. Auch Mehmet war ein großes Glück. Jahrelang habe ich ihn als Sidekick in meinen Texten missbraucht. Oder nennt man das heute mee-too’t? Ich habe die zärtlichste meiner Seiten an ihm ausgelebt und ausgeliebt, den Spott. Nie beklagte er sich oder schimpfte. Wir sind ein Theater. Es ist alles Show. Das Sprechen in den Theaterkolumnen ist natürlich nichts anderes als das Betreten einer Bühne. Unterhaltung war für mich nie etwas Anstößiges. Unterhaltung hat viele Facetten. Sie kann intellektuell sein, kritisch und amüsant. Wichtig ist, dass sie ihr Thema und Publikum ernst nimmt. Ich nehme die Welt gerne auf die leichte Schulter. Und das Schreiben schwer. So in etwa funktioniert meine Poetologie der Pointen. Nun endet Shermin Langhoffs große und wegweisende Intendanz und damit auch mein Amt.

Die Theaterkolumnen aber bleiben und sind im Handel erhältlich, verlegt vom C. Hanser Verlag. Der Band heißt „Werden sie uns mit FlixBus deportieren?“. Es ist der Titel einer Kolumne vom Oktober 2018. Der Leinenumschlag sollte ursprünglich FlixBus-Grün werden, aber das Unternehmen stieg uns aufs Dach, noch bevor wir druckten. Nun ist das Buch FlixBus-Orange und das Unternehmen schluckte seinen Ärger runter, weil, genau! Eine kleine Theaterkolumne voller liebenswürdiger Gags beendete, was ellenlange Kanzleibriefe und polternde Drohungen durch Konzernanwälte und beschwichtigende Verlagsanwälte nicht zu beruhigen vermochten.

Es gäbe so vieles noch zu erzählen und vor allem zu danken. Aber ich reiße mich am Riemen und lasse diesen Abschnitt aus. Die Sache ist nämlich ziemlich einfach. Ich gehe dankend. Ich gehe demütig. Ich gehe mit kleiner Geste. Haha!  

Mich sehen Sie am Montag den 8.6.2026 zum letzten Mal auf der Bühne des Gorki Theaters. Meine Show Mely Kiyak hat Kunst, die seit zwei Jahren im Studio läuft, ist ein abwechslungsreicher Salon voller Poesie, Power, Musik, Gedichte und Geschichten. Es sind ausnahmslos gute Momente. Abende, die nichts anderes tun, als die Kunst zu feiern. Ich kenne nämlich nichts anderes. Die Kunst ist meine Antwort auf alles. Am letzten Abend habe ich mich selbst eingeladen und Herbert Grönemeyer wird sich mit mir unterhalten. Deshalb heißt das große Finale, Herbert Grönemeyer hat Kunst. Gast: Mely Kiyak. Außerdem spielt die Showband, bestehend aus Nevzat und Haydar. Jonas Dassler kommt von der großen Bühne nach seiner Vorstellung zu uns ins Studio und wird, wie es seine Art ist, bewegend sein.

Mit diesem Text sage ich Ihnen Adieu. Dieses Theater wird neue Autoren bekommen, neue Geschichten erzählen, neue Stücke. Ich hinterlasse famose Leserinnen und Leser. Sowie ein hinreißendes Publikum, reflektiert, mit Niveau, Anspruch, klug, sehr liebevoll.

Was war ich doch für ein Glückspilz!

Ihre Mely Kiyak

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