Staatsdoktrin Krieg oder warum Höcke ein guter Vater ist

Anlässlich einer Mahnwache in Deniz Yücels Heimatstadt Flörsheim wurde seine Schwester Ilkay von einem Fernsehteam gefragt, ob sie glaube, dass die Aktion etwas bewirke. Ilkay erklärte, dass sie dort stünden, weil das Wissen darum ihrem Bruder Kraft gäbe. Und ihm das Gefühl vermittelten, nicht vergessen worden zu sein. Man hätte auch antworten können: Mahnwache – das Wort drückt seine Intention bereits aus.

Im Berliner Tagesspiegel stand ein sehr schöner und ungewöhnlich …

Familie Kiyak weint um Familie Friedman

Es war Anfang der 1990er Jahre. Wir gingen mit der Schulklasse ins Kino und schauten „Schindlers Liste“. Klassenweise ging das ganze Gymnasium in den Film. Anschließend redeten wir im Unterricht darüber. Ich weiß nicht mehr, wie es kam, aber wir erzählten unseren Eltern zu Hause davon und eines Nachmittags ging also Familie Kiyak geschlossen ins Kino.

Wir saßen in dem Film, meine Eltern waren geschockt. Zwar hatten wir die Handlung zu …

Deutschland sorgt sich. Bekommt Fatih Akin den Oscar?

Ich kann mich nicht erinnern, dass ein deutscher Film, der international eine aufregende Reise absolviert und allerorts berührt und begeistert, in der Heimat des Filmemachers, also hier in Deutschland, jemals mit solch einer Lust an Degradierung bedacht wurde, wie es mit Fatih Akins Film Aus dem Nichts derzeit geschieht.

Sein Film behandelt den Konflikt zwischen einer Polizei, die Ressentiments gegenüber dem Opfer hegt und einer Frau, die um den Verlust ihrer …

Herr Höcke sucht eine würdige Gedenkkultur und landet in der Sackgasse


Mein alter Freund und Förderer, der Journalist Arno Widmann, ist mit seinen 70 Jahren ins thüringische Bornhagen gefahren. Er besitzt keine Fahrerlaubnis. Nichts verabscheut er so sehr wie Orte ohne ICE-Anschluss. Er muss sich dann umständlich ein Taxi rufen, stundenlang an einer Bushaltestelle im Regen ausharren, das Taxi kommt, tuckelt ihn bis ans Ende der Welt, kostet ein Heidengeld. Meistens hat der Fahrer kein Wechselgeld dabei, klar, die sind ja …

Das Leid lässt kalt

Einfach untergegangen. Wie die Menschen und ihre Häuser ist auch die Nachricht einfach so untergegangen. Als an diesem Montag bekannt wurde, dass sich in der Nacht zuvor in der Grenzregion zwischen dem Iran und Irak ein sehr schweres Erdbeben ereignete, war das einen Vormittag lang eine Meldung. Bei den Leitmedien handelte es sich noch nicht einmal um die erste Nachricht.

10.000 Menschen sind verletzt, mindestens 500 starben. Die Gebiete, um die …

Hashtag: Ich bin Herwart

Kiyaks Theaterkolumne Nr. 79

Ich verließ meine Wohnung als Reisende nach Hannover, um die Theaterpremiere „Home.Run“ meines Theaterkolumnistenkollegen Hartmut zu besuchen. Vorweg: Ich reise höchst ungerne. Trotzdem dachte ich: Machste mal eine Ausnahme und schaust, was du Schönes aus dem Schauspiel Hannover kopieren könntest, um es im Gorki nachzumachen.

Ich endete als Hashtag „Sturmopfer Herwart“.

Herwart. Ist das schon der befürchtete Einfluss der AfD, dass man in Deutschland bei Namensvergaben für bedrohlichen Wetterumschwung …

Le Mensch

Kiyaks Theaterkolumne Nr. 78
Hin und wieder erreicht mich der Vorwurf, dass ich nicht zwischen Rechten und Rechtsextremen unterscheiden würde. Meist geschieht es dann, wenn ich von der AfD als eine rechtsextreme Partei spreche. Nicht, dass es eine Rolle spielen würde, aber ich verrate ein Geheimnis: Gegen Rechte habe ich nichts einzuwenden, außer einen Sack voll politischer Gegenansichten.

Rechtssein geht demokratisch betrachtet, selbstredend in Ordnung. Zumal sich die konservativen Rechten, ja sogar …

Eine Mauer aus Sprachmüll und Politfolklore

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Diese Rede am Tag der Deutschen Einheit von unserem Bundespräsidenten war – falls mich jemand fragt – so ziemlich das Schrillste, was ich in Sachen Resozialisierung von Rassisten seit der Bundestagswahl gehört habe.

Ich mag es kaum zitieren. Muss ich auch nicht. Wurde ja schon hoch- und runtergenudelt. Irgendwer schrieb, dass es sich um Steinmeiers Ruckrede gehandelt hätte. Nach dem Motto, endlich sagt er, was mal gesagt werden musste.

Also gut, ich …

Westliche Werte gefunden! Sie befinden sich demnächst in der deutschen Panzerfabrik Rheinmetall mitten in Ankara

Liebe Freunde dieser Theaterkolumne,

kann sich noch jemand an den ehemaligen Verteidigungsminister Franz-Josef Jung aus der CDU und den ehemaligen Entwicklungsminister Dirk Niebel aus der FDP erinnern? Beide arbeiten heute für den Rüstungskonzern Rheinmetall. Solche Partnerschaften sind deshalb wertvoll, weil die neugewonnenen Kollegen durch ihre alte Tätigkeit als Minister sehr detailliert wissen, wo man auf der Welt Kriegsgerät gebrauchen könnte.

Wo braucht man gerade dringend Panzer? Zum Beispiel in der Türkei. Denn …

Helmut Kohl seine Witwe und Claus Peymann seine Gewichtsklasse

Zwei Ereignisse haben mich in den vergangenen vierzehn Tagen bewegt und berührt. Da war zum einen das Interview mit Claus Peymann in der gedruckten ZEIT. Peymann ist Theaterdirektor des Berliner Ensembles, 80 Jahre alt und wird bald ersetzt. Gegen seinen Willen. Das Berliner Ensemble ist ein Theater, das in direkter Nachbarschaft zu unserem Gorki steht.

Das Berliner Ensemble gehört einer Privatperson. Nämlich dem Schriftsteller und Dramatiker Rolf Hochhuth („Der Stellvertreter“), der …