Hitler erlaubt, kurdisches Grammatikbuch verboten

Vergangenes Jahr versuchte ich eine Person zu finden, die gegen die Bezahlung einer größeren Summe bereit gewesen wäre, sämtliche Bücher Abdullah Öcalans in deutscher Übersetzung beim Neusser Verlagshaus Mezopotamien für mich zu bestellen. Natürlich sollte diese Person in keiner Beziehung zu mir stehen. Ich hielt Ausschau nach jemandem, der einen Kauf über einen Strohmann einfädeln würde.

Ich fragte in meinem Freundeskreis herum, doch acht Monate lang gelang es mir nicht, jemanden …

Wandel durch Tomatentunke

Natürlich wäre es schicker, zu behaupten, dass ich ein Appartement direkt an der Ostseeküste besitze, weil es sich unter Berliner Künstlern so gehört, dass man in eine Immobilie auf Usedom oder Rügen investiert, statt in Riester zu machen. Die Wahrheit ist wie so oft unglamouröser. Ich bin deshalb häufig im Norden, weil ich mich in Maik aus Pasewalk verliebte. Später liebte ich Sylvio aus Zinnowitz. Dann war ich verrückt nach …

Die politische Mitte gibt es in Deutschland nämlich gar nicht mehr

Nehmen wir an, das Parteienspektrum wäre nicht in rechts und links unterteilt, sondern in pro-oben und pro-unten, so wäre ich definitiv ein pro-unten Wähler. Ich habe ein Herz für die Leute da unten. Weil ich weiß, dass das nicht ihr rechtmäßiger Platz ist.

So aber fehlt mir ein politischer Hafen. Auch vermisse ich politische Stimmen, denen ich gerne zuhöre.

Bislang verortet man das Problem der politischen Heimatlosigkeit auf der Seite der extremen …

Vom Mut, nicht so zu tun, als sei alles in Ordnung

Theodoros Boulgarides wurde am 15. Juni 2005 in München vom NSU ermordet. Wie bei den Morden zuvor und danach wurde er regelrecht hingerichtet. Er war das mutmaßlich siebte Opfer der neonazistischen Terrorzelle.

Im Frühjahr 2011 kontaktierte Yvonne Boulgarides, die Ehefrau des Mordopfers, den sehr jungen Münchener Rechtsanwalt Yavuz Narin, der mit nur 33 Jahren das Mandat übernahm und die Familie seitdem juristisch begleitet.

Noch bevor der NSU sich einige Monate später selbst …

Staatsdoktrin Krieg oder warum Höcke ein guter Vater ist

Anlässlich einer Mahnwache in Deniz Yücels Heimatstadt Flörsheim wurde seine Schwester Ilkay von einem Fernsehteam gefragt, ob sie glaube, dass die Aktion etwas bewirke. Ilkay erklärte, dass sie dort stünden, weil das Wissen darum ihrem Bruder Kraft gäbe. Und ihm das Gefühl vermittelten, nicht vergessen worden zu sein. Man hätte auch antworten können: Mahnwache – das Wort drückt seine Intention bereits aus.

Im Berliner Tagesspiegel stand ein sehr schöner und ungewöhnlich …

Familie Kiyak weint um Familie Friedman

Es war Anfang der 1990er Jahre. Wir gingen mit der Schulklasse ins Kino und schauten „Schindlers Liste“. Klassenweise ging das ganze Gymnasium in den Film. Anschließend redeten wir im Unterricht darüber. Ich weiß nicht mehr, wie es kam, aber wir erzählten unseren Eltern zu Hause davon und eines Nachmittags ging also Familie Kiyak geschlossen ins Kino.

Wir saßen in dem Film, meine Eltern waren geschockt. Zwar hatten wir die Handlung zu …

Deutschland sorgt sich. Bekommt Fatih Akin den Oscar?

Ich kann mich nicht erinnern, dass ein deutscher Film, der international eine aufregende Reise absolviert und allerorts berührt und begeistert, in der Heimat des Filmemachers, also hier in Deutschland, jemals mit solch einer Lust an Degradierung bedacht wurde, wie es mit Fatih Akins Film Aus dem Nichts derzeit geschieht.

Sein Film behandelt den Konflikt zwischen einer Polizei, die Ressentiments gegenüber dem Opfer hegt und einer Frau, die um den Verlust ihrer …

Herr Höcke sucht eine würdige Gedenkkultur und landet in der Sackgasse


Mein alter Freund und Förderer, der Journalist Arno Widmann, ist mit seinen 70 Jahren ins thüringische Bornhagen gefahren. Er besitzt keine Fahrerlaubnis. Nichts verabscheut er so sehr wie Orte ohne ICE-Anschluss. Er muss sich dann umständlich ein Taxi rufen, stundenlang an einer Bushaltestelle im Regen ausharren, das Taxi kommt, tuckelt ihn bis ans Ende der Welt, kostet ein Heidengeld. Meistens hat der Fahrer kein Wechselgeld dabei, klar, die sind ja …

Das Leid lässt kalt

Einfach untergegangen. Wie die Menschen und ihre Häuser ist auch die Nachricht einfach so untergegangen. Als an diesem Montag bekannt wurde, dass sich in der Nacht zuvor in der Grenzregion zwischen dem Iran und Irak ein sehr schweres Erdbeben ereignete, war das einen Vormittag lang eine Meldung. Bei den Leitmedien handelte es sich noch nicht einmal um die erste Nachricht.

10.000 Menschen sind verletzt, mindestens 500 starben. Die Gebiete, um die …

Hashtag: Ich bin Herwart

Kiyaks Theaterkolumne Nr. 79

Ich verließ meine Wohnung als Reisende nach Hannover, um die Theaterpremiere „Home.Run“ meines Theaterkolumnistenkollegen Hartmut zu besuchen. Vorweg: Ich reise höchst ungerne. Trotzdem dachte ich: Machste mal eine Ausnahme und schaust, was du Schönes aus dem Schauspiel Hannover kopieren könntest, um es im Gorki nachzumachen.

Ich endete als Hashtag „Sturmopfer Herwart“.

Herwart. Ist das schon der befürchtete Einfluss der AfD, dass man in Deutschland bei Namensvergaben für bedrohlichen Wetterumschwung …