Manifest der Autoren

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Unser Manifest
Diese Woche gibt es statt einer Kolumne ein Manifest. Ich sage immer: Hauptsache ein Fest.

Ich danke allen europäischen Schriftstellern für ihren Besuch in Berlin und ihre Teilnahme an der Europäischen Schriftstellerkonferenz “Europa – Traum und Wirklichkeit” und wünsche eine gute Heimreise in ihre Heimatländer.
Vor allem danke ich meinen Mitinitiatoren Antje Rávic Strubel, Nicol Ljubic, Tilman Spengler und Frank-Walter Steinmeier. Ein Jahr lang haben wir zusammen gesessen und geplant und gesprochen. Es war eine irre schöne Zeit.

Die Krönung der Konferenz war die Verlesung unseres Manifestes der Europäischen Schriftsteller 2014 im Deutschen Theater.
Klicken Sie auf den Autorennamen, dahinter öffnet sich die Aussage.
Alle Aussagen zusammen lesen sich wie eine einzige große europäische Erzählung.
Bitte schön!

Europa ist für mich ein Kontinent der Geschichten.
An jedem europäischen Ort – ob im Zentrum oder an der Peripherie – ist die Magie des Erzählens auf andere Weise gegenwärtig.
Das kulturelle Gedächtnis Europas ist der Roman.
Europas Zukunft liegt in der Vorstellungskraft und in der Fantasie.
Übersetzung: Doris Kouba
Michael Hvorecký

 

Europa ist ein fernes Feld der Wirklichkeit, gläserne Grenze eines Traums – Schachtel in einer Schachtel mit dem Spiegel der Geschichte, Echo meiner ungeborenen Kinder – Zeit in meinem ungebauten Zuhause.
Übersetzung: Benjamin Langer
Nikola Madzirov

 

Als Kind und junge Frau bedeutete für mich die europäische Literatur „Europa“. Das ideale Europa, das wahre Europa, in dem man glauben konnte trotz der realen Europa des Nazismus und Bolschewismus, ein Europa wo ich tatsachlich lebte. Dichtung war für mich die Wahrheit, trotz aller Realitäten. Das Versprechen einer besseren Welt.
Ágnes Heller

 

Wir haben aufgehört, einander berührende Geschichten zu erzählen. Stattdessen füttern wir uns und die Welt mit Verschwörungstheorien (die immer von den Großen und Mächtigen handeln, nie vom Kleinen und Menschlichen), mit Sensationslüsternem, mit Krimis und Horrorgeschichten. So laufen wir Gefahr, uns von den innersten europäischen Empfindlichkeiten zu entfernen, zu denen schon immer die Zulässigkeit einander widersprechender Erzählungen, Haltungen und Erinnerungen gehörte und weiterhin gehört. Der Mensch ist ohne den anderen unvollständig.
Übersetzung: Bettina Seifried
Leonidas Donskis

 

Vielleicht ist das der größte Traum: Ein Kontinent, versöhnt mit sich. Weil jeder Bürger eines jeden Dorfes, einer jeden Provinz, eines jeglichen Landes seinen Frieden gemacht hat mit sich und seiner Geschichte. Und sie erzählt. In seiner Sprache.
Wenn d a s Europa wäre, wie schön wäre das!
Mely Kiyak

 

Im Jahr 1987 als meine Großmutter, eine einfache Frau aus dem Dorf, krebserkrankt im Bett lag, und ihr nahes Ende spürte, sagte sie plötzlich zu mir. „Wie sehen wohl die Menschen, die in Paris leben aus? Ich hoffe, du wirst es erleben mein Kind, wenigstens einmal im Leben das große Europa zu sehen. Ich wohl nicht mehr“. Sie beendete das Gespräch so plötzlich, wie sie es angefangen hatte, und verlor sich in Gedanken.
Ich, damals eine 16 jährige Gymnasiastin, überrascht und beängstigt von ihren Gedanken, die sie mir so kurz vor dem Ende anvertraute, rührte unendlich weiter den „Qumështor“, bis die sämige Konsistenz des Puddingkuchens nach ihren Anweisungen langsam kochte, und antwortete nicht. In der immer gleich kreisenden weißen Masse versuchte ich dennoch eine Vorstellung von Paris aufzuspüren. Vergebens. Wo ist Europa? Geographisch wusste ich es, trotzdem war es so weit entfernt, wie ein anderer Planet. Ich und viele Albaner hatten nur eine Traumvorstellung davon.
Diese Szene schlummerte lange in meinen Erinnerungen, und acht Jahre später, im Jahr 1995 wurde sie vor einer Passkontrolle lebhaft wach, als ich meinen Pass vorweisen sollte, gut gemustert von dem Beamten, bis er sich sicher war: Kein falscher Pass, kein gekauftes Visum, vom Typ her, keine Gefahr. Vorbei gehen lassen!
Ich spazierte nicht in Paris, wovon meine Großmutter insgeheim geträumt hatte, aber immerhin durch die Straßen einer europäischen Stadt. Und musste nicht zum Vogel werden, um die Grenzen zu überqueren, wie Ismail Kadare schrieb: In einem abgeschotteten Albanien konnten „nur die Vögel die Grenzen überqueren.“ Ich war endlich dort, wovon meine Großmutter im Stillen nur geträumt hat. Benebelt von der Flut der europäischen Eindrücke, von den gleichgültig laufenden Menschen, sauberen Straßen, einer Infrastruktur, die perfekt lief wie eine Schweizer Uhr. Mit Wohlstand prahlend, damals schien er unerschütterlich wie eine Festung. Mich sortierte er lautlos aus, aber unverkennbar. Das ist Europa, atmete ich tief! Ich war eingereist, aber sicher nicht angekommen! So war es damals!
Heute ist dieses Europa für mich eine Realität, täglich erlebbar, aber irgendwie scheint es immer noch ein Traum geblieben zu sein. Besonders in den letzten Jahren. Und nicht nur für mich. Und vielleicht, heute deutlicher denn je!
Lindita Arapi

 

Europa ist eine Sache der menschlichen Angelegenheiten. Die Zukunft Europas liegt darin, dass wir uns umeinander kümmern, den Schmerz teilen, die Umwelt schützen und aufpassen, dass uns der Kummer des anderen nicht entgeht.
Übersetzung: Mely Kiyak
Lal Laleş

 

Die Idee Europas – das ist das Mindeste – bezeichnet einen kulturellen und staatsbürgerschaftlichen Zufluchtsort, so wie es für Naturfreunde die Wälder und Seen sind. Diese Zuflucht verspricht Vielfalt, kulturellen Reichtum, sprachliche, ethnische und historische Vielschichtigkeit und eine Zukunftsvision, die – wenn wir Glück haben – vielleicht wirklich zu einem ökologisch bewußten und respektvollen Umgang mit der Umwelt und zu sozialer Gerechtigkeit führt. Ob diese Möglichkeiten nur Idee bleiben, werden wir sehen; ich gehe davon aus, dass jeder existierende Staat korrupt ist. Aber wenn wir uns nicht einmal vorstellen können, dass eine große Idee über die Einzelansprüche eines Staates hinausreichen kann – und über die ihn steuernden Macht- und Finanzinteressen – , dann sind wir dazu verurteilt, unwürdig zu leben, in isolierten, anfälligen und feigen Interessengruppen.
Übersetzung: Bettina Seifried
John Burnside

 

Allein der Gedanke, dass die Namensgeberin unseres Kontinents aus dem heutigen Syrien entführt wurde, sollte uns Anlass zum Nachdenken geben. Etwa darüber, wie wir hierzulande mit Konflikten und mit ihren Opfern umgehen.
Europa begann mit dem Schwindel und dem Raub eines lüsternen Götterkönigs, kein glücklicher Gründungsmythos. Und gewiss eine Warnung an die allzu Gutgläubigen und Selbstgerechten vor kulturellem Hochmut. Hier begann das helle Nachdenken über den Sinn unserer Existenz, auf diesem Kontinent wurden aber auch mehr finstere Gräueltaten verübt, als Dichter sich erdenken konnten. Das müssen wir als Vermächtnis bewahren.
Der Gedanke an Europa wird das Böse nicht aus der Welt schaffen. Er kann und wird aber jene bestärken, die das Gute zu bewahren versuchen, weil sie wissen, dass man so handeln muss, als ob es möglich wäre, dass man so denken muss, als sei dies ein rationales Problem und dass man so schreiben muss, als wären die Gebote einer Erziehung der Herzen allgemeingültig. Auch das ist eine europäische Tradition, recht besehen ist sie die Allerbeste.
Tilman Spengler

 

Bedeutete das europäische Projekt für meine Generation die Öffnung der Grenzen, den Abbruch der Mauern, die Ausweitung der Welt, also die Freiheit, dann ist der Nationalismus nichts anderes als eine freiwillige Rückkehr in die Unfreiheit.
György Dalos

 

Meine frühe Europa-Erfahrung – langes Warten an den Grenzen;
meine neue Erfahrung – die Grenzen sind offen, aber Europa ist begrenzt.
Maja Haderlap

 

Europa sollte ein sicheres Zuhause für alle Europäer sein und nicht das sadistische Werkzeug der Reichen und Mächtigen, um (wirtschaftlich) schwächeren Staaten unerfüllbare Pflichten und Normen aufzuerlegen; auch sollte Europa nie vergessen, dass es nicht ein state of mind (einiger Weniger) ist, sondern ein Kontinent.
Übersetzung: Bettina Seifried
Vladimir Arsenijević

 

Europa besteht aus zwei Kategorien von Staaten: die Kleinen, und die, die immer noch nicht verstanden haben, dass sie klein sind. Und nur gemeinsam werden sie grösser sein können als sie tatsächlich sind.
Richard Swartz

 

Europa. Soviel Gerede, so viele vergeudete Worte, Vereinbarungen, Rechtssprechungen, Sparpakete … Niemand erinnert sich mehr an die Ideen, die Altiero Spinelli und Jean Monnet inspirierten und den Grundstein legten für die Römischen Verträge, für ein unabhängiges Europa, das sich auf gemeinsames Wachstum und Solidarität gründet.
Ich möchte eine Geschichte über Europa zu erzählen, die diese fragile Union veranschaulicht, eine Union, die zum Scheitern verurteilt zu sein scheint. Unmittelbar nach dem Bürgerkrieg gaben im wirtschaftlich zerstörten und politisch unterdrückten Griechenland einige Eltern ihren Töchtern Namen, in denen sich ihre unerfüllten Wünsche, verletzten Gefühle oder ihre Hoffnungen ausdrückten. Wäre es möglich gewesen, die Welt zu verändern, wären sie dazu bereit gewesen, sei es auch nur mithilfe eines Namens. So tauchten zwischen den wenigen Musen – Kalliope, Melpomene – und vielen Marias auch einige kleine Laokratias (Volksherrschaft) und Eleftherias (Freiheit) auf.
Jahre später kam in der Grundschule in Patras eine neue Mitschülerin in meine Klasse, ein dünnes, dunkelhäutiges Mädchen. Die anderen Kinder machten sich über ihren Namen lustig – sie hieß Europa. Ihre Familie hatte zweimal die Grenze überquert, ihr Leben war also zweifach stigmatisiert – zunächst als Exilanten in Bulgarien nach dem Bürgerkrieg und dann als Flüchtlinge in ihrem eigenen Land. Wer weiß, welche Träume ihre Eltern hatten, als sie ihr diesen Namen gaben? Das frage ich mich noch immer.
Übersetzung: Doris Wille
Ersi Sotiropulous

 

„Europa“ entstand aus dem tiefen Bedürfnis heraus, das furchtbare Blutvergießen und die Menschenmassaker der beiden Weltkriege nie wieder zuzulassen – und das sollte auch weiterhin das Licht bleiben, unter dem Europa steht.
Übersetzung: Bettina Seifried
Anneke Brassinga

 

Was die Menschen in ihren eigenen Ländern verloren haben, durch Armut, Benachteiligung oder ein undemokratisches System, dass erhoffen sie in Europa wieder zu erlangen. Europa ist der letzte Treffpunkt für diese Menschen.
Übersetzung: Hüseyin Yildiz
Şeyhmus Diken

 

Für eine Zukunft in Europa musste mein Vater einen Fragebogen beantworten.
Ankunftsdatum in Frankreich, mit oder ohne Erlaubnis:
7.IV.1959, ohne Erlaubnis.
Ursprünglicher Beruf:
Autoelektriker, Chauffeur.
Sprachkenntnisse (Muttersprache unterstreichen):
Kroatisch.
Warum sind Sie nach Frankreich gekommen?
Hier befindet sich mein Bruder, dies ist ein entwickeltes Land, und ich hoffe, dass Sie mir erlauben, auch hierbleiben zu können.
Unter welchen Voraussetzungen (Arbeitserlaubnis, illegal, Passierschein)?
Illegal.
Warum möchten Sie nicht in Ihre Heimat zurückkehren?
Aufgrund der jugoslawischen kommunistischen Politik.
Welche persönlichen Dokumente besitzen Sie?
Den jugoslawischen internationalen Führerschein.
Kurze Zeit später bekam mein Vater politisches Asyl in Frankreich. Arbeitete auf einem Schrottplatz und in einer Schlachterei. Verliebte sich in eine Deutsche, ging nach Deutschland, wurde Vater, Deutscher, Flugzeugtechniker im Auslandsdienst der Lufthansa. Sein Sohn wuchs in Jugoslawien, Schweden, Griechenland, Russland und Deutschland auf, als erster in der Familie studierte er und ist mittlerweile selbst Vater zweier Söhne, die Ljubic heißen und in Berlin geboren wurden. Es sind solche Geschichten, die Europa ausmachen. Geschichten von Flucht und Zuflucht, von Möglichkeiten und dem Glauben an die Möglichkeiten. Europa muss offen bleiben für solche Geschichten, sonst verliert es seine Identität.
Nicol Ljubić

 

Europa ist ein Geschick.
Eine Insel, wo man uns verlassen hat.
Man stirbt immer noch für Europa, auf der Insel, die niemand sieht.
Alhierd Bacharevič

 

So stelle ich mir Europa vor: Es gibt eine Partitur, die besteht aus der Verfassung, aus den festgeschriebenen Gesetzen und Rechten, es gibt eine Geschichte, aber sie ist nicht abgeschlossen, und es steht nicht geschrieben, wer sie aufführt. Wie dieses Europa klingt, wird sich ändern, je nachdem, welche Instrumente es aufführen, und doch wird es immer der Klang Europas bleiben.
Carolin Emcke

 

Mit Europa assoziiere ich zunächst den geografischen Raum, den ich aus dem Schulatlas kenne. Aber viel wichtiger ist Europa als ein großer Kulturraum mit seinen ähnlichen oder verschiedenen Sprachen, mit ähnlichen oder verschiedenen Gebräuchen, Mythen und Erzählungen. Heute ist der Begriff Europa verbunden mit der Europäischen Union, und der gegenüber stehen wir vom Balkan auf der ärmeren Seite der mit Stacheldraht gesicherten Grenze. Für uns stellt die Idee des vereinten Europa eine Art Himmel auf Erden dar. Bis vor kurzem brauchten wir Visa, um dieses Paradies zu betreten, jetzt sind wir davon befreit, insofern sollten wir uns wohl glücklich schätzen, dass wir von drittklassigen zu zweitklassigen Europäern aufgestiegen sind. Meine primäre Identität ist die eines Balkanesen, und wenn die Teil der europäischen Identität sein sollte, dann bin ich auch Europäer.
Übersetzung: Brigitte Döbert
Faruk Sehić

 

Man kann nicht vom Niedergang Europas reden, solange sich Europa noch Menschen rühmen kann, die bereit sind, für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte zu sterben, wie es in diesem Winter auf dem Maidan in Kiew geschah.
Übersetzung: Bettina Seifried
Oksana Sabuschko

 

Europa – das ist der russische Mythos vom menschlichen Leben.
Michail Schischkin

 

Europa
Du zielst auf das sarkastische Antlitz der Wintersonne
und schießt. Seit so vielen Monaten regnet es nicht – hast du es bemerkt?
Selbst der Himmel gibt dich auf. Und dennoch schießt du, kannst nur schießen.
Du täuscht dich, Europa. Bist alt geworden und hast deine Demut verloren.
Du schießt weder auf den Sarkasmus noch auf den Winter,
nicht einmal auf das Unglaubliche, auf die Verzweiflung.
Du schießt aufs Licht.
Du kannst uns alles entgegenschleudern, Europa: Bomben, Worte, Bilanzen.
Du kannst uns sogar einen Abgeordneten entgegenschleudern, ein Gipfeltreffen.
Aber deine Kinder wollen keine Krawatten. Deine Kinder wollen Frieden.
Deine Kinder wollen nicht, dass du ihnen Suppe vorsetzt. Deine Kinder wollen arbeiten.
Seit so vielen Monaten regnet es nicht – hast du es bemerkt?
Die Erde ist trocken. Nicht einmal Arm in Arm mit der Erde gelingt es uns einzuschlafen.
Während ich dir schreibe, rechnest du weiter ab, Europa.
Wer schuldet. Wer leiht. Wer zahlt.
Aber deine Kinder haben Hunger, sind müde. Deine Kinder haben Angst vorm Dunkeln.
Du musst deinen Kindern ein Lied singen, damit sie einschlafen können.
Ich habe an dich geglaubt, und du hast meine Zukunft und die meiner Geschwister geraubt.
Wenn wir schweigen, Europa, dann nur weil wir, im Gegensatz zu dir,
nicht schießen wollen.
Übersetzung: Timo Berger
Filipa Leal

 

Europa beginnt dort, wo der Menschenhandel aufhört.
Europa beginnt, wenn Ost und West, Süd und Nord bloß noch die Himmelsrichtung anzeigen.
Europa beginnt, wenn Hautfarbe und Geschlecht nichts sind als fliessende Attribute der Schönheit, wie Augenfarbe, wie Haar.
Europa beginnt dort, wo unsere Vorurteile enden.
Antje Rávic Strubel

 

Fuck you, Europa
Europa – American Dream
Europa – Freiheit auf Raten
Nicoleta Esinencu

 

Was Europa nie werden sollte: ein warmes und gemütliches Museum aufgegebener europäischer Werte.
Übersetzung: Brigitte Döbert
Andrej Nikolaidis

 

Um wieder aufregend zu sein, muss Europa subversiv werden…
Übersetzung: Samir Sellami
Florence Noiville

 

Europa stellt heute ein einzigartiges Zivilisationsmodell dar, das in großen Teilen der außereuropäischen Welt Anerkennung und Bewunderung genießt. Aber die Strahlkraft, die das europäische Modell für viele Schwellenländer hat, wird in Europa selbst kaum wahrgenommen. Sind die Europäer dabei, das Projekt Europa und die Hoffnungen, die es weckt, aus Desinteresse, Egoismus und Weltvergessenheit zu verspielen?
Peter Schneider

 

Die Frage heute lautet, ob wir dem europäischen Projekt eine Zukunft und den Menschen Hoffnung geben können. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts war das europäische Projekt auf die Vergangenheit gerichtet, es ging darum, neue Kriege auf dem Kontinent zu verhindern. In einer zweiten Phase galt das Gedächtnis Europas als Rechtfertigung für eine liberale Wende.
Auf diesem Weg hat die Europäische Union die meisten der Ideale verraten, für die sie erdacht wurde. Für das 21. Jahrhundert müssen wir diese Ideale neu formulieren: die Würde des Menschen, soziale Gerechtigkeit, Demokratie, indem wir eine Pädagogik und eine Schule des politischen Denkens schaffen, die unsere Kinder darauf vorbereiten, einen Raum jenseits von Identität, Nationalität und sprachlichen Unterschieden zu bewohnen. Nur wenn wir das „nomadische Europa“, das „kosmopolitische und intellektuelle Europa“ und das „Europa eines sozialen und ökologischen Aufbegehrens“ miteinander verbinden, wird es uns gelingen, dem europäischen Gedanken wieder Hoffnung zu geben. Dafür lohnt es sich zu kämpfen; ob innerhalb oder außerhalb der europäischen Institutionen.
Übersetzung: Samir Sellami
Camille de Toledo

 

Europa ist der reiche Onkel aus Berlin und die hübsche Tante aus Frankreich. Europa ist der exzentrische Cousin aus Amsterdam. Europa bleibt bis zum Beweis des Gegenteils (meist in der privaten Beziehung) ein Stereotyp. Die Mitte Europas liegt in Bosnien-Herzegowina, im Kosovo, auf der Krim und in der Ukraine.
Übersetzung: Brigitte Döbert
Ivana Simic Bodrožić

 

Europa kann man nur von jenseits des Ozeans aus sehen. Von Peking, Buenos Aires und Kinshasa aus sieht man es gut. Aber man kann Europa nicht von Berlin, Ljubljana, Odessa oder Sarajevo aus sehen, weil zuviel Deutschland, Slowenien, zuviel Ukraine und Bosnien im Weg stehen. Deshalb haben die Leute in Europa nicht die geringste Ahnung davon, wie Europa aussieht. Sie wissen nicht, wo es anfängt oder aufhört, sie wissen nicht, wer diese berühmten Europäer sind, wie sie sind oder wie sie sein sollten. Und deshalb ist Europa immer noch Europas größtes Geheimnis.
Übersetzung: Ann Catrin Appstein-Müller
Goran Vojnovic

 

Liebe Welt,
Küsse einen Europäer;
Die brauchen das.

Liebes Europa,
Küsse die Welt;
Du brauchst es.
Übersetzung: Bettina Seifried

Janne Teller


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