Nichts Neues aus Nichtberlin

Foto: Christian Seifert

Mittwoch, 25. November

Ich glaube, Karl Lauterbach liest meine Kolumnen. Vergangene Woche schrieb ich, dass das Unternehmen FlixBus seinen Betrieb für November in Deutschland ausgesetzt und staatliche Hilfen beantragt hat, weil niemand mehr verreisen soll. Also schlug ich vor, FlixBus könne für umme Kinder zu Kita, Schule, Sport und Spielplatz chauffieren, wenn das Unternehmen schon Wirtschaftshilfen bekommt. Es macht doch wenig Sinn, wenn die Kinder in der Klasse mit Abstand und im Schulbus wieder zusammengedrängt sitzen, weil es zu wenig Schulbusse gibt. Und nun lese ich, dass Karl Lauterbach fordert, die Reisebusunternehmen könnten doch die Schulbusse entlasten. Will nicht kleinlich sein, aber ein Täfelchen Schokolade hätte Lauterbach mir zum Dank senden können. Ist schließlich nicht meine Aufgabe, die Regierung mit praktischen Konzepten zu versorgen.

Während ich das gerade aufschreibe, fällt mir auf, dass in der vergangenen Zeit ein Haufen Artikel über Karl Lauterbach erschienen sind. Zeitungsübergreifend gleicher Tenor. Der Politiker sei überall zu sehen und zu hören, trage komische Klamotten (dabei ist er einfach nur anständig gekleidet), rheinischer Akzent, pipapo, nerve ungemein, habe aber – und jetzt kommt es! – uneingeschränkt immer Recht.

Der Besserwisser. Vor nichts haben die Deutschen mehr Angst als vor Menschen, die etwas besser wissen oder überhaupt etwas wissen. Im Grunde genommen teilt Lauterbach das Schicksal von Professor Drosten. Ihnen wird zum Verhängnis, dass sie Wissenschaftler sind und nicht Meinungsspaltenkrieger.

Dienstag, 24. November

Jetzt geht das wieder los. Kaum ist Lockdown, wird in den Zeitungen wieder erklärt, wie man Kartoffeln richtig lagert und wie man seinen Haushalt klug organisiert, um nicht für jede Tüte Mehl in den Laden zu laufen und sich der Gefahr einer Ansteckung auszusetzen. Ist dieses Land wirklich eine Ansammlung von unerwachsenen Menschen, die nicht in der Lage sind, Vorratshaltung zu betreiben? Ausgerechnet dieses Land?

Montag, 23. November

Die neue Woche hat begonnen. Texte müssen geschrieben, Absprachen mit Redaktionen getroffen werden, Verlage warten auf Post und Antworten – ich aber hänge wieder bei Margaret Atwood fest.

Eines Tages wirst du eine Biegung im Leben erreichen/
Die Zeit wird sich wölben wie ein Wind

Kann mich nicht satt stöbern in Die Tür. Lese seit Monaten darin, entdecke immer Neues. Es gibt wohl einen neuen Gedichtband von ihr, ich aber brauche nur The Door – poems. Leider ist die Ausgabe vergriffen. So wird mein PDF leider niemals Spuren des Blätterns und Innehaltens, des aufgeregten Seiteaufschlagens, kurz: szenetypische Zeichen der Lesegier aufweisen.


Liebe Leserin, lieber Leser, hallo Kinder,

als Kinder aßen wir Obst und Gemüse nur dann, wenn Vater oder Mutter es schälten, schnitzten und uns die Teller mit dem Geschnurps auf den Schoß legten. Wir aßen alles auf und dann moserten wir. Ich liebte Kohlrabi mit Zitronensaft und Salz, das Geschwister war verrückt nach Gurken. Weil meine Eltern eine gnadenlos harte Erziehungskultur hatten, lagen auf dem Teller Möhren und Äpfel, aber nie unsere Lieblingssorten. Das war immer so. Sobald wir sagten: »Das ist toll, das schmeckt uns«, gab es etwas anderes.

Ich glaube, die Idee dahinter war, dass wir allen Lebensmitteln gegenüber demütig und dankbar sein sollten, oder anders ausgedrückt, meine Eltern, insbesondere die Mutter, verabscheuten den Gedanken, dass die Kinder bestimmen, was es zu essen gibt.

Einmal wagte sich mein Geschwister besonders weit aus dem Fenster und warf unserer Mutter vor, dass auf dem Nachmittagsteller nie ein Keks oder eine Süßigkeit in Knisterpapier aus dem Kassenbereich eines Supermarktes lag. Meine Mutter kriegte einen hysterischen Schreianfall (»Bist Du kaputt im Kopf? Willst du Zucker essen und sterben? Willst du, dass Papa dich ins Grab stecken muss? WILLST DU DAS???«).

Manchmal warfen wir unserer Mutter vor, dass sich unser Elternhaus weniger wie ein behütetes Zuhause anfühlte als vielmehr wie ein Gefangenenlager. Unsere Mutter strahlte dann immer über das ganze Gesicht und antwortete mit gerolltem R: »Freut mich zu hören, Kinderrr!«

Man kann es sich nicht vorstellen, aber außer Butter, Käse, Tomatenmark aus der Tube und geschälten Tomaten in der Dose gab es bei uns keine verarbeiteten Lebensmittel. Meine Eltern machten Rillettes als Brotaufstrich, den Yoghurt setzten sie selber an und wenn sie gut drauf waren, durften wir uns Honig ins Dessert tropfen. War meine Mutter weg, brachte mein Vater uns manchmal Fischstäbchen mit, die wir aßen und dann erpressten wir den Vater anschließend damit, dass wir ihn verpetzen werden. Auf diesem Weg kamen wir an andere Dinge aus dem Supermarkt ran.

Das alles fiel mir vorgestern nur deshalb ein, weil ich eine Mutter mit ihrem Kind im Supermarkt beobachtete, die sich ständig mit dem maximal Fünfjährigen absprach.
»Soll Mama am Donnerstag Reisauflauf machen?«, fragte sie den Kleinen, dem eine beachtliche Rotzspur aus der Nase schleimte. »Nein«, krächzte der höchstwahrscheinlich nicht alphabetisierte lückenhaft bezahnte Kerl, »Kartoffelbrei!«, und die Mutter wiederholte: »Kartoffelbrei?«. »Ja, Kartoffelbrei«, gab der Kleine zur Antwort. Die Mutter drehte auf der Stelle mit dem Einkaufswagen um und fuhr zurück zum Gemüseregal.

Später sah ich sie bei den Getränken wieder. Natürlich sprach sie sich auch hier in allen Fragen, die ein Wochenendeinkauf aufwirft, mit dem Kurzwüchsigen ab. Ich war derart fasziniert, dass ich ihr bis nach draußen folgte, wo sie einen Hund ableinte, der groß wie ein Strandkorb war. Und dann fragte sie – und ich will tot umfallen, wenn ich mir das ausdenke – den Hund: Na Tappsi, willst du, dass wir noch Gassi gehen oder sollen wir direkt nach Hause? Der Hund sagte: Nee, lieber sofort nach Hause.

Liebe Leserschaft, danke für Ihre freundlichen und freudigen Reaktionen von vergangener Woche. Sie können jederzeit hier das Tagebuch in der Woche mitlesen. Caro meint allerdings, dass der Hinweis zwecklos sei, die Leute lesen es lieber, wenn das Journal als Email mit einem possierlichen Anschreiben im Postfach landet.

Ich verurteile Sie nicht! Ich verstehe es. Es ist wie mit den Obst- und Gemüsetellern in der Kindheit. Wenn es schon mal da steht, greift man zu. Also schnitze ich kleine Gesichter in Paprikaspalten und stiftele Ihnen die Möhrchen.
Gern geschehen! Alles andere anbei,

Herzlich
Ihre Mely

23. November 2020

Wochenende 21./22. November

Schlafen, träumen, dösen/
Chihuahua-Werner liebkösen

20. November

Das erste Mal seit über einem Jahrzehnt ziehe ich den Waldspaziergang einem Strandspaziergang vor. Der Herbst in diesem Jahr ist eine einzige Kitschkulisse. Selbst im trübsten Nebel leuchtet alles in grün, gelb, rot und braun. Wenn man durch den Wald läuft, raschelt es, als wanderten Mäusekolonnen durch das Laub. Im Wald treffe ich auf Spaziergänger, die nett, fröhlich und redselig sind. Jedes Mal, wenn mich einer anspricht, drehe ich mich nach einer Weile um und schaue der Person hinterher. Kannten wir uns?

Zu Hause angekommen, habe ich das Gefühl, ich komme aus einem fremden Land. Was war das denn bitte? Freundliche Leute mit Bock auf Sabbeln?? In Emmpfau? Bin erschüttert.

19. November

Schon seltsam, dass die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten der Länder meinen, den Lockdown (der diesen Namen eigentlich nicht verdient) mit der Rettung des Weihnachtsfestes begründen zu müssen. Wenn man mich fragt, ist Weihnachten schon lange verloren. In der Drogerie Rossmann sind gerade Pinguine mit Weihnachtsmütze auf Servietten und Geschenkpapier der letzte Schrei. Jesus hätte sich im Grabe umgedreht, hätte er es vor 2000 Jahren nicht eigenmächtig verlassen.

Unabhängig davon, wie und ob man Weihnachten feiert, braucht man während einer Pandemie, die bislang in sehr kurzer Zeit sehr viele Todesopfer kostete, doch keine separate Begründung für Maßnahmen zur Eindämmung des Virus. Reicht der Schutz von Menschenleben – allen voran des eigenen – als Grund für die Reduzierung der sozialen Kontakte nicht aus?

Mittwoch, 18. November

Heute früh im Deutschlandradio Kultur fast eine Heiligsprechung Lorenz Caffiers gehört. Extra nur mit halbem Ohr zugehört, und gerade so mitbekommen, dass er die NPD geächtet habe. Da dachte ich, ganz Deutschland hat die NPD geächtet und das war außerdem in einem anderen Jahrhundert. Unbehelligt von der regierenden mecklenburg-vorpommerschen CDU ist hier ein Terrornetzwerk entstanden. Keine Bier trinkenden Feierabendnazis, sondern echte Terroristen, darunter Elitepolizisten und Spezialkräfte aus Sondereinheiten. Und nun schwingt der Radiosender den perforierten Weihrauchkessel über Caffier. Unangenehm. Richtig unangenehm.

Die Ostseezeitung nicht aus dem Briefkasten geholt. Gestern hatten sie den gleichen kleinen Kasten rechts unter dem Knick für die Affäre reserviert. Warum ist das so? Sympathisiert die Zeitung mit Rechtsextremen? Sind sie ihnen egal? Jeder Hirsch, der an der B 110 am Laub schnuppert, wird zur Titelstory aufgewertet, aber ein Innenminister, der Schulter an Schulter mit militanten Neonazis Waffendeals macht, nicht.

Keine paar Stunden später Nazis vor dem Reichstag, die angeblich gegen das Infektionsschutzgesetz demonstrieren, das sie mit dem Ermächtigungsgesetz von 1933 vergleichen.

Vor einigen Tagen fand in Frankfurt am Main eine Coronaleugnerdemo statt, auf der sie ein elfjähriges Mädchen auf der Bühne sprechen ließen, die erzählte, dass sie gezwungen gewesen sei, ihren elften Geburtstag »wegen Corona« in mehreren Schichten zu feiern. Das arme Ding musste  f ü n f m a l  feiern und Kuchen essen. Es ging ihr so schlecht wie damals der Anne Frank.

Da dachte ich, so stellen sich also heutzutage Kinder das Leben der Anne Frank vor, die jahrelang in einer kleinen Kammer hinter dem Bücherschrank in den Niederlanden gefangen war, hungerte, fror und am Ende in der Gaskammer ermordet wurde. Wie einen Kindergeburtstag, bei dem man f ü n f m a l Kuchen essen muss. Ich hätte mich als Bürgermeister von Frankfurt zu Tode geekelt, dass in meiner Stadt so etwas von der Bühne einer genehmigten Demonstration gesprochen wird. Erfahren habe ich das alles aus der Frankfurter Rundschau.

Apropos Bühne. In Neuruppin, also mitten in meinem derzeitigen Bundesland, demonstrierten ebenfalls Coronaleugner und verbreiteten von der Rednertribüne aus das Gerücht,  eine deutsche Frau sei von Flüchtlingen nach einer Massenvergewaltigung schwer verletzt zurück gelassen worden und die Behörden vertuschten das alles. Die Demonstration bestand aus einer Handvoll Leuten, aber der Nordkurier blieb daraufhin tagelang an dem Fall dran. Die Kollegen wiederholten gebetsmühlenhaft, dass es ein Gerücht gebe, dass man das Gerücht aber nicht weiter verbreiten wolle. Damit man das Gerücht in allen Einzelheiten erfahren kann, wurde sicherheitshalber das Video von der Demobühne verlinkt, in dem die angebliche Massenvergewaltigung geschildert wurde. Um die Wichtigkeit des alarmierenden Gerüchtes zu betonen, meldete sich der Chefredakteur vom Nordkurier persönlich und betonte, dass man sich entschlossen habe, das Gerücht nicht weiter zu verbreiten, schließlich handele es sich um ein Gerücht. Wie gesagt, das Gerücht kursierte anfangs nur auf den Kanälen der Rechtsextremen. Per Nordkurier aber hatte ganz Mecklenburg-Vorpommern von dem Gerücht einer Massenvergewaltigung erfahren. Wenige Tage später gab die angeblich schwer verletzte Frau der Polizei gegenüber zu, sich alles ausgedacht zu haben.

Worum es mir dabei geht, ist die Kollaboration der bürgerlichen Zeitungen mit den Rechtsextremen. Ob nun ungewollt, aus Dummheit, oder in stillem Einverständnis: Sie helfen der militanten und bewaffneten Bewegung, dass ihre Anliegen permanent eine Öffentlichkeit bekommen. Dass in dieser »Bewegung« auch Dummköpfe, Evangelikale, Ökonazis und DDR-Nostalgiker mitlaufen, macht die »Bewegung« nicht weniger gefährlich, sondern spricht einmal mehr gegen die Rechtsextremen.

Dienstag, 17. November

Rücktritt Lorenz Caffier.

Nicht der Erwerb der Waffe sei ein Fehler gewesen, aber sein Umgang damit, sagte Caffier zur Begründung. Und: Es sei »blanker Unsinn und geradezu ehrverletzend«, dass ihm eine Nähe zum rechtsextremistischen Netzwerk »Nordkreuz« oder anderen rechten Netzwerken angedichtet werden solle. Außerdem wolle er mit dem Rücktritt seine Familie schützen.

Mit anderen Worten: Er ist ein Opfer.

Vermute stark, dass die Deutsche Polizeigewerkschaft mit ihrem Vorsitzenden Rainer Wendt, Horst Seehofer und Hans-Georg Maaßen ihm zum Trost einen Blumenstrauß und eine kleine Panzerfaust aus Vollmilchschokolade schicken werden.

Montag, 16. November

Ostseezeitung, kleine Notiz, unten am Rand. Irgendwas von »Caffier unter Druck«. Stell dir vor, du hast eine Zeitung, dein Innenminister shoppt bei ortsansässigen Nazis eine Knarre, aber du machst mit Tiergeschichten und Verkehrsmeldungen auf.

Der Nordkurier hebt jede neue Meldung über Caffier in seinem Onlineauftritt als Aufmacher hoch. Und erinnert bei der Gelegenheit daran, dass Caffier sich mitten im Naturschutzgebiet in Neppermin auf Usedom ein Grundstück für einen Appel und ein Ei kaufte und sich dort ein Ferienhaus baute.

14./15. November

Gestern die Wahnsinnsnachricht, dass Lorenz Caffier, Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, sich von Frank T., also aus dem Umfeld des rechtsextremen Terrornetzwerks Nordkreuz, eine Waffe gekauft hat. Bei der Waffe handelt es sich um eine Glock, die Caffier angeblich für die Jagd benötige. Eine Glock ist eine richtige Wumme und ich kenne Jäger, die so etwas nicht besitzen. Ich kenne viele Jäger und kein einziger trägt so eine Wumme am Hintern bei der Jagd. Aber gut, was weiß ich schon.

Ich erinnere mich an eine Dokumentation des NDR (»Protokoll einer nächtlichen Abschiebung«), bei der sich Caffier dabei filmen ließ, wie er nachts um drei Uhr zusammen mit der Polizei Flüchtlinge aus den Betten zerrt und zum Flughafen zur Abschiebung eskortiert. Dazu trägt er ein Käppi auf dem Kopf und macht einen auf Cop.

Nein, er habe von nichts gewusst. Von gar nichts. Nazis in Mecklenburg-Vorpommern? Auf dem Schießstand, dessen Schirmherr er war, dem über 50.000 Schuss Munition geklaut worden sind für den »Tag X«, an dem Ausländer und Linke erschossen werden sollten, von den zigtausend gehorteten Leichensäcken, von den Todeslisten, von all dem hat er nichts gewusst, woher auch?

Armer kleiner, unbescholtener Innenminister. Und jetzt kommt die Presse und stellt ihm Fragen zu seinen »Privatangelegenheiten«. So nennt das ein Innenminister, der für die militanteste Neonaziszene Deutschlands verantwortlich ist, wenn er beim Nazi Waffen einkaufen geht und dabei erwischt wird.

Die Recherche ist den Kollegen von der taz zu verdanken, die seit Jahren unermüdlich über die rechten Terroristen aus Mecklenburg-Vorpommern recherchieren und Stück für Stück immer irrsinnigere Details herausarbeiten.

Die kleine, linke Genossenschaftszeitung taz aus Berlin-Kreuzberg. Nicht das Innenministerium, nicht die Polizei, nicht der Verfassungsschutz aus Mecklenburg-Vorpommern hat das Netzwerk ans Licht der Öffentlichkeit gehoben, sondern unterbezahlte Journalisten.

Damit ist zum Kampf gegen Rechtsextremismus, dem sich der Innenminister Lorenz Caffier und die Ministerpräsidentin Manuela Schwesig angeblich so verpflichtet sehen, alles gesagt.


Foto: Christian Seifert

So, liebe Theaterbegeisterte, alles wie gehabt, Moin Moin von der Küste!

Wussten Sie, dass der Unterschied zwischen dem einfachen Moin und dem doppelten Moin Moin darin besteht, dass das Moin ein Gruß im Sinne von »Hallo und Tschüß« ist, wohingegen das doppelte Moin eine Einladung zum Gespräch signalisieren soll? Angeblich soll das an der Nordseeküste in Schleswig-Holstein so sein. Ich bin gerade an der Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern und kann versichern, dass hier selbst ein sechzehnfaches Moin zu keinem Gespräch führen wird. Ich glaube, dies ist, neben Finnland, die wortkargste Gegend der Welt. Und jetzt stellen Sie sich mich mal in diesem Landstrich vor – fröhlich die aneinandergereihten Moins flötend. Und dann die Leute!

Wir machen es jetzt wie im Frühjahr, als wir das Theater schließen mussten. Sie erinnern sich? Ich nutzte die vorstellungsfreie Zeit, und schrieb statt der vierzehntägigen Theaterkolumne ein Journal mit Notizen, Erlebnissen, Gedanken. So wird es wieder sein. Ich schreibe so lange täglich für Sie, bis ich das Gefühl habe, dass ich Sie wieder Ihrem Schicksal überlassen kann.

Damit wollen wir als Gorki Theater natürlich auch sagen: Wir sind da!

Wenn Sie nicht ins Theater dürfen, kommt das Theater zu Ihnen. Mit Briefen, Tagebucheinträgen, den Streams. Ich denke ja immer, ohne Kultur sind wir verloren. Ich schreibe nun schon im hundertsten Jahr als Theaterkolumnistin, und es gibt nichts – ich schwöre –, was ich lieber tue. Nirgendwo habe ich so viel Freiheit wie am Theater. Bei keiner Zeitung, in keinem Verlag.

Um auch mal die Größenordnung zu nennen: Sie gehören zu den 40.000 Menschen, die wir auf diesem Weg erreichen, die Reichweite in den Sozialen Netzwerken nicht mitgezählt. So klein ist unser Theaterkolumnendorf hier also auch wieder nicht. Ich kenne Zeitungen, deren verkaufte Auflage kleiner ist.

Ich bin am gleichen Ort wie im Frühjahr beim ersten Lockdown, in einem Schreibappartement an der deutschen Ostseeküste. Die Temperaturen sind gesunken, Nebelsuppe hängt tief über der Ostsee, hier in »MV«. Emmpfau heißt es hier offiziell, und keinesfalls Mekkpomm.

Im Frühjahr nannten wir das Journal »Neues aus Nichtberlin« und also heißt es dieses Mal »Nichts Neues aus Nichtberlin«, denn irgendwie muss man es ja nennen.

»Irgendwie muss man es ja nennen« ist ein berühmter Satz von Mandy aus dem Vor-Erzgebirge. Mandy war meine ehemalige Nachbarin auf dem sächsischen Sommersitz meines ostdeutschen Ex-Mannes. Ich spreche hier von meinem Leben von vor zwanzig Jahren. Unser Dorf lag zwischen Öderan und Frankenstein, und ich denke, das beschreibt das feeling dieser Gegend und jener Zeit bereits ausreichend. Mandy saß in meinem Garten, hatte ihre Tochter im Kinderwagen dabei, eine weitere war noch in ihrem Bauch. Ich fragte Mandy, wie das Baby heißen soll, und sie antwortete: »Sandy«. Als ich etwas verdutzt schaute, schob sie erklärend hinterher: »Peggy heißt ja schon die Kleine«, sie zeigte auf ihre einjährige Tochter, »und Pamela« (genaugenommen sagte sie Bämmela) »heißen ja schon die ganzen anderen Mädchen im Dorf – und irgendwie muss man es ja nennen.«

Liebe Leute, hiermit eröffne ich offiziell mein tägliches Journal, wie immer redaktionell aber mehr noch anekdotisch betreut von Ludwig, unserem Fachdramaturgen. Caro sorgt dafür, dass die Kolumne in Ihrem Postfach landet und auf der Homepage der Theaterkolumne sowie in den Sozialen Netzwerken. Wie immer schwebt die schützende und segnende Hand unserer Intendantin über uns. Ich danke allen und grüße Sie herzlich

Ihre Mely

12. November

Mit Ludwig telefoniert. Wir sprachen über die sogenannten Coronaleugner, die sich immer deutlicher neben ihren ganzen anderen Ideologien eben auch als Rechtsextreme herausstellen. Rechtsextrem im Sinne von demokratiefeindlich und dem Staat gegenüber feindlich gesonnen. Warum ist es den Rechtsextremen immer wichtig, ihr Anliegen zu verschleiern? Anders als bei Linken, die gerne offen sagen, dass sie Antifaschisten, Kommunisten oder Antikapitalisten sind, haben Rechtsextreme ein Problem mit der ehrlichen Selbstetikettierung. Sie nennen sich konservativ, nationalbewusst oder besorgt.

Ludwig erzählt, dass das doch ein altbekanntes Muster sei. Von seinem Nazigroßvater erzählte man nach dem Krieg in der Familie noch jahrzehntelang, dass er nur deshalb bei der Reiterstaffel der SA gewesen sei, »weil er Pferde so abgöttisch liebte«. Darüber lache ich mich seitdem jeden Tag kaputt. Man kann gegen den Faschismus sagen was man will, aber schöne Pferde hatten sie.

10. November

Heute morgen, ich lief runter ins Dorf, weil ich meine Post erledigen musste, stand vor mir in der Warteschlange ein alter Herr, der seine Rente immer auf der Postbank abhebt und erfuhr, dass er das nur noch bis Ende November tun könne. Er hatte einen Rollator dabei. Es war offensichtlich, dass er sich nur rasch die Schuhe anzogen hatte und losgetuckert war. Sein Trainingsanzug sah nicht frisch aus, die Haare klebten gelblich im Halbrund um den Kopf. Die Filiale, wo er künftig seine Rente abheben muss, ist sechs Kilometer entfernt. Zwei Dörfer weiter. Zu Fuß ist das, wenn man rasch läuft, über eine Stunde. Mit dem Rollator wird das eine halbe Ewigkeit dauern. Der alte Mann sagte der Schalterbeamtin, dass er unter diesen Umständen eine größere Summe abzuheben gewillt sei. Sie fragte leise, an wie viel er dabei gedacht habe. Mit lauter, fast stolzer, fester Stimme antwortete er: »180 Euro«. Ich kann gar nicht sagen, wie traurig mich das machte.

4. November

Am letzten Morgen vor dem offiziellen Lockdown, die Feriengäste müssen nun alle endgültig abreisen (ich habe eine offizielle Arbeitsbescheinigung und darf bleiben), ruft mir eine fremde Frau zu: »Sie sind ja immer noch da!«

»Ja«, rufe ich zurück, »ich bleibe auch!«

Normalerweise würde man jetzt erwarten, dass eine neugierige Rückfrage kommt oder dergleichen. Aber das hier ist der Norden. Die fremde Frau schreit zurück: »Na denn is’ ja gut« und geht weiter.

26. Oktober

Erste Amtshandlung wie immer nach meiner Ankunft: im Nordkurier blättern und mich auf den neuesten Stand bringen. Ich lese, dass Philipp Amthor in Torgelow zum Bundestags-Kandidaten gewählt wurde. Er kann im Herbst 2021 wieder im Wahlkreis 16 (Mecklenburgische Seenplatte I – Vorpommern-Greifswald II) antreten. Er war der einzige Bewerber.

Nur zur Erinnerung: Amthor geriet im Sommer in die Schlagzeilen, weil er für eine amerikanische Firma Lobbyarbeit im Bundestag betrieb. Natürlich verbunden mit jeder Menge Bettelbriefe bei der Regierung, dass man für Augustus Intelligence (so der Name der Firma, deren Direktor er sogar war) doch dringend etwas tun müsse. Vor allem bettelte er im Bundeswirtschaftsministerium seines Parteifreunds Peter Altmaier. Luxusreisen und Champusabende inklusive. Ich habe nichts gegen Champus und Luxus, aber wenn einer dreizehn Millionen Menschen in Deutschland Armut bescheinigt und ihnen aufmunternd zuruft: »Von Jammern ist noch niemand reich geworden«, dann ist das schon krass ekelig. Irgendwie hat er die Sauerei politisch überlebt. Es waren am Ende auch alle so dermaßen in diesen Lobbyskandal verwickelt, dass man parteiintern, wie so oft in solchen Fällen, dann einfach zusammenhielt.

Amthor, der aus Ückermünde stammt, hat die Wahl mit 43 Stimmen »gewonnen«. »Gewonnen« ist natürlich nicht ganz korrekt, denn, wie gesagt, er war der einzige Bewerber. Nach der Wahl bedankte er sich in seiner gewohnt überschwänglichen, komplett verlogenen Art für die »GROSSE RÜCKENDECKUNG«.

Große Rückendeckung bedeutet in diesem Fall: Selbst nach dem strengen Corona-Hygienekonzept hätten von den 1000 CDU-Mitgliedern noch 140 Leute in der Tennishalle Platz gefunden, in der gewählt werden sollte. Gekommen waren aber nur 45 Mitglieder. Einer enthielt sich, und einer stimmte nicht für ihn, also bekam er 43 Stimmen.

Das sind nicht einmal fünf Prozent der stimmberechtigten Mitglieder, oder anders ausgedrückt, weder Rücken noch Deckung.

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