Wir werden erschossen. Oder vergast. Egal!

Seit Jahren warte ich darauf, dass es endlich einer von denen ausspricht. Dass nämlich das Ziel der Faschisten darin besteht, alle Immigranten und deren Nachfahren sowie die Flüchtlinge zu vernichten. Die Frage ist für mich nie ob, sondern wie.

Jetzt war es soweit. In einem vom Fernsehsender Pro7 mitgeschnittenen Gespräch für die Dokumentation »Deutsch, rechts, radikal«, die vergangene Woche ausgestrahlt wurde, plauderte der ehemalige Parteisprecher und spätere Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Christian Lüth, mit der rechtsextremen Influencerin Lisa Licentia. Sie sitzen in einer Berliner Bar, wo er ihr die Pläne der AfD in Bezug auf Migranten verrät. Es fällt der Satz »Wir können die nachher immer noch alle erschießen. Das ist überhaupt kein Thema. Oder vergasen, oder wie du willst. Mir egal.«

Ja, ihm ist es egal, aber mir ist das nicht egal. Man will sich schließlich gerne vorbereiten und nicht holterdipolter erschossen oder vergast werden.

Ob man auf altbewährte Methoden des Wegmachens zurückgreifen wird, oder wird man sich etwas neues und innovatives ausdenken? Wird man uns vorher in Arbeitslager nach Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein deportieren, wo wir jahrelang Krabben pulen müssen? Wird man uns auf die Ostseeinseln bringen, wo wir die Windkrafträder mit eigener Körperkraft drehen müssen?

Vor einigen Jahren schrieb ich an dieser Stelle bereits einen Text über diese Fragen »Werden sie uns mit FlixBus deportieren?« http://kolumne.gorki.de/kolumne-93/

Die Reaktion war allgemeine Empörung und Entsetzen. Wenn es originär deutsche Gefühle gibt, dann sind das Empörung und Entsetzen.

Heute würde ich den FlixBus-Text anders schreiben. Ich glaube nicht, dass man uns einen Bus spendieren wird. Ich glaube, man wird das Netz der Ladestationen für Autobatterien deutschlandweit ausbauen, damit wir mit dem Tesla selber in die Arbeitslager fahren. Die Teslas müssen wir natürlich bezahlen. So hätte man eine sichere Abnahmezahl der Elektroautos, was einen unglaublichen Schub für den Wirtschaftsstandort Brandenburg bedeuten würde. Wer sich keinen Tesla leisten kann, darf auf einen Elektro-Scooter zurückgreifen. Wisst ihr, worauf ich keinen Bock habe? Auf die Fahrgemeinschaften mit den aufgeregten, verfressenen Ausländern, die jede halbe Stunde anhalten und Picknick an der Raststätte machen müssen. Ich würde auf jeden Fall dafür sorgen, dass ich alleine vertrieben werde, damit ich auf der Fahrt meinen Gedanken nachgehen kann. So wie ich die Medienlandschaft kenne, bietet man mir sicher eine tägliche Kolumne an, in der ich von der Stimmung unterwegs berichten soll.

Weder ist Lüths Aussage überraschend noch lässt sie einem das Herz in irgendeiner anderen Hinsicht aufgeregter schlagen. Faschisten haben immer nur ein Programm: Stigmatisieren, segregieren, deportieren, vernichten. Überraschend an dem Vorgang ist lediglich, dass die AfD ihren Pressesprecher nach Bekanntwerden des Zitats fristlos entließ. Das versteht man natürlich überhaupt nicht. Wurde er entlassen, weil er zu früh über die Pläne plauderte? Oder war die Wortwahl zu grob? War vergasen das falsche Wort für vergasen? Wäre – vor allem im Hinblick auf eine grüne Regierungsbeteiligung – der Euphemismus »CO2-neutrale Verbrennung« das bessere Label für die alte Methode?

Mein Beruf ist Sprache. Ist doch klar, dass der einzig interessante Punkt an meiner bevorstehenden Vernichtung nicht die Tatsache an sich ist, sondern deren poetische Umschreibung. Damals hieß es Konzentrationslager. Wie wird es künftig heißen? Kontemplations-Retreat? Wird aus dem recht groben Wort der »Tötung« die für die Wellnesskultur empfänglichen Deutschen weniger harsche Umschreibung »plötzliche Entschleunigung« verwendet? Eins ist klar. Es wird bei dem Versuch unsere Vernichtung sprachlich zärtlich vorzubereiten, nicht darumgehen uns zu schonen und uns die Angst vor dem Sterben zu nehmen, sondern darum, die Wählerschaft nicht mit obszönen Begriffen zu belästigen. Was immer geschehen wird, sprachlich wird nichts an »die zwölf Jahre« erinnern. »Zwölf Jahre« nennt man in der AfD übrigens die Zeit der NSDAP-Herrschaft. Müssen Sie mal drauf achten. Die sagen nicht Faschismus oder Nationalsozialismus, sondern immer »die zwölf Jahre«.

Das muss man den deutschen Faschisten übrigens lassen. Sie halten immer Wort und ziehen ihre Sache knallhart durch. Was bei Beatrix von Storch noch das Ausrutschen auf der Maus war (sie wollte fliehende Mütter und Kinder an den Grenzen erschießen), ist innerhalb weniger Jahre schon bei »Vergasen oder Erschießen, egal!«angekommen.

Manchmal werden Gesetze von den Regierungsparteien CDU und SPD erlassen, die stark dem Geiste der AfD ähneln. Die Grundgesetzänderung, um den Entzug der deutschen Staatsangehörigkeit bei einer Mitgliedschaft in einer ausländischen Terrormiliz im Ausland zu ermöglichen, wurde gemeinsam mit der ehemaligen SPD-Justizministerin Katarina Barley und dem CSU-Innenminister Horst Seehofer durchgesetzt. Wenn also ein Andreas oder Kevin zum IS geht und zurückkommt, darf er Deutscher bleiben und ins deutsche Gefängnis. Der Doppelstaatler Kemal oder Murat aber wird ausgedeutscht, und darf nicht zurück. Man kann es auch so sagen: Das stand genauso im Wahlprogramm der AfD. Anderes Beispiel: Dass immer noch kein einziger Flüchtling seit dem Brand in Moria nach Deutschland geholt wurde, würde, wenn die AfD regierte, auch nicht anders sein. Ich sage dazu immer: Alles fängt immer mit irgendwas an. Und meistens fangen die anderen damit an. Nicht die Faschisten.

Was für die Nationalsozialisten galt, gilt für die Alternative für Deutschland heute. Sie gehen in ihren Vernichtungsphantasien immer einen Schritt weiter. Aus Bürgern mit Migrationsgeschichte und deutschem Pass sollen irgendwann Bürger mit Migrationsgeschichte ohne deutschen Pass werden… – ach, ich spare mir das Referat! Ich werde doch einer deutschen Leserschaft nicht erklären müssen, wie die ganze Sache rechtsstaatlich sauber ablaufen wird. Kennt man noch alles von damals. Man schuf für jeden Schritt, der aus Mitbürgern Feinde machen sollte, die rechtliche Voraussetzung. In hunderten kleinen Gesetzesschritten hat man millionenfachen Mord gesetzlich legitimiert. Juristisch lief alles sauber ab. Die Vermutung, dass die staatliche Diskriminierung der deutschen Juden mit anschließender Tötung erst 1935 mit den Nürnberger Rassengesetzen begann, ist falsch. Bereits 1931 gab es in Deutschland Bestimmungen, die den freien Kapitalverkehr von Deutschland ins Ausland verhinderten. Auswanderungswillige waren gezwungen, das Geld, das sie mitnehmen wollten, auf ein Sonderkonto zu überweisen, das sie im Zielland mit Verlust ausbezahlt bekamen. Der Transferverlust begann mit 15 Prozent und galt auch für Nichtjuden. Im Jahr 1934, ein Jahr nach der Machtergreifung der NSDAP aber, betrug der Transferverlust 60 Prozent und stieg auf 100 Prozent.  Zudem wurde die »Reichsfluchtsteuer« für deutsche Juden eingeführt. Wenn sie schon flohen, sollten sie arm ankommen, beziehungsweise sollte ihr Geld in Deutschland bleiben. Heute nennen wir es Enteignung. Früher nannte man es Wirtschafts- und Steuerpolitik. Das war alles lange vor Auschwitz, bis dahin gab es eine unübersichtliche Anzahl von Gesetzesänderungen.

Deshalb rede ich mir seit Jahren in meiner unmittelbaren familiären Gemeinschaft den Mund fusselig und sage: Hört auf, Grund und Boden zu kaufen. Seid klug und verkauft eure Häuser und Wohnungen. Räumt eure Konten leer und transferiert das Geld auf isländische Tageskonten. Seid nicht dumm. Wartet nicht ab. Seid vorbereitet.

Die eine Hälfte lacht sich kaputt. Die andere Hälfte erstarrt vor Angst.

Es wird nicht leicht. Ein gutes Indiz, dass alles so kommen könnte, wie es kommen könnte, ist die gesellschaftliche Lethargie. Da verkündet abends um 20.15 Uhr in Deutschland der Pressesprecher der größten Oppositionspartei, dass demnächst vergast und erschossen wird und es passiert – nichts. Als ob die Entlassung Christian Lüths die Ehre der demokratischen Öffentlichkeit wieder hergestellt hätte. Wobei wir doch alle wissen, dass der künftige Führer der nationalsozia …, äh pardon, der alternativsozialistischen Partei sich in Thüringen längst warm läuft. Sein Kampf, pardon, seine Kampfesschrift, »Niemals in denselben Fluss«, in dem er den Staat negiert und das Volk überhöht, beinhaltet schon das ganze Programm. Um die Zahl der Muslime zu verringern, brauche es Wehrhaftigkeit, Weisheit, Unerbittlichkeit, Härte gegen sich und besonders gegen andere. Männlichkeit ist für Höcke das Konzept, um das deutsche Volk aufrechtzuerhalten und vor fremden Völkern zu schützen. Es brauche den starken deutschen Mann, denn anders werden sie es nicht aushalten können, »wenn wir leider ein paar Volksteile verlieren werden, die zu schwach oder nicht willens sind, sich der fortschreitenden Afrikanisierung, Orientalisierung und Islamisierung zu widersetzen«. Mit fremden Völkern bin übrigens ich gemeint. Ich und die anderen Millionen.

Die AfD hat sich bislang nicht an die Öffentlichkeit gewandt. Wäre doch naheliegend, dass sie eine Pressemitteilung herausgibt, in der sie versichert, dass sie uns weder vergasen noch erschießen werden.

Es ist diese frappierende Ehrlichkeit, die ich an den Faschisten so mag.
Sie lügen nicht. Sie lügen nie.

Herzlich grüßt Ihre Theaterkolumnistin
Mely

Gestaltung: María José Aquilanti

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