Täglich Neues aus Nichtberlin

28. März

Immer wieder Eva Strittmatter. Die Lieblingsgedichtbände sind mal diese und jene. Aber Strittmatter wird es für immer sein.

Aus: Ich mach ein Lied aus Stille, Aufbau Verlag 1973

Widmung I

Ich würde gerne etwas sagen,
Was dir gerecht wird und genügt.
Du hast mich, wie ich bin, ertragen
Und mir, was fehlte, zugefügt

Es ist nicht leicht, mit mir zu leben.
Und oft war ich dir ungerecht.
Und nie habe ich mich ganz ergeben.
Du hattest auf ein Ganzes Recht.

Doch ich hab viel für mich behalten.
Und dich ließ ich mit dir allein.
Und du halfst mir, mich zu gestalten
Und: gegen dich mir treu zu sein.

Aus: Die eine Rose überwältigt alles, Aufbau Verlag 1977

Nur einmal so

Es ist ja nur der Wind, der geht,
Der Wasserwind vom Februar,
Der nach dem Schnee dem Regen weht.
Der Winter, der kaum Winter war,
Zersetzt sich langsam. Unterm Grau
Der Wiesen ist schon grün zu sehn.
Und manchmal riecht es wie nach Tau
Und so, als soll bald was geschehn.
Und wieder weiß man nicht, was wird?
Man weiß nur: es wird anders ein.
Wer meint: das wiederholt sich, irrt:
Nur einmal so fällt Frühling ein.

27. März

Schon drollig, dass mein Handyprovider, dessen Kerngeschäft darin besteht, dass Menschen unterwegs sind, einen Hinweis über mein Mobiltelefon laufen lässt, der lautet: Stay home.

Lese jetzt immer den Nordkurier, der mich über alle wichtigen Ereignisse informiert (»Ossihasser muss 7800 Euro Strafe zahlen«, betraf einen Bayern, der in Bayern seine Anti-Ossi Sprüche an seinen Zaun genagelt hat).

Vor einigen Tagen informierte der Nordkurier darüber, dass Einwohner im Landesinneren Autos mit fremden Kennzeichen in ihrer Ortschaft mit Steinen beworfen haben. Irgendein Bürgermeister – ich habe mir nicht gemerkt, welcher – hat daraufhin geäußert, dass irgendwann wieder eine Zeit anbräche, wo der Tourismus wieder legalisiert werde. Dann müsse man aber wenigstens »10 Prozent freundlicher sein«. Naa, ob das ma klabben wieerd?,  möchte ich zweifelnd anmerken.

10 Prozent mehr Freundlichkeit würden bedeuten, dass man grüßt und antwortet, wenn man gefragt wird. Ich hätte, wäre ich an der Stelle des Bürgermeisters gewesen, die Messlatte nicht so hoch gelegt.

Weiterhin erfuhr ich, dass die Polizei und die Ordnungsämter eine dreistellige Zahl an Unterkünften aufgesucht haben, in denen sie weiterhin Urlauber vermuteten. Die Hinweise kamen »überwiegend aus der Bevölkerung«. Welcome to Denunzianten-Deutschland. Scheint auf Knopfdruck zu funktionieren. Wie schnell das geht, dass Teile der Bevölkerung freiwillig als Polizeispitzel agieren.

Meine Vermieterin hat geantwortet. Sie geht auf meine Bitte, die Miete etwas abzusenken für die kommenden drei Monate, ein. Sie ist selber in einer Zwangslage, mehr kann sie nicht tun und findet aber dennoch, dass die Zeit es erfordere, zusammen zu halten. Fand ich richtig nobel. Habe ihr heute früh die niedrigere Miete überwiesen und in die Betreffzeile »Solidarität« geschrieben.

Gestern habe ich für eine Stunde in einem Feinkostladen ausgeholfen, damit die Ladenbesitzerin mal in Ruhe Mittagessen kann. Trug konsequent Mundschutz und Handschuhe. Eine Kundin fühlte sich ernorm verunsichert. »Warum machen Sie denn so was?« Das Wort Taliban fiel.

Ein Kollege erzählte in seinem Podcast, dass er seit dem Ausbruch von Corona zu nichts mehr käme. Mir geht es genauso. Ich arbeite den ganzen Tag und schreibe unaufhörlich. Dabei habe ich keinen einzigen neuen Auftrag. Außer diesem Journal ist alles wie immer. Aus irgendeinem Grund ist das schriftliche Kommunikationsaufkommen höher als sonst.

Den Kollegen aus dem Theater geht es genauso. Der Aufwand an Schaltkonferenzen ist enorm. Mein Dramaturg, der das Quarantäne Journal betreut, bat mich, auf jede Email am Vormittag mit einer SMS hinzuweisen. Er mache zur Zeit homeschooling und schaue gewissermaßen parallel immer auch auf eine virtuelle Schultafel. Ich gab ihm daraufhin den einzig wertvollen und praktischen Tipp: Steck Deinen Sohn ins Kinderheim. Die passen tausend Mal besser auf ihn auf, als Blutsverwandte ersten Grades es jemals könnten.

Seine Antwort:

Mein Sohn besteht auf Bildung. Ich so: Lass’ mal Tischtennis spielen. Er so: Ja, aber erst 9.25 Uhr in der großen Hofpause. Jetzt erstmal Doppelstunde Mathe.
Sprichts und schlägt das Arbeitsmäppchen auf.

Große Sehnsucht nach analogen Sitzungen unter der gelenkten Demokratie der Theaterdirektorin.

Naja, jetzt noch eine Stunde Sachkunde. Dann endlich Sport.

Kinderheim habe ich versucht, aber die Schlange war zu lang.

26. März

Na bitte, wer sagt’s denn? Kaum mache ich mir Sorgen, dass meine Regierung meine Bürgerrechte unbefristet einschränken will, setzt sich das Parlament zusammen, beziehungsweise auseinander (Dr. Wolfgang Schäuble: »Liebe Kolleginnen und Kollegen, bitte nehmen Sie unter Wahrung des notwendigen Abstands Platz. Die Sitzung ist eröffnet«) und beriet am Mittwoch über mein Anliegen.

Schmökerte mich heute früh durch das Sitzungsprotokoll. Wie immer redete man langatmig. Unter einer gewaltigen Lawine von Worten verbergen sich meistens die zwei, drei wichtigen Sätze, um die es geht.

Eine epidemische Lage von nationaler Tragweite gab es noch nie. Es ist richtig, gesetzliche Grundlagen zu schaffen, und zwar mit breiten Mehrheiten, um die Bevölkerung besser beschützen zu können. Dennoch dürfen solche tiefgreifenden gesetzlichen Änderungen wie die des Infektionsschutzgesetzes nur zeitlich begrenzt sein und müssen nach einer akuten Situation gründlich evaluiert werden. Wir müssen in Krisen für die Zukunft lernen. Deswegen sind wir froh, dass unserer Forderung nach Befristung der gesetzlichen Regelungen tatsächlich nachgekommen wurde und sich diese jetzt im Gesetz wiederfindet. Das ist ein wichtiges Zeichen für die Bürgerrechte.
(Kordula Schulz-AscheBündnis 90/Die Grünen)

Über achtzig Mal fällt in der Sitzung das Wort Frist oder Befristung für einzelne Maßnahmen. Aber Begründungen fielen keine. Niemand sagt, warum eine Maßnahme für sinnvoll erachtet wird oder nennt eine Begründung für die getroffenen Entscheidungen. Niemand macht eine Gleichung auf. Christian Lindner sagt einen Satz, den die FDP immer sagt, der zu ihrem Standardrepertoire gehört, aber dieses Mal goldrichtig ist:

Auf Dauer wird auch der starke deutsche Staat nicht in der Lage sein, eine Volkswirtschaft zu stabilisieren, die nicht ins Leben zurückfindet. Irgendwann wird auch jemand dafür zahlen müssen, was wir jetzt an Schutzschirmen aufspannen.

In Berlin können sich Freiberufler ab morgen ein Formular herunterladen, wonach sie 5000 Euro Soforthilfe von der Landesregierung bekommen. Ein Künstler braucht aber nicht 5000 Euro, sondern weiterhin Aufträge und ein System, das es ihm ermöglicht, nicht nur Künstler zu sein, sondern als Künstler zu arbeiten und sich seine 5000 Euro selbständig zu verdienen. Davon können allenfalls dreieinhalb Monatsmieten, die Krankenkassenbeiträge und ein paar Wocheneinkäufe bezahlt werden. In dreieinhalb Monaten ist Juli. Die beschlossenen Maßnahmen zu Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverboten gehen aber bis einschließlich September. Und dann? Wie oft will, wie oft kann man 5000 Euro ausschütten?

Irgendwann gibt es weniger Geld zu verteilen, weil jetzt planlos Geld locker gemacht wird. Das wird die demokratischen Verhältnisse enorm destabilisieren. Dann wird eine Neiddebatte beginnen. Eine richtige, echte. Nicht die, die man immer als solche bezeichnete. Das könnte einen fatalen Extremismus mit völlig anderen Mehrheitsverhältnissen zur Folge haben.

Bekam gestern, wie wahrscheinlich viele andere Autoren im Moment auch, Nachricht, dass der Erscheinungstermin meines neuen Buches verschoben wird. Vorerst um einen Monat. Die zweite Rate des Autorenhonorars bekomme ich erst, wenn das Buch auch erscheint. So sind alle Buchverträge. Erste Rate bei Vertragsunterzeichnung, zweite bei Erscheinen des Titels.

Schrieb gestern meine Vermieterin an und fragte, ob sie einverstanden ist, wenn ich ein Fünftel weniger Miete zahle. Warte noch auf Antwort.

War das eigentlich gestern oder vorgestern, als ich über das Ordnungsamt (»Hilfssheriffs«) und deren breit-eiriges Auftreten lästerte? Typen, bei denen es für die Polizeiausbildung nicht gereicht hat und die trotzdem auftreten, als wären sie Mitglieder des Sonder-Einsatz-Kommandos. Adipöse Armleuchter, alle!

Was soll ich sagen? Die unverschämten Lümmel standen gestern vor meiner Tür. Lesen die mein Quarantäne-Journal? Kurz überlegte ich, mich im Kleiderschrank zu verstecken, und die folgenden Jahre dort zu verbringen. Entschied mich anders. Ich nahm meine Papiere, meinen Ausweis, die ganzen Bescheinigungen, die es braucht, um hierbleiben zu können, ging runter und da standen sie und lächelten süß wie Baklava, diese verfickten Arschlöcher. Schauten sich alles durch, notierten sich das Autokennzeichen, meine Daten, fragten, ob alles in Ordnung ist, na ja, sagte ich, manchmal habe ich etwas Angst, es ist ja doch sehr einsam hier.  Sie trösteten mich, waren lieb und freundlich, sahen original aus wie Charly Hübner, irgendwie spitzbübisch und braun gebrannte Haut, wie frisch vom Fischkutter runter und wünschten mir einen schönen Tag. Und wenn was sei, »keine Angst, wir sind da, und die Polizei ist auch in drei Minuten da, wenn was ist, nä« .

Ich war fix und fertig. Die lesen Kiyaks Theater Quarantäne, das weiß ich genau! Die waren extra freundlich, nur um mir eins auszuwischen. Um meine Glaubwürdigkeit zu unterminieren. Die wollen mich psychisch fertig machen. Das ist Folter! Wenn die noch  einmal kommen und sich korrekt benehmen, ziehe ich nach Den Haag zum Menschengerichtshof!

Wo gibt es denn so was, dass Männer vom Ordnungsamt sweet sind? Und schlank waren sie auch noch!

25. März

Die Jüdische Gemeinde Frankfurt a. M. hat mir eine Aufzeichnung ihres letzten Philosophischen Salon-Gesprächs geschickt. Leon Joskowitz hatte Philipp Ruch eingeladen, und gemeinsam sprachen sie über die Toten, die Lebenden und die Brücke dazwischen: die Kunst. Ein wirklich gutes, aufregend kluges Gespräch zwischen zwei Philosophen (Hier nachzuschauen: https://slidesync.com/Wwvz972klE)

Danach sofort Philipp angerufen. In dem Salon erwähnte er etwas, das mir ebenfalls großes Kopfzerbrechen macht: Das Delegieren der öffentlichen Ordnung in Polizeihände, auf der Grundlage eines Infektionsschutzgesetzes, das im Moment in jedem Bundesland anders ausgelegt wird. Mir wäre wohler, es gäbe eine große Diskussion, in die sich Verfassungsrechtler einschalten.

Ein Deutschland, in dem die Polizei von der Legislative gebeten wird, mit Augenmaß vorzugehen, ist genau das Deutschland, vor dem ich Angst habe. Was versteht man in Bayern unter Augenmaß, was in Sachsen und was in Mecklenburg-Vorpommern? Was versteht eine Polizei unter Augenmaß, deren Einheiten hier und da in terroristische Netzwerke verstrickt sind?

Es ist schließlich immer noch die gleiche Polizei, die politisch gelegentlich im rechten, toten Winkel agiert. Ich will so einer Polizei in einer angespannten Lage wie dieser nur ungerne begegnen. Einer Polizei, die in deutlich entspannteren Zeiten den NSU durchgewunken hat, wo immer er auftauchte. Eine Polizei, die Oury Jalloh in der Dessauer U-Haft erst festband und dann anzündete. Eine Polizei, die erst nach mühsamem Gebettel losfährt, wenn Gläubige in einer Hallenser Synagoge beschossen werden und um Hilfe bitten. Eine Polizei, die AfD-Mitglieder in ihren Reihen hat.

Diese Polizei muss mein Vertrauen zurückgewinnen.

Und das Ordnungsamt, diese meistens griesgrämigen deutschen Hilfssheriffs in Uniform, sind ja schon in Nichtviruszeiten selten Garanten für elegante Begegnungen. Hier im Norden aber sind sie wie eine Ersatzpolizei. Sie überprüfen Ferienwohnungen. Dazu  klingeln sie, führen Befragungen durch und fordern unter Androhung einer Strafanzeige die Bewohner der Ferienunterkünfte auf, die Wohnung sofort zu verlassen. Ganz schön weitreichende Kompetenzen für ein Ordnungsamt.

Die Politik muss ihre Maßnahmen rechtstaatlich sauber argumentierend legitimieren. Sie muss die Öffentlichkeit um die Aussetzung der Bürgerrechte bitten. Nicht umgekehrt. Philipp erzählte mir, dass Jakob Augstein auf Twitter leise Zweifel angemeldet hätte, ob das, was hier gerade passiert, allen bewusst ist und dass er dafür niedergeschrien wurde.

Teile der Öffentlichkeit haben offenbar keine Ahnung davon, wie schnell Ausnahmezustände zu Normalzuständen werden können. Irgendwann ist der Virus weg, aber die Bürgerrechte – in der Panik dem starken Staat leichtfertig geschenkt – sind es dann vielleicht auch. Wenn man doch Bürgerrechte hamstern könnte! Dann könnte man sie nach der Krise (und vor der nächsten) aus der Scheune zaubern und an Bedürftige verteilen.

Es müssen dringend zeitliche Angaben für die Kontakt- und Ausgangssperren gemacht werden. Und wenn die Zeiträume um sind, muss zwingend mit Argumenten und Erklärungen belegt werden, warum die Phase verlängert wird.

Das Viereck, bestehend aus Legislative, Judikative, Exekutive und der 4. Gewalt, also Medien und Öffentlichkeit, muss weiter funktionieren – jetzt mehr denn je.

Ich scheine offenbar auch die einzige Bürgerin in diesem Land zu sein, die die Ansprache der Kanzlerin neulich katastrophal nichtssagend und peinlich fand. So spricht eine Erziehungsberechtige, aber keine moderne Politikerin (»Hamstern ist unsolidarisch«).

Philipp bot mir an, falls Uniter den Tag X vorzieht und mit Fackeln vor meiner Tür steht, sofort mit einer Mistgabel bewaffnet hochzufahren und mich in seinem Coronabunker zu verstecken. Habe das Angebot abgelehnt. Spekuliere immer noch darauf, im Ernstfall einfach die Seiten zu wechseln.

Ansonsten immer noch körperlich fit.

Vermisse die intellektuellen Stimmen, die für etwas Klarheit sorgen.

Frage mich, ob die Deutschen aus dieser Krise extrem übergewichtig herausgehen werden.

Diese Humorlosigkeit ist derzeit das bemerkenswerteste. Dieser heilige Ernst, mit dem jedes Kochrezept und jede Sportübung für Zuhause veröffentlicht wird – na ja, na ja.

Einzig ernstzunehmende Empfehlungen kommen im Moment ohnehin nur von Arnold Schwarzenegger (»Look. I wash my hääänds. Look. Meeeek sure, you woash de bäääck«)

24. März

Mich rufen oder schreiben Leute an, von denen ich seit Jahren nichts gehört hatte. Habe seit heute begonnen, zu antworten: Möchte immer noch in Ruhe gelassen werden. Brauche alle Zeit für mich. Die meisten tragen es mit Fassung.

Habe mich gefragt, wie es wäre, wenn demnächst die Versorgung zusammenbricht. Wie weit würde ich für Kaugummi, eine Schachtel Kaffee und ein Päckchen Nylonstrümpfe gehen? Wenn hier demnächst Militär durch die Straßen fahren würde, wäre ich in der Lage schöne Augen zu machen und vielleicht noch mehr? Bin, glaube ich, absolut flexibel, was das betrifft. Schaue mir auf YouTube an, wie man Wasserwellen legt und Lidstrich zieht. Werde, daran besteht kein Zweifel, für eine gute Seife bis zum Äußersten gehen.

Neulich kam mir der Gedanke, dass es nach jedem Krieg und jeder Krise windige Typen gibt, die als Millionäre aus der Sache herauskommen. Bin mir absolut sicher, dass ich diesmal dazugehöre. Habe das Gefühl, dass das jetzt meine Zeit ist.  Bin immer noch topfit und habe sogar, je exponentieller die Infektionskurve steigt, einen umso besseren Teint. Habe nach wie vor kein Leiden, keine Ängste, bin sorgenfrei. Der Vater macht mir Sorgen. Aber gut, der macht mir seit Jahrzehnten Sorgen.

Kriege seit dieser Woche von meinen Auftraggebern den dringenden Wunsch übermittelt, in meinen Kolumnen zu schreiben, was ich will, aber bitte auf keinen Fall etwas über den Virus. Verstehe und akzeptiere ich. Mir geht es als Leserin genauso. Lese täglich meine sieben Zeitungen und überspringe die Krankheitsberichterstattung. Sehne mich nach Artikeln über Architektur oder Kunst. Irgendetwas ohne Virusbezug.

Als politische Beobachterin weiß ich, dass alle Regime, Krisen wie diese nutzen, um antidemokratische Maßnahmen durchzusetzen. Die autoritären Staaten tun so etwas prinzipiell. Sie nutzen die öffentliche Aufregung, um im Hintergrund irgendwo einzumarschieren oder schmutzige Deals zu machen. Wie aber werden sich Demokratien verhalten? Ich bin mir nicht sicher, aber mein Eindruck ist, wir sollten uns weniger über Handyüberwachung aufregen, als vielmehr die Flüchtlingspolitik zu beobachten. Verkauft Deutschland eigentlich gerade weiter Waffen? Mehr als sonst? An wen genau? Nicht, dass Handyüberwachungen kein Problem wären, aber meistens geschieht im Zuge so einer Debatte im Hintergrund etwas noch Gravierenderes.

23. März

Habe mir endlich Aus Worten entsteht Macht, einen Film über Margaret Atwood, auf arte angesehen. (https://www.arte.tv/de/videos/086153-000-A/margaret-atwood-aus-worten-entsteht-macht/ bis 15.6.2020 verfügbar)

Am Ende des Films wird ein Gedicht von ihr gesprochen. Nahm mir schon seit Tagen vor es abzuschreiben, da ich es nirgends fand. Kam heute früh endlich dazu, es zu tun.

Aus: Owl und Pussycat Some Years Later
In: The Door (2007)

Eule und Kätzchen, ein paar Jahre später (In: Die Tür)

Hier stehen wir also wieder, mein Lieber,
Am selben Ufer, von dem wir aufgebrochen sind, 
Vor Jahren, als Vielversprechende
Nur heute, mit weniger Haaren, oder Fell oder Federn – egal
Vermutlich sind wir beide weit gekommen
Doch wie weit wirklich von dort, wo wir begannen
Unterm frisch gelegten Mond
Als wir auf Verblüffung sannen,
Als wir glaubten, es könne durch Gesang noch Bedeutsames getan oder gewonnen werden
Etwa Trophäen
Ach ja, mein Lieber, unsere lecke Pappgondel hat uns bis hier gebracht
Nicht länger halb unsterblich, sondern als Eule in der Mauser und arthritisches Kätzchen, rudern wir hinaus
Vorbei an der letzten schützenden Barre, vorbei dem salzigen, offenen Meer entgegen
Dem Tor mit Hundeköpfen
Und danach Vergessenheit
Auf jeden Fall mein Liebster
Haben wir noch immer den Mond

22. März

Heute ist Sonntag. Babatag. Da telefonieren mein Vater und ich immer.

Meistens ruft er an, bevor er zum pazar geht. Sonntag heißt auf Türkisch pazarPazar, also Markt oder Basar, wie man in Deutschland sagt. Heute wird mein Vater nicht zum pazar gehen können. Ich habe das Telefon schon am Abend auf meinen Nachttisch gelegt. Ich bin mir sicher, er ruft sehr früh morgens an. Denn seit Mitternacht dürfen in der ganzen Türkei ältere Menschen über 65 Jahre das Haus nicht verlassen.

Er ruft doch erst um zehn Uhr an. Wir sprechen wie immer erst über das Wetter. Jedes Gespräch beginnt mit dem Wetter.

Mein Vater beschreibt den Wind: Eisig, kalt, der Wind, jault wie ein alter Hund, trifft dich vorne wie ein Schwert im Magen und pfeift hinten aus der Leber wieder raus.

Der Vater ist schwer krebskrank. Ein Teil seiner Lunge wurde schon entfernt. Er ist im Endstadium. Allerdings schon seit Jahren. Zweites Lieblingsthema, sein bevorstehender Tod.

Na Papa, immer noch am Leben?
Glaube schon.
Kenne niemanden, der so verbissen am Leben festhält wie du.

Vor Jahren schrieb ich ein Buch über seine Krankheit und wie ich ihn beim Sterben begleitete. Als das Buch fertig gedruckt war, lebte er immer noch. Er weiß, wie peinlich es mir seitdem ist, dass mir immer wieder Leser schreiben und kondolieren. Manchmal treffe ich auch auf Menschen, die mir weinend um den Hals fallen und sagen: »Er war so ein lieber Vater. Wir vermissen ihn!« Kein Witz, ich denke es mir nicht aus! Das ist die Macht der Literatur. Für den Alten ist das krachlustig.

Einmal fragte er mich:

Hat sich das Buch gut verkauft? Sind wir Millionäre?
Leider nein, Papa.
Schade. Liegt es daran, dass ich noch lebe?
Könnte sein. Wenn du stirbst, steigen die Verkaufszahlen sicher wieder.
Inşallah, viel Glück!
(Heiseres Gelächter, das in Husten übergeht.)

Ich erkläre ihm, dass ich ihn bei einem Notfall nicht holen kann. Seine Lungenklinik in Deutschland wird er für die nächsten Monate nicht besuchen können. Wir müssen jetzt improvisieren. Aber wir wissen auch, was die Konsequenzen von alledem sind.

Am Telefon bringe ich ihm bei, wie er im Sitzen seine Lunge belüften kann. Gemeinsam atmen wir die Übungen durch. Er verspricht mir, dreimal täglich die Atemübungen zu machen.

Wie als pustest du unter dem Bauchnabel einen Ballon auf.
Wie ein Ballon, ich weiß.
Zwei, Drei, Los!

21. März

Nur noch die Graugänse bewegen sich in Gruppen.

Begegnete neulich am Abend bei meinem Spaziergang einer Art Bürgerwehr. Natürlich standesgemäß mit Hunden an der Leine. Sie patrouillierten ins Leere. Sah irgendwie poetisch aus.

20. März

Es geht mir gut. Ich freue mich. Schreibe meiner Familie, meinen Kollegen und Weggefährten eine Nachricht:

Meine lieben Freundinnen und Freunde,

Morgen ist Newroz –
das kurdische Neujahrsfest.

Ich wünsche euch trotz der anstrengenden Quarantäne, in die wir uns begeben, dass ihr helle und freundliche Orte findet – am besten in euch selbst.

Ich denke an jede von euch und umarme euch aus der Ferne.

Friedlichen Frühling, friedlichen Anfang.

Newroz heißt neuer Tag, neue Hoffnung

Eure Mely

19. März

Am Flaschenautomaten des Ladens streitet sich eine Mutter mit ihrer erwachsenen Tochter, weil die offensichtlich vom Leben ruinierte Mama Schnaps »bunkern« wollte, die Tochter aber in der Corona-Epidemie eine Art Chance auf Entzug erkannt haben will. Sie schlägt der Mama vor, auf Bier umzusteigen. Die Mutter daraufhin mit Empörung und tiefer Stimme: Halt’s Maul!

Später an der Kasse stehen sie hinter mir. Die Tochter legt alle Waren aufs Band. Die Mutter drückt der Tochter, sie muss ungefähr in meinem Alter sein, einen Kuss auf den Hinterkopf. Mit ihrer dunklen Stimme sagt sie zu ihrer sehr baffen Tochter: Ich hab’ dich doch lieb.

18. März

Veranstaltungen gibt es natürlich keine mehr. Kein Inselreiten, keine Walkingtouren und auch nicht mehr das beliebte »Schießen für jedermann«. Im Landesinneren hängen noch die neonpinken Plakate für »Dorfbums«.  Man hat jetzt noch häufiger kein Netz. Man hatte natürlich auch vorher nie Netzempfang, aber jetzt muss man, um eine SMS abzusenden, das Handy auf eine Möwe schnallen, sie hochflattern lassen und wenn sie wieder landet, hat man Glück und die Nachricht ist rausgegangen.

Ansonsten: Man will keine Fremden. Der Unterschied wird aber nicht mehr zwischen Syrern und Deutschen gemacht, sondern zwischen Festland, Insel und Halbinsel. Zwischen vor der Brücke und nach der Brücke.

In den örtlichen Nachrichten wird ein Halbsatz mit besonderem Eifer hoch und runter zitiert. Wer sich nicht an diese und jene Auflage hält, »begeht eine Straftat«. Ich schaue nach, ob in Lokalzeitungen anderer Bundesländer auch so gesprochen wird. Finde keine Belege.

Draußen sitzen sie noch im Freien und stoßen mit Bierflaschen an. Dabei geben sie penibel Acht darauf, dass sich der offene Flaschenmund trifft. Bemerkenswertes Gottvertrauen in Virenimmunität.

17. März

Aus irgendeinem Grund gibt es kein Gemüse in den Regalen. Dafür kam gestern offenbar eine Riesenladung Ranunkeln auf der Insel an. Man könnte jetzt Ranunkeln hamstern.

16. März

Wie früher im Krieg hält man auf seinen Touren durch das Dorf eine Art Passierschein in der Hand, für den Fall, dass man kontrolliert wird. Es ist ein Papier, das einem den Arbeitsaufenthalt bescheinigt. Seit heute dürfen nur noch Arbeitnehmer und Bewohner im Norden sein. Ein Berliner hat sich aus Angst, dass er sein Ferienhaus verlassen muss, den Gewerbeschein kopiert und trägt ihn laminiert wie einen Brustbeutel um den Hals. Auf seinen Erstwohnsitz in Berlin angesprochen, schmettert er dem Einheimischen entgegen: »Ick hab‘ ne Gewerbenummer, mein Freund!«

15. März

Von draußen zieht ein frischer, kühler Wind herein, drinnen weht sanfte Anarchie. Ich blühe auf. Fühle mich keine Sekunde schlecht. Eher wie ein Profisportler, der jahrelang gegen einen imaginären Gegner kämpfte und nun endlich in den Ring steigen darf, um zu beweisen, was er drauf hat.

Kriege jetzt haufenweise Nachrichten, die ähnlich klingen:
Sag mal, Mely, für dich bleibt doch alles wie immer?
Klar
, antworte ich, geht mir sogar ein wenig besser als sonst.

Habe das erste Mal in meinem Leben das Gefühl, dass endlich eine Krise herrscht, für die ich gewappnet bin. Die soziale Isolation (die nie wirklich eine war und auch heute keine ist) macht die Leute irre. Für mich ist das Alltag. Und für viele andere Autoren auch. Ich saß ohnehin immer am Schreibtisch, schrieb, las, ging raus zum Spazierengehen und wenn ich abends oder spätnachts fertig war mit meiner Arbeit, hatte ich Hunger und die Läden waren längst zu. Wenn ich morgens aufwache, sind die ersten Redigate da, das Postfach quillt über mit Aufgaben, und alles beginnt von vorne. Schreiben ist wie ewiger Ausnahmezustand mit Ausgangssperre.

Nichts Besonderes dieser Tage.

14. März

Bin auf der A 20 unterwegs. Mehrere Schützenpanzer werden Richtung Insel eskortiert. Polen ist das nächste Nachbarland. Sieht nach Einmarsch aus und nicht nach Sicherheitsvorkehrungen im Rahmen einer Pandemie.

13. März

Im Hinterland auf einer Ostseeinsel in Mecklenburg-Vorpommern. Stehe im Rewe vor dem Klopapierregal. »Mit Dekor und Duft« ist ausverkauft. Vom Hakle ohne Duft und Dekor liegen noch zwei Packungen im Regal. Jetzt, wo sich alle auf das Toilettenpapier stürzen, kann man die nationalen Vorlieben besonders eindrücklich studieren. Mit feuchtem Klopapier fremdelt man hier offenbar. Davon gibt es noch jede Menge. Mit Kamillenlotion, Orchideenbalsam, mit Schlagsahne und Cocktailkirsche, meine Güte, Dinge gibt es.

In diesem Moment passiert, was mir in zwölf Jahren Küstenerfahrung noch kein einziges Mal widerfahren ist. Ein dunkelhaariger Mecklenburger steht vor mir, tätowiert bis unter die Kinnlinie, gleichmäßig durchtrainiert (normalerweise pumpen sie hier nur die Oberarme, der Rest bleibt weich und voluminös). Augen, dunkel wie der Bauchnabel einer Makrele. Er lächelt. Ich habe das Gefühl, ich falle vor Verliebtheit vornüber in die Intimwaschlotionen. In zwölf Jahren wurde ich hier noch nicht einmal angelächelt. Ganz egal, was er sagen wird, ich gehöre ihm. Anziehung vollzieht sich bei mir nämlich innerhalb von Sekunden.

Ich sach ma, alles wech, nä, sagt er mit Blick auf die leeren Regalreihen.
Ja, sage ich, alles weg.
Ich sach ma, ich hab’ zu Hause die ganze Scheune voll mit Klopapier, nä.

Wahnsinn, denke ich, nicht nur ein schöner, sondern auch ein vermögender Hamster.

Das »Ich sach ma, nä« ist übrigens die pommersche Variante des französischen Oui madameBien sûr madame oder écoutez madame. Eine Höflichkeitsform.

Habe ich schon vier Monaten gekauft, sach ich ma, nä.
Vor vier Monaten wussten Sie, dass Corona ausbrechen wird?
Nee, natürlich nicht. Ich habe die aus anderen Gründen, nä.
Aus welchen anderen Gründen denn?
Ich sach ma, kann doch immer ma‘ was sein, nä.

Oh Gott, Mely, ermahne ich mich, du verliebst dich jetzt bitte nicht in einen Prepper! Andererseits. Mit wem käme man bestens versorgt und beschützt durch Krisenzeiten? Der Typ hat sicher nicht nur die Scheune voll mit Klopapier, sondern auch Waffen, Munition und Trinkwasser. Vielleicht sogar Gewürzgurken bis unter die Decke gestapelt. Ich liebe Gewürzgurken. Ganz besonders Dillhappen nach »Omas Art«.

Nun gibt es natürlich solche und solche Prepper. Hier im Norden ist die Vermischung in die rechtsextreme Szene fließend. Ich möchte mich natürlich lieber mit einem alternativen Prepper mit linksliberaler Gesinnung einlassen.

Sie sind aber keiner von der Nordkreuztruppe, frage ich ihn.
Nee, sagt er, aber er kenne da welche, die da welche kennen, die glauben, da welche zu kennen.

Ich tue maximal offen, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, dass man Kontakt zu wem hat, der Kontakt zu wem hat, der mit bewaffneten Einheiten auf den Tag X wartet, um Muslime, Politiker, Journalisten und andere Feinde zu erschießen.

Hm, hm, verstehe, nicke ich. Kann man ja auch nicht reingucken, nä, sach ich ma, sage ich.

Das Ganze fühlt sich aufregend an. Verboten. Existenziell. Meine Hormone sind Mitte des Monats im Ausnahmezustand.

Geben Sie mir was von Ihrem Klopapier ab?
Klar. Ich wohn’ aber im Hinterland. Weiß ich nicht, ob Sie sich trauen mitzukommen.

Seit ich auf Netflix zwei Crime-Serien geschaut habe (Luther und Marcella), weiß ich, auf wie viele unterschiedliche Arten man eine Frau zerhacken, zerstückeln, zerstechen und verschwinden lassen kann. Wird er mich im Hinterland in Klopapier gewickelt ersticken? Wird man Monate später meine Leiche aus einer Schleuse bei Schwerin herausfischen? Wird er mich vorher betäuben? Er hat etwas Sanftmütiges an sich, fast schüchtern. Ein sensibler Prepper, so viel ist klar. Es ist, als ob wir beide das Glück nicht fassen können, uns begegnet zu sein. Zwischen Babywindeln und Haushaltsreiniger trennt uns nur ein Einkaufswagen. Wir starren uns an.

Der tätowierte Drachenschwanz, dessen gezackter Zipfel kurz vor seinem Kiefer endet, bewegt sich im Takt seiner kräftig schlagenden Halsschlagader auf und ab.
Er bricht als erster das Eis:

Ich sach ma, nächste Woche ist das Regal wieder voll, nä.

Dann dreht er sich um und geht.

Stehe da wie hingemacht und nicht runtergespült. Schlaff wie’n aufgetauter Lachs schlurfe ich zur Kasse.

Gestaltung: María José Aquilanti

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