Kommt ’n Mann im Fischladen …

Vor nicht ganz zwei Wochen waren in Leipzig Oberbürgermeisterwahlen. An sich sind solche kommunalpolitischen Vorgänge nur für die Bevölkerung vor Ort interessant. Da ich aber eine ehemalige Leipziger Bürgerin bin, verfolge ich, wie alle Menschen, die im Exil leben, die Nachrichtenlage in meiner alten Ostheimat.

Meine Gemütslage hinsichtlich meiner Ossizugehörigkeit muss man sich vorstellen wie die der Ostpreußen. Im eisigen Winter flohen sie über das Haff, wo sie im Westen angekommen zeitlebens der guten alten Zeit sowie den zurückgelassenen Höfen und Gütern im fernen Osten nachtrauerten. Auch ich floh im eisigen Winter Richtung Halle an der Saale, über das Wörlitzer Haff, durch den Fläming, und weiter mit einem Flüchtlingstreck im Rumpelregionalexpress, wo ich nach fünfmal Umsteigen endlich an irgendeinem S-Bahnhof in Berlin-West ankam. Auch ich hatte, wie die Vertriebenen nach ’45, auf der Höhe der weltpolitisch unübersichtlichen Lage alles zurückgelassen. Unter anderem eine großzügige Wohnung (300 Quadratmeter Altbau, keine Heizung, aber Stuck auf der Klobrille) und viele wertvolle Antiquitäten, darunter eine Ausklappliege Typ Bautzener Bourgeoisie und eine 12-teilige Frühstückseierhaltevorrichtung in Form von Hühnern aus »Plaste« in den Farbvarianten freches Beige und forsches Ocker.

Meine Flucht muss irgendwann Anfang der 2000er Jahre gewesen sein, als in Leipzig der politische Gegner marodierend sein Unwesen trieb. Genau genommen gab es zwei Gegner. Erstens die Rechtsradikalen und zweitens: geschmacklos gekleidete Techno-Tiffies auf LSD, mit Schuhen, die aussahen, als wären 30 Zentimeter hohe Ziegelsteine unter die Füße geschraubt. Beide popkulturelle Bewegungen verursachten gleichermaßen Unbehagen. Wobei man den Rechtsradikalen zugutehalten musste, dass sie wenigstens ihre Fressen hielten, wenn sie zuschlugen. Die Techno-Tanjas hingegen laberten einem Würmer in die Ohren. Eine historisch nur unzureichend beleuchtete Katastrophe, wenn man mich fragt.

Natürlich hätte ich auch in Leipzig bleiben können, aber man sagte mir, dass Berlin- Prenzlauer Berg eine Art Chicago des Ostens sei, und also dachte ich, na gut, schauste dir dit Schikago mal an und was soll ich sagen, es wurde die zweite, bigge Verarsche meines Lebens – sörry, ich schwiff ab.

Wochen vor der Bürgermeisterwahl gab sich die CDU riesige Mühe, die Stadt als linksextreme Antifa-Hochburg zu skizzieren. Ich verliere bei solchen Schilderungen vor Lachen häufig eine Winzigkeit Urin. Linksextreme Hochburg – Momento, muss kurz das Höschen wechseln.

Leipzig ist die bürgerlichste Stadt, die man sich vorstellen kann. Nett, aber piefig, puffig, puffelig. Von meinen Freunden und Kommilitonen sind nur jene dortgeblieben, die Familien gegründet haben. Weil alles so lebenswert sei. Die Grünanlagen! Die Sicherheit! Die Kinderspielplätze! Und so weiter.

Ich war gespannt, ob der CDU-Kandidat, Sachsens Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow, sich gegen den Amtsinhaber von der SPD, Burkhard Jung, durchsetzen werden würde. Ob die Kampagne der CDU, wonach es einen CDU-Bürgermeister brauche, damit wieder Gesetz und Ordnung herrsche, auf dass die brennenden Mülltonnen endlich gelöscht werden, fruchten würde. Fruchtete nicht. Bürgermeister Jung beginnt seine dritte Amtszeit.

Am Wahlabend dann die üblichen Fernsehbilder, Statements, Interviews, Reden, Geschwafel, oder, wie mein Kollege Deniz Yücel in einer seiner frühen Kolumnen seinem Alter Ego Bayram Karamollaoglu mal so schönin den Mund legte: Immer laber laber – nix ficke!

Fast wäre ich beim Fernsehen eingeschlafen, als der mir bis dahin unbekannte Leipziger CDU-Vorsitzende Doktor Thomas Feist auf die Frage des Moderators, ob es sich bei dem bestätigten Oberbürgermeister überhaupt um einen »richtigen Leipziger« handeln würde, folgende fabelhafte Antwort gab: Wenn eine Katze im Fischladen Junge bekommt, sind das dann Fische?

Dr. Feist ist nicht nur in der CDU, sondern auch ein engagiertes Mitglied in der evangelischen Landeskirche Sachsen, irgendwas mit interkultureller Arbeit macht er auch. Einem wie Jung, der seit 30 Jahren in Leipzig lebt und die Stadt seit 2006 regiert, ein richtiges Leipzigersein abzusprechen und das mit dem niedlichen Katze-im-Fischladen-Bild zu beschreiben, steht in einer sehr speziellen, deutschen Tradition. Menschen die Zugehörigkeit zu einer Stadt, einem Land oder einem Volk zu verweigern, und das mit Tierbildern zu illustrieren, war Adolf Hitlers Spezialität. Das weiß Dr. Feist natürlich, denn er ist Geisteswissenschaftler und Tieranalogien in Bezug auf Abstammung sind original NSDAP-Sprech und jedem Kulturwissenschaftler bekannt. Ich weiß das, ich wäre im ersten Leben auch fast Kulturwissenschaftlerin geworden.

Das völkische Denken ist ein Denken, das es einem Menschen nicht erlaubt, Deutscher zu werden. Oder Leipziger. Oder irgendetwas anderes. Volkszugehörigkeit ist in so einem Denken immer ein manifester Zustand, der unabänderlich ist. Weiteres Merkmal dieser sehr alten Denke ist es, die Nichtzugehörigkeit unbedingt immer auszusprechen und auszustellen. Bei Adolf Hitler klang es so: »Der Fuchs ist immer ein Fuchs, die Gans eine Gans, der Tiger ein Tiger«. Zugehörigkeit ist wie »Rasse«, wie Blut, das unaustauschbar ist. Deshalb war es für Hitler undenkbar, eine Staatsangehörigkeit zu erwerben. Das sei doch keine »Mitgliedschaft in einem Automobilclub«, die man einfach so annehmen könne. Sagte er. Nicht ich.

Dieses Sprechen von Zugehörigkeiten im Sinne von echt Leipziger, echt Deutscher, echt Europäer in Analogien zu Tieren ist etwas aus der Mode gekommen. Außer der AfD spricht eigentlich niemand mehr so. Bei Stephan Protschka klingt es so: »Wenn sich ein Hund einem Wolfsrudel anschließt, ist er dann ein Wolf oder bleibt er ein Hund?« Wirklich niemand spricht mehr so. Bis auf die sächsische CDU. Die bleibt, was sie ist. Das schöne Statement des Doktor Feist hatte meine sentimentalen Erinnerungen an den rechtsradikalen CDU-Osten vorzüglich aufgefrischt. Bloß weil sie ein »D« im Parteinamen mit sich tragen, sind sie das noch lange nicht und werden es auch niemals sein. Nicht im Osten. Nicht in diesem Leben. Ich sage immer: Wenn ein Heilbutt im Fischladen einen Hering zur Welt bringt, heißt er meines Wissens automatisch Heil-Hering.

Bis bald liebe Leute,

Ihre Mely

Vor sieben Jahren, liebe Xenia, haben Du und ich (und mein ägäischer Grafiker, der mich allerdings verließ und den ich hier deshalb totschweige) diese Theaterkolumne erfunden und aufgebaut. Seitdem schriebst du mich alle 14 Tage montags an, um mich daran zu erinnern, dass »diese Woche wieder Theaterkolumne ist«. Und wie immer seit sieben Jahren schrieb ich mit lässigem Unterton zurück: »Klaro, weiß ich doch, liebe Xenia. In ein paar Stunden, spätestens morgen früh um fünf hast Du den Text.« Und wie immer, wenn Deine Mail kam, war ich völlig entsetzt und sagte für den Abend und die kommenden drei Tage alle Veranstaltungen ab, setzte mich hin und schrieb los. Denn natürlich wusste ich nie, dass »diese Woche wieder Theaterkolumne ist«.

Für ein Theater eine Kolumne zu schreiben, hieß zusätzlich zu dem üblichen Theaterwahnsinn ein Superwahnsinn unermesslichen Ausmaßes. Majo musste benachrichtigt werden (mein argentinischer Grafikersatz für den ägäischen Grafiker), Lutz musste Bescheid wissen und Rücksprache mit der Intendantin halten, das Bundeskanzleramt wurde auf dem Laufenden gehalten und das technische Hilfswerk gerufen. Na ja, Du weißt schon, Wahnsinn eben.  Wir schickten uns den Text manchmal nur einmal hin und her. Manchmal aber auch zehnmal. Dazwischen führten wir Telefonate, erzählten uns das Neueste vom Neuesten oder das Älteste vom Ältesten. Wir lachten sehr viel. Und irgendwann war es endlich Donnerstag und »wir gingen« pünktlich um die Mittagszeit »raus«, was heißt, wir veröffentlichten den Bums endlich.

Manchmal passierte gar nichts. Manchmal kamen in der Minute der Veröffentlichung empörte Zuschriften und oft verdächtigte ich Dich, dass Du Dir die Briefe ausgedacht hattest. Erinnerst Du Dich noch, als mir ein sehr hohes Tier vom RBB schrieb: »Nehme Ihre hervorragende Kolumne zum Anlass, Sie zu fragen, ob Sie meine Kinder betreuen würden. Ich brauche dringend einen Babysitter und dachte mir, dass Sie vielleicht an der Tätigkeit interessiert sind.« Oder der Brief aus Österreich. Wo ich gebeten wurde, in einer Kommission mitzuarbeiten, die eine Lösung für Hitlers Geburtshaus in Braunau am Inn erarbeite. Man habe seit Jahren keine Einigung erreicht und da kam man auf die Idee, dass ich, Mely Kiyak, bestens geeignet sei, über Hitlers Nachlass zu grübeln. Ich! Endlösung für Hitlers Hütte finden. Ein anderes Mal schrieb ich eine Kolumne, in der ich mich fragte, warum eigentlich nie ein Politiker von Rang öffentlich über die ermordeten Juden geweint hat. An dem Tag erreichten uns minütlich E-Mails von Privatpersonen, die alle ähnlich begannen: »Ich habe sehr wohl geweint.« »Ich habe geweint, Sie waren nicht dabei.« »Ich schwöre, ich habe geweint.« »Sie unverschämte Person. Weinen Sie doch selber!«

Du hast meine Arbeit als Hauskolumnistin des Gorki Theaters betreut, redigiert, lektoriert, repariert, moderiert und mein Mittagessen hast Du manchmal auch bezahlt. Wenn ich im Haus zu tun hatte, habe ich immer Dich angerufen, denn ich weiß bis heute nicht, wie man ins Haus kommt, und es war egal, ob Premiere oder nicht, Du hast mich immer in der Kantine abgeholt, hingebracht, wo ich hinmusste und mich wieder raus auf den Festungsgraben begleitet.

Ich werde Dich vermissen. Denn nun verlässt auch Du mich und gehst hinaus in ein bürgerliches Leben.

Mit keinem Menschen habe ich so gerne Kolumnen geschrieben und produziert wie mit Dir. Ich werde Dich – das wirst Du sicher verstehen – künftig totschweigen, so wie ich den Ägäiker totschweige, ich werde alle X aus allen Büchern aller Bibliotheken streichen. Ich weiß nicht, was ich noch tun werde, aber ich werde auf diesem Weg dafür sorgen, dass Du sämtliche Entwicklungen meines seelischen Abstiegs mitbekommst. Du wirst die Theaterkolumne doch abonnieren, oder?

Ich danke Dir für Deinen Humor und Deine Geduld.
Tschüss, liebe Xenia.
Deine Mely

Gestaltung: María José Aquilanti

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