Wo ist die Kanzlerin?

Über den rechtsextremen Anschlag in Hanau, bei dem neun Hanauer Bürger aus rassistischen Motiven erschossen wurden, ist bereits viel gesagt und geschrieben worden. Da ich drei regelmäßige politische Kolumnen in drei Medien habe, möchte ich mich nicht überall wiederholen. Was einigermaßen schwer ist, denn sehr viele verschiedene Meinungen, Ansichten oder Betrachtungsweisen kann man zu einem politischen Ereignis nicht haben. Ich verlinke hier deshalb ausnahmsweise (ich mache so etwas prinzipiell nicht, weil ich Hinweise auf die eigene Arbeit immer hochnotpeinlich finde) eine Kolumne aus einem Schweizer Magazin, für das ich ebenfalls schreibe.

An dieser Stelle möchte ich eine andere Frage stellen:

Wo ist eigentlich Angela Merkel? Wieso ist sie nicht nach Hanau gefahren? Wo genau ist eigentlich die Trauer, über die in den letzten Tagen so viel zu hören war? Wo kann man diese Trauer sehen, woran ließe sie sich bemessen? Wo genau steckt eigentlich die trauernde Bevölkerung? Diese Frage wollte ich ursprünglich schon nach Walter Lübckes Tod stellen und nach dem Attentat in Halle auch. Aber irgendwie habe ich sie mir immer verkniffen, auch weil ich zu faul war, nachzulesen, wie das in anderen Ländern läuft, wenn Terrortaten ähnlichen Ausmaßes verübt werden.

Als am 7. Januar 2015 zwei islamistische Täter in die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo drangen und zehn Redaktionsmitglieder und einen Sicherheitsmann töteten, ordnete Staatspräsident François Hollande bereits am Folgetag des Anschlags Staatstrauer und eine Schweigeminute sowie Halbmastbeflaggung für drei Tage an. In ganz Frankreich gingen 3,7 Millionen Menschen auf die Straße, allein in Paris waren es 1,6 Millionen.

Bei dem zentralen Trauermarsch am 11. Januar in Paris lief unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel gemeinsam mit Präsident François Hollande und dem britischen Premierminister David Cameron Hand in Hand in der ersten Reihe. Der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu reihte sich wenige Meter von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas ein. Zeitgleich waren in Berlin aus Solidarität mit den französischen Opfern 18.000 Menschen auf der Straße. Am 13. Januar versammelten sich in Deutschland als erneute Reaktion auf den politischen Anschlag in Paris 10.000 Menschen zu einer Kundgebung am Brandenburger Tor. Gemeinsam mit den Spitzen von Staat und Gesellschaft und muslimischen Verbänden appellierten sie unter dem Motto »Zusammenstehen – Gesicht zeigen«, gegen islamistischen Terror einzustehen. Führende Bundespolitiker wie Bundespräsident Joachim Gauck, Kanzlerin Angela Merkel, Vizekanzler Sigmar Gabriel und viele weitere Kabinettsmitglieder nahmen daran teil.

Nach dem Anschlag in Hanau wurde von Staats wegen weder etwas angeordnet noch organisiert. (Erst seit gestern ist bekannt, dass am 4. März eine Trauerfeier stattfinden wird, zu der sich die Kanzlerin angemeldet hat. Sie ist demnach ein Gast, nicht die Gastgeberin.) Nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober 2019 mit zwei Toten besuchte Angela Merkel am gleichen Abend die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin, um ihre Solidarität mit den deutschen Juden zu zeigen. Nach dem Anschlag in Hanau mit zehn Opfern sprach sie im Kanzleramt lediglich ein Statement für die Abendnachrichten: »Rassismus ist ein Gift«. Die Mahnwache am Abend am Brandenburger Tor besuchte sie nicht. Seitdem hat man sie nicht gesehen.

Als am 22. Juli 2011 auf der norwegischen Insel Utøya ein norwegischer Rechtsextremist 69 Jugendliche bei einem politischen Camp erschoss und seine Tat später mit seiner Islamfeindlichkeit begründete, reihte sich vier Tage später die norwegische Königsfamilie gemeinsam mit Ministerpräsident Jens Stoltenberg bei den Trauernden ein und weinte wirklich Tränen. Allein in Oslo liefen 200.000 Menschen mit, in anderen Städten gingen ebenfalls zu tausenden die Menschen auf die Straße. Das ist für Norwegen sehr viel, die Bevölkerung umfasst lediglich fünfeinhalb Millionen Menschen.

Am Abend nach dem Anschlag in Hanau kamen 1000 Menschen an den Hermannplatz in Berlin-Neukölln. Und einige hundert, vielleicht zwei-, maximal dreihundert Leute versammelten sich am Brandenburger Tor. Darunter auch einige Spitzenpolitiker. Allerdings mehr so privat. Nicht offiziell. Als Zeichen der Trauer wurde am Tag des Anschlags in Hanau der Fasching abgesagt.

Am 15. März 2019 tötete ein einheimischer Rechtsextremist bei einem Attentat 51 Gläubige in der Masjid-al-Noor-Moschee im neuseeländischen Christchurch. Premierministerin Jacinda Ardern reiste unverzüglich zu den Opferfamilien (das war der berühmte Auftritt mit dem Kopftuch, bei dem sie Angehörige umarmt). Zwei Tage später finden sich in Christchurch und vielen anderen Gemeinden (Neuseeland hat nicht ganz fünf Millionen Einwohner) tausende Menschen an Moscheen, im botanischen Garten und an vielen anderen Stätten ein und legen Blumen nieder. Es gibt Gedenkgottesdienste, Mitglieder der Maori führen den rituellen Hakatanz auf. Am vierten Tag nach dem Anschlag, also am 19. März begann Neuseelands Premierministerin ihre Grundsatzrede vor dem Parlament mit dem islamischen Friedensgruß Salam Alaikum und wandte sich dann an die Opferfamilien: »Wir können Ihre Trauer nicht kennen, aber wir können mit Ihnen jeden Schritt des Weges gehen. Wir werden Sie mit allem umgeben, was uns ausmacht.« Angehörige aller Glaubensrichtungen fühlten sich verantwortlich für die Hinterbliebenen.

In Hanau sammeln private Initiativen Spendengelder, um die Angehörigen bei den Begräbnissen und der Trauerzeremonie zu unterstützen.

Gleichzeitig streiten in den sozialen Netzwerken Aktivisten, Publizisten und Mitglieder verschiedener politischer, ethnischer und religiöser Ausrichtungen darüber, wer auftreten oder sprechen darf. Wer darf über was in der Talkshow reden? Wer soll statt eines anderen eingeladen werden? Gegenseitige, laute, vulgäre Denunziationen aus allen Glaubensrichtungen ringen ununterbrochen um die Frage: Wessen Tote sind das? Welchem Land, welcher Fahne, welcher Konfession ließen sie sich zuordnen?

Deutsche Medien leihen sich, aus Mangel an türkischsprachigen Journalisten, aus Faulheit oder Spargründen (sie könnten ja einfach Übersetzer besorgen und bezahlen) Fernsehbilder von türkischen Medien aus, die noch vor den deutschen Kollegen bei den Hinterbliebenen Interviews einholten. In unmöglichen Situationen, in vollkommen unpassender Art, pietätlos und würdelos, halten sie den verstörten, weinenden Müttern und Vätern die Mikrofone unter die Nase. Diese Bilder werden tausendfach verbreitet. Ein verstörter krebskranker, alter, türkischsprechender Vater, der sichtlich unter Schock steht, erzählt, dass sein Sohn ihn zweimal die Woche zur Chemotherapie fuhr und nun tot sei. Diese Bilder gehen um die Welt. Sie vermitteln keinerlei politische Dimension. Es sind apolitische Bilder einer politischen Katastrophe, die ausschließlich privates Leid unter Aussparung der politischen Dimension zeigen. Ein trauernder Vater, eine gebrochene Mutter kann einen Tag nach dem Terror diese Aufgabe nicht leisten. Diejenigen Pressevertreter, die vor Ort waren, sind aus einem einzigen Grund da. Es geht ihnen um die sozialpornografische Darstellung von Gebrochensein.

Wäre auch nur ein Mitglied der Regierung oder die Kanzlerin selbst vor Ort gewesen, wäre die Dimension dieser politischen Katastrophe auf der Stelle klar geworden. Keine Regierungsmitglieder Hand in Hand weit und breit. Keine Umarmungen einer Kanzlerin. Niemand aus dem Staatsapparat fühlt sich dafür zuständig, in Hanau zu sein und die Opfer vor Voyeurismus zu schützen. Ich möchte mich kurz fassen. Acht Tage sind seit dem Attentat vergangen. Es gibt viel Wut und Empörung und Angst. Aber im Prinzip sind die Angehörigen seit dem Anschlag alleine.

Mely Kiyak

Gestaltung: María José Aquilanti

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