Sieg Heil Erwin. Sieg Heil Heidi.

Es gibt etwas, über das ich oft nachdenke und das mir partout nicht in den Kopf will. Es betrifft jene deutschen Juden, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg, nach Erniedrigung, Enteignung, Entbürgerlichung, Deportation, Tötungslagern, Verlust und Schmerz, dafür entschieden, wieder in Deutschland zu leben. Wie war es den Juden möglich, nach ihren Erfahrungen auf die nächste Meldebehörde zu gehen, sich Papiere zu besorgen, anzumelden, Kinder zu zeugen, sie einzuschulen, und sich alles in allem in das ganz normale, deutsche Leben einzufädeln, ohne durchzudrehen? Ich meine kein inneres Durchdrehen, sondern ein lautes, sichtbares Durchdrehen in Form von – wie soll ich sagen – Angriffen auf ehemalige Nachbarn, die zuschauten, wie man deportiert wurde, bis hin zu Anschlägen auf Politiker? Wäre das nicht die einzig »normale« Reaktion auf dieses millionenfach ausgeübte Unrecht und Morden, auf die Barbarei, die man ihnen antat?

90 Prozent der europäischen Juden wurden vernichtet. Es gab nur noch ein paar Tausend Überlebende in Deutschland, hinzu kamen einige Zehntausend displaced person aus dem übrigen Europa. Die wenigen Überlebenden trafen nach wie vor auf ein judenfeindliches Klima. Auschwitz hatte nichts daran geändert. Der Antisemitismus blieb. Polnische Juden beispielsweise hatten es noch nach 1946 in Polen mit antijüdischen Pogromen zu tun. Die heutige polnische Regierung würde das gerne aus dem kollektiven Gedächtnis tilgen.

Deutschland, für das sich nicht wenige Juden als künftigen Wohnort entschieden, war kein geläutertes Deutschland. Es war immer noch Nazideutschland. Oder sagen wir so: ein Deutschland, mit übrig gebliebenen Nazis. Jedenfalls trauerte jahrzehntelang niemand um die europäischen Juden, vielmehr beklagte jeder die eigenen Verluste. Es war kein trauerndes Deutschland. Kein weinendes Deutschland. Zwischen 1945 und 1946 wurden elf Umfragen durchgeführt, wonach 47 Prozent aller Deutschen die Meinung vertraten, dass der Nationalsozialismus eine gute Idee war, die lediglich schlecht umgesetzt wurde. 1947 stieg die Zahl derer, die diese Ansicht vertraten, auf 55 Prozent. Bezogen auf die Nürnberger Prozesse fanden 70 Prozent der Befragten die Angeklagten für schuldig. Zwei Jahre später sank die Zahl auf 55 Prozent. Im nächsten Jahrzehnt 1951-1952 fanden immer noch 41 Prozent der Deutschen im Nationalsozialismus mehr »Gutes« als »Böses«.

Ein weinendes Deutschland hätte nichts unversucht gelassen, den Antisemiten in jeder erdenklichen Form das Leben zur Hölle zu machen. Und zwar in jedem Jahrzehnt. Ein weinendes, trauerndes, beschämtes Deutschland hätte schon längst ein Verbotsverfahren gegen die AfD eingeleitet. Denn die Neufaschisten sind in ihrer Mentalität wie die Nationalsozialisten, bevor sie den Holocaust einleiteten.

Ich erinnere mich an viele Dokumentationen, wo Juden, egal mit welcher Staatsangehörigkeit, diese sehr wichtige Frage nach eventuellem Hass auf die Deutschen gefragt wurden. Manche antworteten, dass sie Deutschland als ihre Heimat betrachteten und dass daran auch die Shoah nichts geändert habe. Manche zogen nach Israel – das spricht sowieso Bände. Ich kann mich an alle möglichen Antworten erinnern. Zum Beispiel an das Mammut-Projekt der Dokumentarfilmerin Loretta Walz, die überall in der Welt »Die Frauen von Ravensbrück« aufspürte und sie zu ihren Erlebnissen, aber auch zu ihrem Verhältnis zu den Deutschen befragte. Vor zwanzig Jahren drehte ich (als ich noch für das Fernsehen arbeitete) selber einen kurzen Beitrag über sie und schrieb einige Artikel über ihr Lebenswerk. Nie, wirklich, nie antwortete ein Jude: Ich hasse die Deutschen!

Woran ich mich aber spontan sofort erinnere, sind jede Menge Deutsche, die die Juden weiterhin hassen und zu töten versuchen. Zuletzt der deutsche Attentäter in Halle an der Saale, der auf eine Synagoge schoss, in der Hoffnung, möglichst viele Gläubige zu treffen.

Womit der deutsche Wahnsinn ganz gut illustriert ist. Es gibt keineswegs jede Menge Attentate, verübt von Juden auf Deutsche, aber es gibt eine nicht enden wollende Kette an Anschlägen und Attentate auf Juden. Und nein, es sind keineswegs nur Ostdeutsche, Arme, Dumme und Deppen. Können sich noch alle an die »Schwarzen Hefte« des Philosophen Martin Heidegger erinnern?

Es ist und bleibt ein kaltes, düsteres Land.
Ein Land des Hasses. Ein Land, das nicht lieben kann und will. Ein Technokratendeutschland, in dem Menschen wie Thilo Sarrazin und Hans-Georg Maaßen und wie sie alle heißen nicht die Ausnahme darstellen, sondern den Querschnitt der ganz normalen Bevölkerung.

Vor einigen Wochen las ich im Magazin Der Spiegel einen Text des Israel-Korrespondenten Alexander Osang, der von einer Gruppe Juden handelte, die den Holocaust überlebten und – endlich, endlich – durchdrehten. Beziehungsweise vorhatten durchzudrehen, und zwar im ganz großen Stil. Dina Porat, die Chefhistorikerin der Gedenkstätte Yad Vashem, hat jüngst ein Buch in Israel veröffentlicht, das von der 40köpfigen jüdischen Widerstandgruppe »Nakam« handelt. Nakam ist ein geheimes Netzwerk, das nach dem Krieg den Plan verfolgte, sechs Millionen Deutsche zu töten. Sie hatten eine sehr raffinierte Idee, waren unglaublich umtriebig und fest entschlossen, zurückzutöten. Als Vergeltung. Der Plan misslang.

Nakam ist hebräisch und bedeutet Rache. In Deutschland ist die Gruppeden meisten völlig unbekannt. Wir aus der Theaterszene erfuhren vor zehn Jahren das erste Mal davon. Das war noch im Theater Ballhaus in der Naunynstrasse. Dort sang unser Freund, der Musiker Daniel Kahn mit seiner Band The Painted Birds von seiner ersten Platte »Partisans and Parasites« das Lied Six Millions Germans/Nakam.

Es gibt kaum Überlebende von Nakam. Abba Kovner, ein polnischer Jude, ist einer von ihnen. Sein Rachemotiv ist, wie ich finde, einleuchtend. Er fand, dass die verübten Verbrechen nicht mit dem Recht einer zivilisierten Gesellschaft vergolten werden konnten. »Es würde weitergehen, wie es immer weitergegangen war. Ein paar Strafen, dann Tagesordnung.«, so schreibt es Osang in seinem Text für den Spiegel.

Dina Porat, die Chefhistorikerin und Autorin, die über Nakam forschte und schrieb, findet ebenfalls, dass zu wenig deutsche Verbrecher vor Gericht gestanden haben. Auch sie fragt sich, was eine angemessene Reaktion auf ein Weltverbrechen wie den Holocaust gewesen wäre und wie man die Welt danach hätte neu ordnen können. Ich finde die Frage sehr wichtig. Denn, welche tatsächlichen Konsequenzen hatte das millionenfach verübte Unrecht im Alltag der deutschen Nichtjuden? Die Juden hatten alles verloren, die Deutschen aber erlebten Aufschwung und alles in allem ein lustiges Bumsfallera-Leben. Allein die vielen schamlosen Heimatfilme und der ganze Unterhaltungsklamauk, Peinlichkeitsrepublik sondergleichen. Erst Menschen in Öfen stecken, dann ohne Anschlusschwierigkeiten durchfeiern. »Und Erwin fasst der Heidi von hinten auf die Schulter« und »Zickezacke, Zickezacke, Sieg Heil«, das war 1973, Deutschland mitten in der Blüte seiner »Normalwerdung«.

Vielleicht wäre es besser gewesen, die europäischen, aber vor allem die deutschen Juden hätten es ihren Mitbürgern so schwer wie nur irgend möglich gemacht. Hätten sich den Gedenk- und Versöhnungsoperetten kollektiv verweigert. Michal Bodemanns und später auch Max Czolleks Positionen zum »Gedächtnistheater« finde ich nachvollziehbar. Der ganze Gedenkbums führte dazu, dass sich die Deutschen mit jedem Jahrzehnt weniger schlecht, weniger verantwortlich, weniger schuldig fühlten.

Nichts anderes bedeutet das Platznehmen der Faschisten im Bundestag und in den Landtagen. Nichts anderes bedeutet das Verhalten der CDU in Thüringen, die sich nach der Landtagswahl im Oktober nicht aktiv gegen die Faschisten stellte. Aktiv hätte geheißen, dass Mike Mohring, der CDU-Chef, Stunden nach der Wahl gesagt hätte: »Wir würden in diesem Bundesland sogar mit Schlümpfen koalieren, einzig um die Faschisten zu verhindern. Und deshalb reichen wir der Linken unsere Hand und werden als Zeichen unseres Widerstands innerhalb der nächsten 72 Stunden eine Regierung bilden.« Nur wenige Tage nach dem Wahlergebnis bildete sich innerhalb der Ost-CDU eine Gruppe, die mit Antisemiten und Muslimfeinden zusammen ein politisches Bündnis eingehen wollte. Nicht aus Not – hören wir bitte endlich auf mit den Entlastungsorgien – sondern aus Gründen der gemeinsamen politischen Gesinnung. Die Nachkriegsamnesie hat gewirkt. Man hat den deutschen Faschismus vom Nationalsozialismus und dem millionenfachen Mord an unschuldigen jüdischen Mitbürgern entkoppelt und schmiedet Allianzen mit der AfD. Es geschah nicht aus Gründen der Macht. Es geschah aus purer Zustimmung zu allen politischen Positionen der AfD. Man muss endlich anfangen es so zu lesen. Gemeinsam mit den Faschisten und einer radikalisierten Splittergruppe namens FDP einigte man sich auf einen Ministerpräsidenten. Es passierte ganz ruhig, geordnet, gesittet. Es passierte im deutschen Parlament, nicht auf der Straße.

Der Auschwitz-Überlebende Abba Kovner aus der Nakam-Gruppe hatte Recht behalten. Es ging im Wesentlichen einfach weiter.

Ihre Mely Kiyak

Foto: Rolf Vennenbernd; Gestaltung: María José Aquilanti

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