Wahnsinn, Widerstand und Mittwoch gibt’s Schnitzel

Selamchen, Salut und Servus, liebe Theaterkolumnenabonnentenschaft und liebe Leserinnen und Leser, die diese Kolumne über Social Media empfangen (jetzt klingt es wie die berühmte Thomas Gottschalk’sche Begrüßung bei »Wetten, dass…?«, wo es immer hieß»ein herzliches Willkommen auch an die Zuschauerinnen und Zuschauer, die uns aus Österreich und der Schweiz empfangen«).

Ich liege in einer Badewanne voll Ayran mit Mangogeschmack und feiere zwölf Jahre Kolumnistin sein. Ich muss immer an die Anfänge denken, denn damals war es ein total anderes Zeitungsdeutschland. Als ich anfing, war der politische Kommentar das Markenzeichen einer Zeitung und Heribert Prantl aus der Süddeutschen der König. Die politische Kolumne hingegen wurde nicht für voll genommen. Wir wurden eher in die Unterhaltung einsortiert. Mittlerweile hat sich die politische Kolumne radikal politisiert. Es wird deutlich verbissener kolumniert.

Die anderen Kolumnenfossile sind Harald Martenstein (der das allerdings schon seit 250 Jahren im Zeit Magazin macht), Jan Fleischhauer (der nach mir bei Spiegel Online anfing) und Axel Hacke (der in der SZ zunächst einige Jahrzehnte lang Selbstgespräche mit seinem Kühlschrank führte). Es gab keine Frauen in dem Club, was den Vorteil hatte, dass ich persönlich, politisch und stilistisch in eine Lücke stieß. Der Nachteil war, dass jeder Text ein Erdbeben auslöste. Die Kunst bei diesem ganzen Quatsch besteht einzig darin, nicht aufzuhören. Irgendwann wird man breitbeinig, stoisch und unsympathisch. Wird mittlerweile als Berufskrankheit bei den Krankenkassen anerkannt.

Es »denen da oben« zu zeigen ist ein Kinderspiel. Die wahre Mutprobe besteht darin, es »denen da unten« zu zeigen. Einmal, inmitten der Bankenkrise, scholt ich die so genannten kleinen Leute dafür, dass sie ihr Geld in Scheißfonds anlegten – da wo man Profit mit Waffen, Ausbeutung und anderem Mist macht. Ich fand, dass es ihnen recht geschieht, ihr Geld damit zu verlieren, dass andere alles verlieren. Heerscharen von Redakteuren im eigenen Verlag sprangen mir anschließend an die Gurgel, weil diese Bemerkung ihre Väter und Mütter betraf. »Arme, einfache Rentner«, die ihre karge Rente mit Finanzmarktgeschäften aufbessern wollten, hätten es nicht verdient und so weiter und so weiter… Ja, ja, der arme deutsche Rentner, der seine letzten Penunzen auf dem Aktienmarkt verscherbelt.

Mein Vater ist ein armer Rentner, Jahrzehnte hat er in der Chemiefabrik für die Raumfahrt- und Flugzeugindustrie Kupferdrähte lackiert und kratzt mit seiner Rente am Existenzminimum. Auf Grundsicherung verzichtet er, weil ihm »das Gebettel« unangenehm ist. Mein Vater hat am Ende des Monats nichts übrig für sein Aktiendepot.
Es ist wie so oft. Die Kollegen und ich hatten ein unterschiedliches Verständnis davon, was Armut ist.

Maxim Biller kolumniert auch schon sehr lange. Und natürlich Max Goldt, der einzigartige Max Goldt, der das Kolumnenschreiben für die Zeitungen leider aufgegeben hat und seine Texte offenbar nur noch für Bücher schreibt. Wir stammen alle noch aus einer Zeit, als man Kolumnen nicht online kommentieren konnte. Für mich immer noch die schönsten Jahre, als die Leser gezwungen waren, bei der Lektüre der Texte alleine mit sich und ihren Gedanken am Frühstückstisch auszuflippen.

Als ich anfing, Kolumnen zu schreiben, plauderten die Frauen hinten im Feuilleton über Kindererziehung, Figurprobleme, Sex und Familie. Und die männlichen Kollegen schrieben vorne im Politikteil über die Welt. Für mich war von Anfang an klar, dass ich politische Texte schreibe. Natürlich auch in Ermangelung von Kindern, Figur, Sex und Familie.

Meine erste Kolumne handelte von Christian Lindner, der zusammen mit Philipp Rösler und Daniel Bahr Tick, Trick und Trackmäßig die FDP enterten, um ein bisschen Unruhe zu stiften. Das Ganze in Lederslippern mit Bommeln. Ich machte mich über die Jungs lustig, denn wir waren dieselbe Generation. Ich konnte nicht fassen, dass man sich erst alphabetisiert und dann in der FDP landet. Manche Menschen haben eben bescheidene Träume. Prompt schrieb Lindner mir total humorlos und leicht angepisst einen Brief. Er hörte mit dem Briefeschreiben erst auf, als ich zu Zeit Online wechselte.

Oh Mann, ich wünschte, Günter Gaus würde noch leben, damit ich unter Zigarettenrauchschwaden stundenlang aus meinem Kolumnistenleben erzählen könnte und darüber, wer mir alles Briefe schrieb. Unvergessen, wie Wolfgang Thierse durchdrehte, bloß weil ich schrieb, dass er nebenbei noch aktiv in der Kirche tätig war. Ich glaube, ich verglich ihn mit einem Mullah. Bei denen kann man das politische Handeln von ihrem Glauben und ihren religiös-institutionellen Verstrickungen auch nicht mehr trennen. Ich bin da nämlich etwas empfindlich, wenn Parlamentarier gleichzeitig in hohen Kirchenämtern vertreten sind, weil ich finde, entweder Republik oder Gottesstaat. Er wiederum verglich mich und meinen Standpunkt mit dem in der DDR-Diktatur. Dort hätte ich seiner Meinung nach gut hingepasst. Er beendete seinen Leserbrief mit dem Befehl »Zur Veröffentlichung!«. Geantwortet habe ich ihm nicht, denn ich handhabe es in meinem Berufsleben genauso wie die englische Queen: »never explain, never complain«.

Neulich schrieb ein Leser: »Ich lese diese Kolumne bestimmt nicht, um zu erfahren wie SIE denken und was SIE meinen«. Das passiert jetzt fast jede Woche. Dass die Leser den Kolumnisten die Kolumne vorwerfen. Also nicht die Meinung, sondern die Form. Das ist das direkte Werk der AfD, die bei jeder Gelegenheit den öffentlichen Institutionen deren persönliche, politische und kritische Einstellungen vorwirft. Die AfD fordert »Neutralität«. Ich verstehe das. Die erste Voraussetzung, um aus dem begeisterten Trottel einen hörigen Mitläufer zu machen, ist es, dessen eigenes Denken durch Gruppendenken zu ersetzen. Der Wesenskern des Faschismus ist die Gleichschaltung. Die Verbrechen sind die Folge daraus.

In den vergangenen zwölf Jahren hat sich Gravierendes in der Zeitungslandschaft verändert. Die größte, von der Öffentlichkeit kaum diskutierte Veränderung ist die drastische Reduzierung der Auslandskorrespondenten bei einem gleichzeitig explodierenden Anstieg von Kolumnisten. Die Meinungs- und Debattenressorts wurden aufgestockt. Gleichzeitig öffnete man die Leserforen, um den Lesern die Möglichkeit zu geben, zu co-kommentieren. Das schuf eine Art Meinungsuniversum. Derweil schlossen die Auslandsbüros der Wochenzeitungen, Zeitschriften und sehr vielen Tageszeitungen. Die Grundlage dafür, die Welt zu kommentieren, ist aber die Zeugenschaft der Kollegen vor Ort. Wenn die Dokumentation der Auslandskorrespondenten als Grundlage für die politische Urteilskraft wegfällt, bleiben nur noch das Gerücht und das Ressentiment zur Meinungsbildung. Auch die Menschenrechts- und Hilfsorganisationen im Ausland, durch deren Augen wir die Brennpunkte der Welt betrachten, arbeiten unter erschwerten Bedingungen. Nur einige Beispiele: Im November 2016 wurden 360 Nichtregierungsorganisationen für einige Monate in der Türkei im Rahmen des Ausnahmezustands geschlossen. 2016 war das Jahr des letzten türkischen Putschversuches. Erst wurden die NGOs geschlossen. Dann 110.000 (!) Staatsbedienstete aus dem Dienst »entfernt« und bis heute 500.000 (!!) Menschen inhaftiert. Das Fehlen von objektiven Beobachtern vor Ort steht natürlich selten in der Zeitung. Kleiner Tipp: In den rechtspopulistischen Debattenmagazinen steht so etwas grundsätzlich nicht.

Die NGOs kämpfen auch im Inland. Es gibt ständig politische Versuche, den deutschen Menschenrechtsorganisationen den Vereinsstatus abzuerkennen. Das Deutsche Institut für Menschenrechte beispielsweise ist immer wieder davon betroffen gewesen: 2015 hieß die Anführerin des dafür nötigen CDU-Gesetzesentwurfs übrigens Erika Steinbach. Steinbach arbeitet heute in der Desiderius-Erasmus-Stiftung, die der AfD nahesteht. So wird wortwörtlich der Blick auf die Welt vernebelt. Wir lesen Zeitungen, aber was genau erfahren wir und von wem? Es gibt keine Berichte aus den Flüchtlingslagern des Nahen Ostens. Wissen wir, wie es den Menschen in den riesigen Lagern in Jordanien, Libanon, im Niemandsland zwischen Syrien und der Türkei geht? Ich habe neulich mal in das Impressum der internationalen Ausgabe einer Hochglanzmodezeitschrift geschaut und festgestellt, dass sie über mehr Auslandsbüros (und by the way: Anzeigen) verfügte als so manche überregionale deutschsprachige Tageszeitung.

Friedrich Merz schreibt regelmäßig für die Welt, Sigmar Gabriel für den Tagesspiegel. Die Zahl der aktuellen und ehemaligen Politiker, die Kolumnen schreiben, ist immens gewachsen. Diese Praktik finde ich zutiefst fragwürdig. Womit ich ebenfalls ein Riesenproblem habe, sind Kolumnisten und Kolumnistinnen, die im Hauptberuf Kultureinrichtungen leiten, im Vorstand von Stiftungen arbeiten oder Mitglied irgendwelcher Organisationen sind. Stimmen, die im Hauptberuf Bücher schreiben und im Nebenberuf gesellschaftspolitische Kolumnen, gibt es nicht viele. Sibylle Berg, Carolin Emcke, Ilja Trojanow fallen mir ein. Und ganz wichtig: Hilal Sezgin – ich glaube, unter uns politischen Kolumnistinnen eine der scharfsinnigsten und geistreichsten Stimmen. Sie ist von Haus aus Philosophin. Da denkt und argumentiert man immer anders. Hatice Akyün, Margarete Stokowski fallen mir noch ein. Und einige andere. Sehr viele unabhängige Autorenstimmen sind es wirklich nicht. Die meisten sind entweder Redakteure, Twitterstars oder Aktivisten. Ich würde mir unglaublich wünschen, dass Herta Müller oder Lukas Bärfuss eine regelmäßige politische Kolumne schreiben. Und Benjamin von Stuckrad-Barres Politik- und Gesellschaftsbetrachtungen vermisse ich ebenfalls.

Unabhängigkeit und Transparenz sind mein Fetisch. Ich kann es nicht leiden, wenn unter den Kolumnen steht, dass Frau Dingsbumms Autorin ist, weil sie mal ein Buch zum Thema Welpen schrieb und im Hauptberuf das »Institut für Welpen« leitet oder Sprecherin von »Wir sind Welpen« ist. Wenn dann auch noch jede Kolumne von Welpen handelt, muss die tatsächliche Funktion des Kolumnisten veröffentlicht werden. Mir beispielsweise ist es wichtig, dass meine Leser mich aus den richtigen Gründen verachten. Sie sollen mich nicht hassen, weil ich Mitglied irgendwo bin. Ich habe den Ehrgeiz, dafür verachtet zu werden, dass ich Ich bin. Diesen Hass erachte ich als legitim, nehme ihn von Herzen gerne an und verleihe ihm hiermit mein Premium-Prüfsiegel.

Einmal vertrat ich die Journalisten in der Deutschen Islamkonferenz. Ein anderes Mal saß ich im Beirat des Goethe-Instituts. Das ist über ein Jahrzehnt her. Ich bereue beides zutiefst. Ein Autor hat in so etwas nichts zu suchen. Heute weiß ich: Sie fragen Dich nicht, weil Du klug bist. Sie tun es, damit Du ihre politischen Absichten mit Deinem Namen adelst.

Tut mir leid, dass das hier heute ein episches Selfie ist. Das ist bei mir zwanghaft. Am Jahresanfang muss ich mir immer vergegenwärtigen, warum ich mache, was ich mache.

An keinem Kolumnenplatz der Welt bin ich so unabhängig wie hier. In diesem Haus herrscht eine Freiheit, wie man sie sich in keiner noch so liberalen Zeitung vorstellen kann.

Solange wir hier vom Festungsgraben nicht vertrieben werden, bleiben wir ein Ort der Kunst. Hier gibt es weder Konsens noch Kompromiss, keine Debatte und, Gott bewahre, auch kein Leserforum. Wahnsinn, Widerstand und Mittwoch ist Schnitzeltag. So sieht es aus. Nicht weil uns jemand zwingt, sondern weil wir so sind. Demokratieversessen. Aber auch ein bisschen bekloppt.

Unser Hausheiliger Alexei Maximowitsch Peschkow aka Maxim Gorki sagte mal: »Die Wissenschaft ist der Verstand der Welt, die Kunst ihre Seele.«

In diesem Sinne verabschiedet sich für heute Ihre wissenschaftliche Stimme und wünscht Ihnen ein frohes neues Jahr.

Ihre Mely Kiyak

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Mely Kiyaks Theater Kolumne gibt es seit 2013. Alle 14 Tage kommentiert die Schriftstellerin und Publizistin Mely Kiyak radikal unabhängig das Weltgeschehen. Die Kolumne kann man auch mit dem
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