Bitti! Bittii!!

In meinem Kreuzberger Wohnhaus wohnt jetzt eine kurdische Familie. Sie flohen aus dem Sindschar nach Deutschland. Der Vater ist ein zierlicher Mann mit sehr blauen Augen. Es ist dieses typisch wässrige Graugrünblau, für das es in der türkischen Sprache ein eigenes Wort gibt: ela. In der Kulturgeschichte der Türkei taucht ela durch alle Epochen und Kunstformen auf, wie das schallalalallala in der deutschen Schlagerliedkultur.

Mein neuer Nachbar erzählte mir in einigen wenigen Sätzen seine Geschichte. Er habe die Reise aus dem Irak über die Türkei nach Griechenland und dann zu Fuß durch Europa bewältigt. Wochenlang war er unterwegs. Als er angekommen war, hat er seine Frau und seine zwei kleinen Mädchen nachgeholt, die in der Zwischenzeit in der Türkei gewartet hatten. »Warum sind Sie geflohen«, fragte ich ihn, »sind Sie ezidi?« Ich frage das nicht, weil ich es nicht wüsste, sondern, weil ich nicht unhöflich sein will. Gleichzeitig will ich es lieber nicht hören. Denn die Antwort auf diese Fragen ist immer entsetzlich. Sechzehn Familienmitglieder haben sie verloren, erzählt er. Und ergänzt den Satz um eine Handbewegung. »So«, sagt er, und zieht mit dem Zeigefinger eine Linie um seine Kehle. Seine beiden Mädchen stehen neben ihm. »Ich will meine Kinder leben«, sagt er mir. »Ja«, sage ich, »Ihre Kinder sollen leben.«

Die beiden Mädchen sind die hinreißendsten Mädchen, die man sich vorstellen kann. Unaufhörlich zappeln sie, sind viel zu dünn angezogen, ihre Jäckchen für den Winter völlig ungeeignet. Mokkabraune Löckchen ringeln sich um ihre runden Köpfe. Ihre Augen sehen aus, als hätte ihnen jemand zwei dunkle Knöpfe ins Gesicht getupft. Gemeinsam mit ihrem Vater waren sie auf dem Weg zum Lidl. Die Straße hoch zum Lidl kennen sie sehr gut. Vis à vis ist ein Asylbewerberheim, in dem sie drei Jahre lang mit den Eltern in einem Zimmer wohnten. Dort kam ein weiteres Baby zur Welt, ein Junge. Jetzt erwartet die Frau ihr viertes Kind, wie mir eines der beiden Mädchen unaufgefordert erzählt. »In Mamas Bauch ist ein Baby. Wir bekommen noch einen Bruder.«

Ohnehin habe ich das Gefühl, dass jedes Mal, wenn ich mich umdrehe, aus der Wohnungstür der Familie noch mehr Leben herauskommt. Eltern, Kinder, Kinderwagen, Einkaufstrolley – alles in allem ein verquirlter, verkicherter Haufen, aus dem dunkle Knöpfchen herausschauen, beziehungsweise Aquarell-Ela. Egal wen ich aus der Familie treffe, immer werde ich angekichert. Da ich selber auch ein verkicherter Typ bin, kichern wir uns fünfmal am Tag im Treppenhaus an. »Hast Du einen Mann?«, fragen mich die Mädchen. »Wie bitte?«, frage ich baff zurück. Meine eigene Familie hat schon vor Jahren aufgegeben, mich danach zu fragen. Das letzte Mal wurde ich das im ICE–Hotel Hannover gefragt, als ich im Fahrstuhl in die fünfte Etage fuhr und der Lift steckenblieb. Ein dicklicher Typ aus dem mittleren Management schaute mich an, ich schaute ihn an. Ich brach als Erste das Eis und fragte: »Hast Du ein Handy?« Und er: »Hast Du einen Mann?«

Jetzt stehen die Mädchen um mich herum und verlangen Auskunft. »Hast du deinen Mann in deine Wohnung gesteckt und gehst jetzt einkaufen?« »Nein«, sage ich, »ich gehe in den Laden, kaufe mir einen Mann und stecke ich ihn dann in meine Wohnung.« »Aha«, die Mädchen sind aufrichtig interessiert. »Und was kostet der Mann?« Ich sage: »Hoffentlich nicht viel.« Ich weiß nicht, was die Töchter ihrem Vater erzählt haben, denn er fragt mich nun jedes Mal: »Frau Dame? Haben Sie oben einen Herr Mann?«

Als ich die Mädchen das erste Mal auf der Straße traf und fragte, wie sie heißen, nannten sie mir nicht ihre vollen Namen, sondern buchstabierten. »Ich heiße Em-A-El-A. Ich bin fünf Jahre alt.« Ich fiel vor Lachen gleich wieder rückwärts auf den Bordstein.
Kaum alphabetisiert, die Zuckerschnäuzchen voller Milchzahnlücken, aber schon in der Buchstabierbundesrepublik angekommen. Die Kinder wissen wahnsinnig viel und übersetzen blitzschnell zwischen dem Vater und mir hin und her. Ich wette, dass sie in einigen Monaten auf die Frage, wie sie heißen, so antworten werden: »Magdeburg, Asylbewerberleistungsgesetz, Ludwig, Arbeitsamt. Und das ist meine Schwester Richard, Anton, Wolfsburg, Alleinerziehend.«

Kurz vor Nikolaus erklärte ich dem Vater, dass die Kinder ihre Schuhe putzen und jeweils einen Schuh vor die Tür stellen sollen. Der Nikolaus würde, ich fasse stark zusammen, je nach Bravheitsgrad der Kinder (man rechne in die Bilanz immer das ganze Jahr ein) eine Rute oder Naschwerk in die Schuhe legen. Bei Rute sage ich sopa und spiele ihm die Szenerie vor. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen, breche einen imaginären Ast vom imaginären Baum, halbiere ihn mit einem kräftigen Knick über dem Knie und simuliere den Vorgang des Kinderverdreschens. Die Pupillen meines Nachbars werden groß wie Wassermelonen. Eine Rute? Er schlägt die Kinder?? »Ja«, antworte ich, »das ist eine Art bayram, wo der baba mit der roten Kapuze den Kindern eine Warnung hinterlassen kann.« »Wie Mafia«, sagt der Vater. Dann Schweigen. Ich merke, dass es angesichts der Geschichte dieser Familie ein Riesenmist ist, den ich da erzähle.

Am nächsten Tag hält mich der Vater wieder an. Er hat über die Sache nachgedacht. Einige Fragen sind offen geblieben. Er fragt: Warum nur einen Schuh? Die Kinder haben doch zwei Füße. Und: Handelt es sich bei dem Baba mit der roten Kapuze um den gleichen Baba, der wenige Wochen später kommen wird? In der Kita seiner Tochter spreche man seit Wochen über den anstehenden rotkapuzten Besuch. Nein, sage ich. Die Babas sind sich ähnlich, weißer Bart, Sack über der Schulter, sie haben unterschiedliche Ausprägungen ein und der gleichen Glaubensausrichtung, aber handeln aus unterschiedlichen Motiven. Ihre Herkunftsländer sind unterschiedlich, sie gehören aber zu einer großen Familie. Mein Nachbar fragt: Sind sie Kurden? Nein, sage ich, keine Kurden. Sie sind Christen. Er fragt zurück: kurdische Christen? Nein, sage ich. Sie sind keine Kurden. Eher Türken. Der eine ist der Sohn eines wohlhabenden Weizenhändlers, in der Südtürkei geboren, heißt Nikolaus und wird später Bischof in Myra. Jedes Jahr am 6. Dezember, seinem Todestag, kommt er nach Deutschland und füllt Kindern die Stiefel. Der andere heißt Weihnachtsmann, kommt anlässlich der Geburt eines beschnittenen Juden aus dem Orient, Kind einer schönen Mutter, Erzeuger unbekannt, geboren im Stall und gestorben am Kreuz. Traurig, sagt mein Nachbar. Alle Männer mit roter Mütze tot. Ja, sage ich, aber der am Kreuz trug keine rote Mütze. Wer kommt alles diesen Monat, fragt mein Nachbar, er hat den Überblick verloren. Ich sage: der Nikolaus, der Weihnachtsmann, Knecht Ruprecht und Jesus wird geboren. Mein Bruder wird bald auch geboren, sagt eines der Mädchen.

Mein Nachbar fasst die Sachlage zusammen: Der mit dem sopa kommt zuerst? Vielleicht kommt er ohne Rute, sage ich. Ich weiß ja nicht, ob die Kinder lieb waren. Mein Nachbar nimmt beide Mädchen in den Arm und sagt mit flehentlicher Stimme: Bitti, meine Kinder immer lieb. Ich sage: Ja doch, das weiß ich, es sind sehr liebe Kinder. Er: Wenn meine Kinder laut, bitti mir immer sagen. Sie wohnen im ersten Stock, und ich im vierten, beruhige ich ihn. Ich höre nichts. Wirklich. Keinen Ton. Die Kinder sind sehr lieb. Ich bin mir sicher, der Nikolaus füllt den Kindern die Stiefel mit Süßigkeiten. Der Nikolaus vom Kreuz, fragt mein Nachbar. Nein, sage ich, das ist Jesus. Der kommt danach, allerdings nicht persönlich, sondern stellvertretend für ihn erscheint der Weihnachtsmann. Wer ist tot, fragt mein Nachbar. Er kriegt die Fakten einfach nicht zusammen. Ich sage, alle drei. Aber sie kommen zurück? Ja, sage ich, alle drei kommen gewissermaßen zurück. Beziehungsweise sind schon zurück, weil, äh, Jesus ist als Gott zurückgekommen, verstehen Sie, frage ich. Gott. Allah. Deutscher Allah, fragt er zurück. Ja, sage ich, deutscher Allah. Der mit roter Mütze? Ich merke, dass wir uns im Kreis drehen, zumal dieser ganze Rotmützen-Baba-Kult genau genommen genauso wenig meine Kultur ist, wie es seine ist. Und wer bin ich, dass ich mich hier ins Zeug lege? Für wen? Warum? Auf der anderen Seite will ich keinesfalls, dass sich die beiden Mädchen am Montag nach Nikolaus in der Kita beziehungsweise der Schule  die Angebergeschichten derjenigen anhören müssen, deren Stiefel bis zum Zerbersten mit Süßkram gefüllt sind, während Mala und Rawa leer ausgegangen sind. Mir geht es die ganze Zeit natürlich nur darum.

In der Nacht zum 6. Dezember schlich sich also Frau Dame mit einem Haufen Schokoladenbabas, Glitzerzopfspangen, Glöckchen und dem ganzen Klimmbimm in die erste Etage hinunter und füllte die winzigen Stiefel. Verbunden mit der Hoffnung, dass hinsichtlich religiöser, sozialer, kultureller Theorie wie Praxis keinerlei Nachfragen mehr gestellt werden.

Neulich traf ich wieder auf meinen Nachbarn. Er hatte neue Fragen. Ob ich eine Wohnung wüsste, ob ich eine Autowerkstatt kenne, wo er arbeiten könne, und ob ich nicht mal in die winzige Zweizimmerbehausung zu Besuch kommen wolle: »Bitti komm mit dein Herr Mann Auge in Auge mein Kaffee trinke, bitti meine Frau meine Kinder alle lieb!«

Das wäre nun meine Bitti an die Theaterkolumnencommunity: Gibt es einen Herr Mann, gewissermaßen einen Stroh-Herr-Mann, der mich für eine Stunde auf einen Kaffee begleiten würde?

Bittii!!

Schöne Zeit und fröhliche Weihnachten
Ihre Mely Kiyak

Gestaltung: María José Aquilanti

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