Menschliche Dinge

Manchmal lese ich eine unprominent platzierte Meldung und fühle mich zurück versetzt in das Jahr 2012, als ich den NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag verfolgte. Der Untersuchungsausschuss war für mich insofern ein Wendepunkt, weil ich das erste Mal richtig verstand, was genau gemeint ist, wenn man sagt, dass ein Staat in den Rechtsterror und dessen Verbrechen verstrickt ist. Was genau diese Verstrickung bedeutet, zwischen wem sie verläuft, wer wann was zu wem sagte, oder verschwieg. Entscheidend sind – wie ich finde – die Details. Man muss die Details aneinanderreihen, um zu begreifen, wie das eine zum anderen führte.

Ich saß auch in der Vernehmung von Andreas Temme. Temme ist ein ehemaliger Verfassungsschützer des Landes Hessen und war während des Mordes an Halit Yozgat, (dem mutmaßlich neunten NSU-Opfer) am 6. April 2006 in dessen Internetcafé in Kassel anwesend. Kurz nach dem Mord verließ Temme das Café. Während seiner Aussage im Bundestag sprach er aber so, als läge der Tatzeitpunkt später, nachdem er das Café verließ.

Andreas Temmes Vernehmung im Bundestag begann mittags um 12 Uhr und dauerte, wenn ich mich richtig erinnere, vier Stunden. Temmes Rolle im NSU, falls es überhaupt jemals eine dreiköpfige, rechtsextreme Terrorgruppe mit diesem Namen gab (es könnte sein, dass die Gruppe intern anders hieß, dass sie aus mehreren Zirkeln bestand, dass sie zwischenzeitlich kleiner oder größer wurde, usw.), Temmes Rolle jedenfalls bleibt bis heute dubios. Seine ganze Vernehmung hindurch war er emotional. In den Notizen protokolliere ich alle paar Sätze lang »schluchzt«, »weint«, »weint erneut«, »muss schlucken«, »Stimme stockt«.

Temme geriet kurzzeitig ins Visier der Ermittlungen und erzählte ausführlich davon. Seine Emotionalität betraf nicht Halit Yozgat, sondern ihn, Andreas Temme (»Ich war das angreifbarste Opfer«).

Manchmal denke ich noch an ihn. Bleibe an irgendwelchen Sätzen hängen, die auch nach so vielen Jahren im Gedächtnis blieben. Manchmal vergesse ich das Ganze auch monatelang. Aber dann lese ich eine Nachricht und krame die ollen Notizbücher raus, versuche meine Handschrift zu entziffern.

Folgende Meldung las ich vor einigen Wochen:

Neue Verbindungen zwischen NSU-Komplex und Lübcke-Mord

Die Meldung war sehr knapp. Es war bekannt geworden, dass Andreas Temme während seiner Zeit als Verfassungsschützer mit dem Lübcke-Mörder Stephan E. »dienstlich befasst« gewesen war. Mehr nicht.

Temme war bis 2007 Mitarbeiter des Landesamts für Verfassungsschutz. Nach dem Mord an Halit Yozgat wurde er drei Monate suspendiert, zwischenzeitlich observiert und danach versetzt.

Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke wurde am 2. Juni 2019 dieses Jahres auf seiner Kasseler Terrasse mit einer tödlichen Schussverletzung am Kopf aufgefunden. Als Tatverdächtiger gilt der Kasseler Neonazi Stephan E..

Die öffentliche Erzählung über diesen Mord geht so: Lübcke hatte sich auf einer Bürgerversammlung, die bereits 2015 in Kassel stattfand, für die Aufnahme von Flüchtlingen ausgesprochen. Anschließend wurde er auf unterschiedlichen Plattformen der sozialen Netzwerke brutal angefeindet. Während der Veranstaltung, die extrem aggressiv verlief, weil Teilnehmer der rechtsextremen Szene dort verstärkt Stimmung machten (»Scheiß Staat!«, »Scheiß Regierung!«), sagte Lübcke diese Sätze:

Walter Lübcke: Ich würde sagen, es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten. Wer diese Werte nicht vertritt, kann dieses Land jederzeit verlassen.

Stephan E. nannte nach seiner Festnahme als Mordmotiv seine Teilnahme an dieser Kasseler Bürgerversammlung, über die er sich sehr geärgert haben will. Dem Mord gingen also vier Jahre Ärgernis voraus.

In den folgenden Jahren haben er und sein Kasseler Kumpel Markus H., der wegen Beihilfe zum Mord angeklagt ist (er hat die Tatwaffe, mit der Lübcke ermordet worden ist, beschafft), an verschiedenen rechtsextremen Aufmärschen im Osten teilgenommen. Die in Erfurt und Dresden hat er zugegeben, die Teilnahme am Chemnitzer Trauermarsch »Pro Chemnitz« dementiert er, obwohl es Videoaufnahmen gibt, wo man zwei Personen sieht, die Stephan E. und Markus H. ungewöhnlich ähneln. »Pro Chemnitz« vereinigt rechtsextreme Hooligans und Kampfsportler, bekannte Neonazis und NPD-Mitglieder.

Bis hierhin liest sich die Geschichte also genauso, wie eine Erzählung derjenigen, die den AfD-Erfolg im Osten und das Erstarken des Rechtsextremismus im Allgemeinen gerne erklären – nämlich als Reaktion auf die Aufnahme von syrischen Flüchtlingen im Jahr 2015. Die Nazis, die Morde, die Attentate sollen als Symptome der Überforderung von rechtschaffenen Deutschen gelesen werden. Rechtschaffene Deutsche, die von provozierenden Politikern beispielsweise in Bürgerversammlungen in die Radikalisierung getrieben werden. Walter Lübcke hat, so traute es sich natürlich niemand zu sagen, aber so wurde es permanent durch die hundertfache Wiedergabe dieses Videoschnipsels (»kann dieses Land jederzeit verlassen«) im Zusammenhang mit dem Mord insinuiert, eine verständliche, gewissermaßen politisch nachvollziehbare und logisch zu konstruierende Reaktion provoziert. Flüchtlingsaufnahme, Bürgerversammlung, unterschiedliche politische Haltungen, Kopfschuss.

Jetzt kommt aber heraus, dass sich Stephan E. offenbar schon eine ganze Weile ärgert. Denn Andreas Temme ist seit 12 Jahren nicht mehr beim Verfassungsschutz und zu Temme gibt es eine Verbindung. Ausgerechnet zu Andreas Temme. Das ist deshalb interessant, weil Andreas Temme laut Selbstauskunft, bis auf eine einzige rechte Quelle gar keinen Kontakt zu rechten Quellen hatte. Er leitete als V-Mann-Führer nur Quellen aus dem Bereich Ausländerkriminalität. So sagte er es 2012 im Bundestag bei seiner Vernehmung:

Zeuge Andreas Temme: Es ist einer für den rechten Bereich, einer für den linken Bereich, einer für den Bereich Ausländerextremismus zuständig. Aufgrund von Aufgabenverteilungen aus der Vorzeit ließ sich das nicht unbedingt so genau einhalten. Wie ich gesagt hatte, ich habe diese Quelle übernommen, und sie ist dann bei mir geblieben.

Bei dieser vermeintlich einzigen Quelle aus dem rechten Bereich, handelte es sich wie man mittlerweile weiß, um Sebastian Gärtner. Gärtner selber war angeblich kein Szenemitglied, sondern nur ein Informant, der sich beim mittlerweile verbotenen »Sturm 18« umhörte und als er nichts Brauchbares liefern konnte, dort wieder abgezogen wurde. Das sind keine Informationen von Temme, sondern die Aussagen, die seine Vorgesetze Iris Pilling 2015 im hessischen Untersuchungsausschuss machte. Mit anderen Worten: es gab eine rechte Quelle im Zuständigkeitsbereich von Temme, die aber Entwarnung für diesen Bereich der rechten Szene gab, und dann steckte man ihn zum Ausspitzeln in eine andere Szene. Eine rechte Quelle mit dem Namen Sebastian Gärtner.

Mit dieser einen – der vermeintlich einzigen – rechten Quelle telefonierte Temme unmittelbar nach dem Mord an Halit Yozgat, sobald er das Café verließ. Bei seiner Befragung 2012 im Untersuchungsausschuss erklärte Temme das Telefonat damit, dass Monatsanfang gewesen sei. Am Monatsanfang bekämen seine Quellen immer Geld vom Verfassungsschutz und in dieser Angelegenheit besprach man sich.

Wenn es nach Gerald Hoffmann, dem damaligen Leiter der »SOKO Café«, die den Mord an Halit Yozgat ermittelte, gegangen wäre, hätte man diese Quelle vernommen. Wenn nämlich in der Nähe eines Verfassungsschützers ein Mord geschieht und unmittelbar danach auf dem Diensthandy Telefonate getätigt werden, will man wissen, mit wem, weshalb und so weiter. Wie gesagt, mittlerweile, nach einem jahrelangen Prozess des Vertuschens und Verleugnens, gilt Temmes Anwesenheit bei dem Mord als Tatsache. Am 28. Juni 2012 sagte Herr Hoffmann im Untersuchungsausschuss so aus:

Zeuge Gerald Hoffmann: Von besonderem Interesse für uns waren Telefonate, die zeitlich im Nahfeld der Ereignisse lagen, insbesondere ein Telefonat, das Herr Temme um 17.19 Uhr, also circa eine Viertelstunde nach der Tat in Kassel, führte. Mit der Quelle hätten wir natürlich gerne gesprochen. Allerdings war es so, dass die Vertreter des Landesamtes darauf hinwiesen, dass für die Quellen eine Aussagegenehmigung benötigt wird. Diese Aussagegenehmigung wurde durch die Staatsanwaltschaft Kassel beantragt und durch das Hessische Ministerium des Innern mit entsprechender Begründung abgelehnt.

Ich erinnere mich aus dem Gedächtnis, dass die fehlende Aussagegenehmigung im Ausschuss öfter zitiert wurde. Volker Bouffier war hessischer Innenminister und fuhr nach dem Mord an Halit Yozgat in den Urlaub. Vorher vermerkte er handschriftlich etwas in der Art von – Die Quellen dürfen nicht vernommen werden –. Die Begründung dafür lautete: Zum Schutz des Landes. Oder: Sicherheit des Landes in Gefahr. Genau weiß ich es nicht mehr, beziehungsweise kann es nicht richtig in den Notizen entziffern. Ich muss das übrigens so gestelzt formulieren, weil ich in den Jahren, in denen ich über diese Vorgänge schreibe, gelernt habe, zu betonen, dass es sich bei den Zitaten um Zitate handelt und bei den Erinnerungen um Erinnerungen. (Übrigens auch so ein interessantes Phänomen. Die beteiligten Personen verfielen reihenweise in Amnesie, Blindheit und Unwissenheit was die NSU-Morde betraf. Aber sobald man eine Silbe nicht zu hundert Prozent korrekt wiedergibt, funktionierten ihre Gedächtnisse schlagartig wieder und sie fahren ihre juristischen Bulldozer auf.)

Im gesamten NSU-Komplex ist Gerald Hoffmann, damals leitender Kriminaldirektor im Polizeipräsidium Nordhessen, meines Erachtens eine solitäre Person. Ein Polizist wie aus dem Bilderbuch. Korrekt, gründlich, sorgfältig. Um einen Eindruck seines Sprechens zu vermitteln, ein paar Ausschnitte:

Untersuchungsausschuss: Waren Sie eigentlich überrascht über die Waffen- und NS-Propaganda-Funde, die Sie bei Herrn Temme in der Wohnung und im Haus seiner Eltern gemacht haben? Darunter waren ja Feuerwaffen, eine 9-Millimeter- Beretta, ein Gewehr usw., also Messer, Baseball-Schläger, abgetippte Auszüge aus ‚Mein Kampf‘. Waren Sie da überrascht?

Zeuge Gerald Hoffmann: Das ist richtig; da waren wir schon beeindruckt.

Untersuchungsausschuss: Das ist ja wohl ungewöhnlich, kann man so sagen.

Zeuge Gerald Hoffmann: Ja, sicher. Man muss ja einfach mal sehen: So ein Mordfall ist ja nichts, was wir so von der Hand jeden Tag haben. Also, die Zahl der Mordfälle oder der Tötungsdelikte in meiner Behörde sind ungefähr zwölf im Jahr. Von daher gesehen ist das nichts, was uns täglich auf den Tisch kommt. Wenn dann auch noch ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes involviert ist und bei dem dann auch noch solche Dinge gefunden werden, dann ist das etwas, was schon bei uns alle Alarmglocken klingeln lässt.

Man fand bei Andreas Temme auch ein Buch über Serienmörder mit dem Titel »Immer wieder töten«. Damit konfrontiert machte er diese Angaben:

Untersuchungsausschuss: Können Sie die Motivation sagen, warum Sie dieses Buch beschafft haben?

Zeuge Andreas Temme: (…) Meine Frau und ich (…) lesen sehr viel. Wir sind auch breit interessiert. (…) Ich habe dieses Buch irgendwann bestellt. (…) Ich habe ein bisschen darin gelesen, aber ich habe es zum damaligen Zeitpunkt auch nicht komplett durchgelesen.

Untersuchungsausschuss: Na ja, was ein bisschen erstaunt: (…) Also, einerseits ein abstraktes Interesse an Serienmördern, und da, wo ein Serienmord konkret passiert, sagen Sie: Das habe ich nur so am Rande oder wenn überhaupt zur Kenntnis genommen. – Das hätte Sie doch nun als Serienmordinteressierten geradezu heiß machen müssen.

Zeuge Andreas Temme: Wenn ich die Berichterstattung irgendwo gesehen hätte und es mir aufgefallen wäre, hätte ich mich sicherlich damit beschäftigt, aber es war mir bis dahin noch nicht so untergekommen, die Berichterstattung über diese Mordserie.

Kurz zusammengefasst und festgehalten: Temme war bei einem Mord anwesend, den er nicht bemerkte. Dabei handelte es sich um einen der spektakulärsten Serienmorde der Bundesrepublik. Es wurde überregional berichtet, aber dem »breit interessierten« Viel-Leser Temme entging ausgerechnet diese Mordserie.

Das Internetcafé ist sehr klein. Beim Verlassen legte Temme eine Münze auf den Tresen, hinter der ein soeben erschossener Mann seinen extrem blutigen Verletzungen erliegt. Durch seine Berufstätigkeit ist er in Observationstechniken geschult. Außerdem ist er Sportschütze und müsste eine Antenne für Schussgeräusche haben. Seine Strategie bei seiner Vernehmung ist aber, dass der Mord nach seinem Weggang geschehen sein muss. Hoffmann, der aber Monate zuvor vernommen wurde, sagte bereits damals:

Zeuge Gerald Hoffmann:  (…) sich vergegenwärtigt, dass er Sportschütze war und mit Waffen Ahnung hat, sage ich mal, dann ist man, auch wenn das Geräusch eines Schalldämpfers sich durchaus von dem einer normalen Waffe unterscheidet, meines Erachtens in der Lage, zu differenzieren, was da eben gerade passiert ist. Wenn man den Zeitpunkt nimmt, an dem wahrscheinlich der Mord passiert ist, und den Zeitpunkt nimmt, bei dem er sich ausgeloggt hat, bleiben da bei mir schon Zweifel, dass er vorher raus gewesen sein will. (…) Aber, wie gesagt, wir gehen davon aus, dass der Zeitpunkt der Tat tatsächlich vor dem Verlassen des Lokals durch Herrn Temme gelegen hat.

Ich finde die Aussage des Polizisten, der fest davon ausgeht, dass Temme bei dem Mord anwesend war, sehr wichtig, denn sie fiel bereits 2012 und fand jahrelang keinerlei Interesse in der Öffentlichkeit.

Temme weinte bei seiner Vernehmung immer wieder und begründete das mit seiner Rührung darüber, wie kollegial vor allem seine direkte Vorgesetzte, Dezernatsleiterin Iris Pilling zu ihm war. Sie lud ihn zu einem Gespräch an eine Autobahnraststätte ein. Nicht ins Büro, nicht ins Café, nicht nachhause. Es ging »um menschliche Dinge«. Obwohl gegen ihn ein Ermittlungsverfahren lief, wurde er drei Mal ins Landesamt für Verfassungsschutz eingeladen. Auch hier ging es »menschlich« zu.  

Menschlichkeit spielt in Andreas Temmes Leben eine große Rolle.

Ein kleiner Ausschnitt seiner Aussagen:

Untersuchungsausschuss: Bei dem Gespräch in der Raststätte ging es um Ihre psychische Gesundheit. Kann man das so sagen? Ihr Befinden?

Zeuge Andreas Temme: Schlicht um menschliche Dinge, die mich und meine Familie betrafen.

Oder:

In der Zeit während meines Status als Beschuldigter hatte sich einmal meine Dezernatsleiterin bei mir gemeldet, die wohl einen Termin bei der Außenstelle in Kassel hatte und dann gesagt hat, ob wir uns einfach treffen können. Soweit ich mich an das Gespräch erinnere, ging es dabei auch schlicht um die menschliche Seite, darum, dass sie sich erkundigt hat, wie es mir und meiner Familie geht.

Oder:

Ich muss dazu sagen: Bei meinem ersten Gespräch bei Herrn Irrgang war ich menschlich auch sehr mitgenommen.

(Anmerkung der Autorin: Lutz Irrgang war Direktor des Landesamt für Verfassungsschutz Hessen mit Sitz in Wiesbaden)

Oder:

Ich möchte aber auch dazu sagen, dass beim Landesamt für Verfassungsschutz – Es ist natürlich auch so, dass, wenn ich in dieser Situation dorthin fahre, auch ganz normal menschlich miteinander gesprochen wird. Ich finde das jetzt in dieser Situation, unabhängig, wie man es möglicherweise juristisch wertet, nicht so abwegig, dass man auch einfach einige menschliche Worte miteinander wechselt.

Oder:

Wie gesagt, es ging um Menschliches, es wurden keine Details dieser Ermittlungen erörtert, und es war immer auch so, dass, wenn ich zu früheren Zeiten nach Wiesbaden gefahren bin, auch immer einige zwischenmenschliche Worte gesprochen worden sind. Von daher fand ich es nicht ungewöhnlich. Um es einfach so auszudrücken: Meine Frau und ich, wir fanden es nett, dass meine Vorgesetzte sich noch einmal bei mir meldet und einfach sagt: Wie geht es Ihnen denn menschlich?

Bis hierhin sind es sehr viele Fäden, die ich aufgenommen habe, ich weiß. Dabei betreffen sie lediglich zwei Morde, den an Halit Yozgat, Kassel 2006 und den an Walter Lübcke, Kassel 2019. Es ist nur ein winziger Ausschnitt aus einem großen, weit verzweigten Komplex. Ich lasse alle Details weg, obwohl es allein in diesem winzigen Ausschnitt zwischen Mord an Yozgat und dem Eintreffen seiner Leiche in der Rechtsmedizin viele Merkwürdigkeiten gibt. (Unter anderem wurde der tote Halit im pathologischen Institut des Klinikums Kassel bestohlen. Gerald Hoffmann übergab die Leiche »komplett« an die Rechtsmedizin. Yozgats Handy »verschwand«. Ein Mitarbeiter soll es in der Pathologie geklaut haben.)

Ich versuche jetzt die losen Enden zusammenzuknüpfen, damit man nachvollziehen kann, wie überraschend häufig die gleichen Namen jetzt fallen werden. Für die NSU- und Rechtsterror-Spezialisten sind diese ganzen Details bekannt. Ich finde aber, der Bevölkerung müssten sie auch bekannt sein. Es ist nicht so kompliziert, wie man denkt. Im Laufe der Jahre, wenn ich hier und da davon erzählte, habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Leute den Vorgängen folgen können, wenn man die Erkenntnisse sammelt, ordnet und in Zeitlupe nacherzählt:

– Stephan E. ist 2019 mutmaßlich Walter Lübckes Mörder.

– Er war dem Verfassungsschützer Andreas Temme bekannt.

– Andreas Temme war bei dem Mord Halit Yozgats 2006 anwesend und bis 2007 beim Verfassungsschutz.

– Stephan E. hat sich die Waffe für Lübckes Mord von Markus H. beschaffen lassen. Über Markus H. wissen wir seit kurzem, dass er mit Stephan E. manchmal auf rechtsextremen Demos im Osten unterwegs war.

– Markus H. geriet vor dem Lübcke-Mord 2019 mindestens schon einmal ins Visier der Polizei. Nämlich am 12. Juni 2006. Er wurde damals ins Präsidium Nordhessen zur Zeugenvernehmung im Mordfall Halit Yozgat geladen. Auf die Frage, ob er das Mordopfer gekannt habe, gab er an, Halit Yozgat einmal »ganz kurz kennengelernt« zu haben. Nämlich an einer Imbissbude in Kassel.

– Temme sagte im Untersuchungsausschuss 2012, dass es niemals vorkäme, dass seine Quellen untereinander Kontakt haben oder sich kennen.

– Stephan E.s Anwalt sagte 2019, dass sein Mandant und Sebastian Gärtner »gut miteinander bekannt« sind.

– Stephan E. (mutmaßlicher Lübcke-Mörder) und Sebastian Gärtner (Temmes angeblich einzige rechte Quelle) waren einander bekannt. Obwohl Gärtner nicht mehr als V-Mann aktiv ist und es ihm untersagt war, über seine Tätigkeit zu reden, tauschte er sich mit dem späteren Lübcke-Mörder Stephan E. aus.

Und zu guter Letzt: Nachdem Andreas Temme vom Dienst als Verfassungsschützer suspendiert wurde, hat man ihn nicht etwa fristlos entlassen, sondern versetzt.

Sie ahnen schon wohin, liebe Leserinnen und Leser. Temme arbeitet seit vielen Jahren im Kasseler Regierungspräsidium. Da, wo Walter Lübcke als Regierungspräsident tätig gewesen ist, bevor er ermordet wurde. Temme ist bis heute dort. In der Abteilung, und das ist jetzt kein Witz, Umwelt- und Arbeitsschutz.

Das war es für dieses Mal, liebe Leserinnen und Leser. Konnten Sie einigermaßen folgen?

Herzlich grüßt
Ihre Theaterkolumnistin Mely Kiyak

P.S.: Aus dem Jahr 2017 fand ich eine kleine Zeitungsnotiz aus der HNA, eine Onlinezeitung für Hessen und Niedersachsen. Es hatte sich eine kleine Bürgerinitiative mit dem Namen »Nachgefragt« gegründet. Sie bestand aus Landesbeamten, die sich für die Suspendierung des Mitarbeiters Andreas Temme aus dem Staatsdienst engagierten. Sie hatten für den 21. September 2017 (elf Jahre nach Yozgats Mord und zwei Jahre vor Lübckes Mord)  zu einer Podiumsdiskussion eingeladen.

Titel:
Vom Ende der Lügen – Was folgt aus dem hessischen NSU-Untersuchungsausschuss?

Und weiter:
Wir wollen wissen, welche Erkenntnisse die verschiedenen Ausschüsse über den Mord an Halit Yozgat gewonnen haben und wer seit Jahren die Hand über Temme hält – und warum?

Als Diskussionsteilnehmer wurde auch der Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke eingeladen. In der HNA hieß es dazu: Er habe eine Teilnahme abgelehnt.

Foto: © Yann Walsdorf / picture alliance | Gestaltung: María José Aquilanti

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