Wintertagebuch Februar

Der Monat beginnt mit einer famosen Meldung auf Spiegel Online: »Mann wird wegen Granate aus dem Ersten Weltkrieg im Po notoperiert«. In Toulouse kam ein Patient mit starken Schmerzen ins Krankenhaus und wurde sofort operiert. Als die Ärzte ihn öffneten, fanden sie ein Artilleriegeschoss in seinem Enddarm und riefen den Kampfmittelräumdienst dazu, um die Bombe professionell zu entschärfen. Alles ging gut. Der Patient wurde gesund entlassen und ich nehme an, dass die Krankenkasse alles gezahlt hat. Er kann nun hoffentlich sorglos »weiterladen«.
 
Tief in mir drin steckt leider auch etwas, das dringend entschärft gehört. Ich habe die wenige Absätze dauernde Meldung schon dutzendfach gelesen und jedes Mal wieder breche ich in teuflisches Gelächter aus. Sollten sich Personen in meinem Umfeld befinden, lese ich ihnen die Meldung kreischend vor. Ein elf-, höchstens zwölfjähriges Mädchen ist in mir gefangen, ich kann nichts dagegen tun. Ich lese mir sogar selber laut lachend die Kontaktanzeigen in der ZEIT vor: Sympathischer Top-Unternehmer, Akademiker der absoluten Spitzenklasse, ein Ausnahme-Mann, wie man ihn im Alltag selten trifft, sucht gebildete Partnerin mit Niveau.
 
Wer da nicht vor Lachen tot umfällt, der werfe den ersten Top-Unternehmer!

***

Es hat natürlich nicht lange gedauert, bis mein Telefonat mit Dinçer Güçyeter, über das ich im vergangenen Tagebuch berichtete, die Runde machte. Es ging in unserem Gespräch auch um die neuen Stoffbeutel von Lidl. Das Design ist absolut herausragend, allerdings ist die Henkelpolitik eine Katastrophe. Nun schrieb mir der Zeichner Elias Hauck: ja! die lidl beutel mit den idiotischen henkeln sind mir auch schon aufgefallen. witzigerweise gabs die zeitgleich auch im rewe: schöne jutebeutel mit obstmotiven + 4 (!) trageriemen, 2 zu kurz, 2 zu lang. perfekt.
 
Wahrscheinlich gibt es in irgendeinem Niedriglohnland eine Firma, die Henkel näht und europäische Discounter mit Leinenbeuteln versorgt, ohne sich eine Vorstellung davon zu machen, wie groß oder klein Europäer sind. Die Obstmotive sind aber wirklich schön.

***

Mich erreicht die traurige Nachricht, dass Schwester Fortis aus der Benediktinerinnenabtei in Fulda verstorben ist. Sie war schon über 90 Jahre alt und blieb trotz einer voranschreitenden Krankheit eine gutmütige und liebenswürdige Frau. Ich lernte sie vor Jahrzehnten kennen. Sie war für den Lieferanteneingang zuständig und öffnete ihn mit der Fernbedienung. Zur Tür ins Humofix-Büro aber kam sie persönlich. Wenn ich ins Kloster zu den Nonnen reiste, dann läutete ich immer erst ihre Glocke. Ich hörte sie schon hinter der Tür flöten: Die Meeeeeeeeeeeeely! Selten erlebte ich sie traurig, aber wenn, dann ging es immer um die frühen Verletzungen. Sie wuchs in einer kinderreichen Flüchtlingsfamilie aus Schlesien auf. Die Familie landete in Hessen, wo ihr Vater sie bat, ins Kloster einzutreten, damit er ein Kind weniger zu versorgen habe. Sie hatte keine echte Schulbildung, und konnte kaum lesen und schreiben. Als durch das Zweite Vatikanische Konzil erlaubt worden war, die Messe nicht mehr auf Latein, sondern in der Volkssprache zu feiern, verstand sie auch endlich, was gepredigt wurde. Schrittweise erlebte sie, wie die katholische Kirche und die Fuldaer Klostergemeinschaft mehr Teilhabe ermöglichten. Irgendwann durfte sie bei den studierten Schwestern sitzen, und noch viel später zog der ganze Konvent von der Empore runter in den Kirchenraum, um gemeinsam mit der Gemeinde zu beten. Sie erzählte mir von diesen ganzen Reformen, Veränderungen und Übergängen, als wären sie eben erst geschehen, aber sie lagen schon fünf oder mehr Jahrzehnte zurück. Die Kränkungen, die sie als junges Mädchen und Frau erlebt hatte, die gebildete Mitschwestern, oder Frauen aus egal welchem Beruf aus gut situierten Verhältnissen stammend niemals nachvollziehen können, drückten auf ihre Seele. Irgendwann, als Fortis es körperlich nicht mehr schaffte, auf dem Acker und in der Küche zu arbeiten, wies die Äbtissin ihr eine neue Arbeit zu. Sie bekam einen Schreibtisch im Humofix-Büro und durfte die Titelblätter für die »Winke für den Biogärtner« zeichnen. Die »Winke« ist die älteste Zeitschrift über biologischen Gartenbau im deutschsprachigen Raum, die von den Fuldaer Nonnen publiziert wird. (Ich schreibe an diesem exzellenten Periodikum gelegentlich auch mit.) An diesem Schreibtisch verbrachte Schwester Fortis ihre letzten Arbeitsjahrzehnte. Sie stanzte, lochte und heftete. In ihren Schubladen lagen Hustenbonbons, eine Tube Handcreme, ein Kreuz aus Bronze, sowie Briefe und Postkarten, von Menschen, die ihr schrieben. Manchmal kramte sie eine Karte raus und sagte: Lies sie mir bitte vor. In ihrer Schublade lag auch die Fernbedienung für das große Tor. Von hier ächzte sie sich hoch, um die Tür zu öffnen und Fuldaer Menschen zu umarmen, die manchmal einfach nur so klingelten, um mit der Nonne zu schwatzen. Nun ist sie bei ihrem Herrgott. Sie hat ihn wirklich sehr geliebt. Ich werde meine lachende, Blüten und Blätter ausmalende Nonne niemals vergessen.

***

Bin für eine Veranstaltung in eine berühmte deutsche Kulturinstitution in der Hauptstadt eingeladen. Bekomme die erste Mail, mit der Anfrage, die die Veranstaltung erläutert. Bekomme die zweite Mail von einer zweiten Person, die die Einladung bestätigt und einen Brief anhängt, wo eine weitere Person die Reihe erneut erläutert. Bekomme eine dritte Mail von einer dritten Person, die mich um eine Kurzbiographie bittet. Bekomme eine vierte Mail, von einer vierten Person, die die Künstlerbiographien nach den »Style-Richtlinien« des Hauses »redigiert«.
 
Ich bereue, zugesagt zu haben. Ich verlasse wirklich nur noch zweieinhalb Mal im Jahr meinen Schreibtisch für öffentliche Auftritte und verabscheue es aus tiefstem Herzen.
 
Diese vielen Mails. Die Bettelei, ob ich auf meinen Social-Media-Accounts bitte Werbung für die Veranstaltung machen kann. (Nein, kann ich nicht, habe keine »Accounts« und bin auch nicht für Werbung zuständig. Wenn Ihr nicht in der Lage seid, Eure Veranstaltungen zu füllen, dann macht weniger, oder besser, gleich gar keine). Die Anfragen für kostenlose Fotos und Angaben zu meiner Person. (Friends, die kann man sich bei den Verlagen runterladen, habt Ihr es immer noch nicht begriffen? Jeder Autor, jede Autorin hat eine Autorinnenseite bei ihrem Verlag). Ach Mann, ich hasse es wirklich aus tiefstem Herzen. Warum sage ich dann zu, wird man sich zu Recht fragen. Weiß auch nicht. Weil es sich bei den Veranstaltern um Freunde handelt. Weil ich selber kuratiere und einlade. Weil ich dumm, geltungssüchtig und eitel bin. Weil ich manchmal Lust habe, mich öffentlich zu unterhalten. Es gibt Menschen, die Angst haben, Briefe von Behörden zu öffnen. Ich habe Angst, in mein Emailpostfach zu schauen. Es ist kein Zufall, dass meine Kontaktdaten nicht im Netz zu finden sind. Anfragen bitte an meine Verlage. Nicht ans Theater. Die Leute hier am Haus haben auch Besseres zu tun, als sich um meine Post zu kümmern. (Dafür sind, Ihr ahnt es schon, meine Verlage zuständig.) Und nein, ich nehme an keinen politischen Diskussionen teil. Sie interessieren mich nicht. Gebt mir einfach irgendwann die Eckdaten meiner Deportation bekannt.

***

Wieder eine Wohnung aufgelöst. Die soundsovielte in meinem Leben. Ich bin fürs Wohnen nicht gemacht. Ich suche ein liebevolles Zuhause für mein Schreiben.

***

Wir alle haben viel verloren / Täusche dich nicht: auch ich und du. / Weltoffen wurden wir geboren. / Jetzt halten wir die Türen zu / Vor dem und jenem. Zwischen Schränken / Voll Kunststoffzeug und Staubkaffee / Lügen wir, um uns nicht zu kränken. / Und draußen fällt der erste Schnee… / Wir fragen kalt, die wir einst kannten: / Was machst denn du, und was macht der? / Und wie wir in der Jugend brannten … / Jetzt glühn wir anders. So nie mehr.
 
Von Eva Strittmatter, aus dem Bändchen »Einblicke, Allein«, im Gespräch mit Klaus Trende.
 
Schöne Zeilen, ich musste sie zweimal lesen, bis ich kapiere: Immer, wenn Eva Strittmatter ins lyrische Wir wechselt, stimmt nichts mehr. Ist es so? Glühten wir früher anders? Standen unsere Türen einst offen und heute nicht mehr? Ich liebe Eva Strittmatters Gedichte, aber hier hat sie – wie übrigens jeder Künstler, der im Wir spricht – nicht recht. Lyrische Wahrheiten verlassen den Boden der Tatsachen, in dem Moment, in dem sie sich das Recht herausnehmen, für die Allgemeinheit zu sprechen. Aber wie sie reimt! Niemand reimt so gut wie sie.

***

Michel Friedman wird siebzig. Muss meine Geburtstagsrede für ihn im Berliner Ensemble vorbereiten. Nach mir wird Joschka Fischer sprechen. Easy. Da kann ich nur gewinnen.

***

In ein paar Tagen ist der Februar vorüber. Was tat ich für ihn? Was hinterließ ich diesem mysteriösen Monat, der nicht mehr recht zum Winter gehört und noch nicht zum Frühjahr? Dieser seltsame Monat mit den zu wenigen Tagen, in denen sich das Licht frühmorgens mit den Graugänsen im Himmel trifft. Ich fürchte, ich tat nichts von Belang für diesen Monat. Der Februar hat noch was gut bei mir.

Mely Kiyak ist Schriftstellerin. Ihre gesammelten Theaterkolumnen aus dem Gorki sind in dem Band »Werden sie uns mit FlixBus deportieren?«, Hanser München 2022 versammelt. Zuletzt erschien von ihr »Gute Momente« Mikrotext 2025.

Kiyaks Theaterkolumne HIER abonnieren

You must be logged in to post a comment.