
Der Schnee schluckt alle Geräusche. Am Morgen hängen die Flocken wie ein Mobile in der Luft. Am Abend strecken die Bäume ihre Arme und wollen den Himmel umarmen. Schnee. Überall Schnee.
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Stromausfall im Berliner Süden. 100.000 Menschen sind bei zweistelligen Minusgraden Frost und Elend ausgesetzt. Am Arzttresen steht ein älterer Herr mit seiner uralten Mutter. Einen Anschlag uffs Kanzleramt hätte ick verstanden, aber uff die Bevölkerung?, echauffiert er sich laut. Die Arzthelferin nickt verständnisvoll. Er fühlt sich ermutigt und präzisiert, uffn Kanzler, na juut, kann man ja irgendwie nachvollziehn, aber doch nicht uff die Leitungen! Die Vulkangruppe, lese ich später in der Zeitung, bekennt sich zum Anschlag auf das Berliner Stromnetz. Nach ein paar Tagen meldet sich eine weitere Vulkangruppe, die sich vom Anschlag distanziert. So geht das hin und her. Wir waren es. Wir waren es nicht. Die anderen waren´s. Vulkangruppe, Ortsbezirk Pummelhausen, und Vulkangruppe Widelwupps-West kriegen sich in die Haare. Erst als alle Berliner Haushalte wieder Strom haben, folgen weitere Briefe und Entschuldigungen. Ein Satz erbärmlicher als der andere. »Hätten die Aktion in eine andere Jahreszeit verlegen sollen«. »Dachten, der Strom wird nur ein paar Stunden ausfallen«. »Nicht die einzelnen Haushalte« seien das Ziel gewesen, sondern »die Gier nach Energie«. Der Ton der Briefe: eine Mischung aus Größenwahn und Weinerlichkeit. Ich weiß nicht genau, was die Merkmale von Linksterrorismus sind, aber seitenlanges Heulsusentum in schlechtem Deutsch ist immer mit dabei. Arno Widmann ruft mich an und erzählt, dass die Idee, die Bevölkerung tagelang von der Energie abzuschneiden, in seinen linksradikalen Gruppen der späten Sechziger und Siebzigerjahre Dauerthema war. »Warum?«, frage ich. »Es geht darum, Tohuwabohu zu stiften«. Und dann? »Tja«, sagt er, »das war es schon« und legt auf.
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Im Reflektor-Podcast interviewt Jan Müller den Hamburger Liedermacher Bernd Begemann, der von Bekannten erzählt, die mit dem Gedanken spielen, sich einen Zweitwohnsitz »in Portugal oder so« zuzulegen. Für den Fall der Fälle, falls »der Russe kommt«. Er aber, Begemann, sähe das anders. Dann folgt der absolut großartige Satz: »Wenn Hamburg nicht mehr ist, will ich auch nicht mehr sein«.
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Lese mich in die Geschichte des französischen Chansons »Göttingen« ein. Hans-Gunther Klein, Direktor des Jungen Theaters Göttingen, lud 1964 die damals sehr bekannte Chansonnière Barbara in seine Stadt ein. Barbara hatte eigentlich keine große Lust, nach Deutschland zu kommen. Sie war als jüdisches Kind vor den Nazis aus Paris geflohen. Aber aus irgendwelchen Gründen sagte sie den Auftritt dann doch zu. Allerdings hatte sie eine Bedingung: Es muss ein Flügel auf die Bühne. Als sie im le petit théâtre in Göttingen ankam, stand statt eines prächtigen Flügels nur eine olle Mohrrübe da. Ein Klavier, ein Pianino, ein armseliges Dingens aus stumpf geklimpertem Holz. Barbara tat das einzig Richtige. Sie hatte keinen Bock. Strikt weigerte sie sich aufzutreten, und Hans-Gunther Klein lief panisch durch Göttingen, bis sich endlich eine alte Dame fand, die einen Flügel besaß. Zehn Studenten wurden aufgetrieben, die den Flügel aus der Etagenwohnung der alten Dame hinunter und quer durch Göttingen zu Madame Barbara auf die Bühne schleppten. Zwei Stunden lang sang Barbara und war von Minute zu Minute hingerissener von den Göttingern. Denn das Publikum nahm ihr die zweistündige Verspätung, mit der das Konzert begann, überhaupt nicht übel, sondern feierte sie und jubelte. Zuhause in Paris widmete sie den neu gewonnenen Freunden ein Lied, zunächst auf Französisch, später sang sie es auf Deutsch. Hier ein paar der sehr schönen Strophen:
Paris besingt man immer wieder
Von Göttingen gibts keine Lieder
Und dabei blüht auch dort die Liebe
In Göttingen, in Göttingen
Gewiss, dort gibt es keine Seine
Und auch den Wald nicht von Vincennes
Doch sah ich nur so schöne Rosen
In Göttingen, in Göttingen
Das Morgengrauen ist nicht das Gleiche
Wie bei Verlaine das Silberbleiche
Doch traurig stimmt es auch Franzosen
In Göttingen, in Göttingen
Kommt es mit Worten nicht mehr weiter
Dann weiß es: Lächeln ist gescheiter
Es kann bei uns noch mehr erreichen
Das blonde Kind in Göttingen
Was ich nun sage, das klingt freilich
Für manche Leute unverzeihlich:
Die Kinder sind genau die gleichen
In Paris wie in Göttingen
Lasst diese Zeit nie wiederkehren
Und nie mehr Hass die Welt zerstören
Es wohnen Menschen, die ich liebe
In Göttingen, in Göttingen
Doch sollten wieder Waffen sprechen
Es würde mir das Herz zerbrechen
Wer weiß, was dann noch übrig bliebe
Von Göttingen, von Göttingen
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Dinçer Güçyeter ruft mich an. Ohne umständliches »Hallo, wie geht’s, wie steht’s?« kommt er zur Sache: Er steht im Aldi-Süd in Nettetal. Sie haben die Pomelos auf 1,11 Euro heruntergesetzt und auch das Klopapier ist im Angebot. Ich bedanke mich und erzähle ihm, dass er mal auf das Design der neuen Stoffbeutel bei Lidl achten soll. Absolut herausragend, nur die Trageriemen sind eine Katastrophe. Wir legen auf. Genau dafür wurde das Telefon erfunden! Er hat immer eine absolut lebensnotwendige Mitteilung zu machen und schafft es, unter einer Minute zu bleiben.
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In der Berliner Philharmonie Rachmaninows 1. Klavierkonzert gehört. Bin natürlich wie alle Rachmaninowenthusiasten scharf auf das 2. und das 3. Klavierkonzert, und ging nur aus Gründen des Trostes hin. Damit man halt überhaupt noch was von dem alten Russen hat. Im Konzert dann, wir haben Spitzenplätze, geschlossene Augen und wie immer der Versuch, bloß nicht nach vorne zu schauen, sondern die Musik durch den Körper fließen zu lassen. Ohne Filter, ohne störende Zwischengedanken, ohne einfach gar nichts. Nur Musik. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelingt es, die Musik durch das Ohr zu leiten – und auf einmal höre ich die Schönheit der Komposition und erkenne, was auch schon im Reklameheft der Berliner Rundfunksinfoniker stand. Sergej Wassiljewitsch schrieb das Konzert mit 17 Jahren und fummelte noch ein paar Jahrzehnte daran rum, aber es stimmt, da steckt schon alles drin, der ganze Rachmaninow. Wenn es einen Gott gäbe, der mir versprechen würde, dass ich im nächsten Leben komponieren könnte und Musikerin werden würde, dafür aber jetzt sofort auf der Stelle sterben müsste, ich würde sagen: Kollege, leg los, mach mich sofort tot!
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Vor der Georg-Büchner-Buchhandlung steht ein Mann, der interessiert ins Schaufenster schaut. Sein Blick fällt auf drei Titel von Autorinnen. Zu seiner Begleitung, freundlich, nicht hämisch oder so, fragt er ehrlich interessiert: »Silke, ist schon wieder Frauentag?« Ich breche fast zusammen vor Lachen. Auf dem Nachhauseweg überlege ich die ganze Zeit, was ich schreiben könnte, um mein nächstes Buch so nennen zu können. Vor ein paar Wochen lernte ich auf einer Lesung Elias Hauck von Hauck & Bauer kennen. Wir waren Teil einer Anthologie und er war ein wirklich lustiger und freundlicher Kerl. Vielleicht könnte ich ihn bitten, mir wenigstens einen Strip zu zeichnen, der irgendwas aus dem Satz macht. Mit Björn Kuhligk klappte es schließlich auch. Den bat ich öffentlich in meiner Zeit-Online-Serie, mir bis spätestens Weihnachten ein Gedicht über den Berliner Zoo zu schreiben. Hat geklappt, pünktlich vor Weihnachten besorgte er sich meine Email-Adresse und sendete mir »In der Mitte der Stadt«, mit diesem tieftraurigen Beginn:
Es ist Familientag, die Tiere sind sortiert
Im Haus der Volieren fehlt der Himmel,
das Nashorn in seinem Kettenhemd,
das Sand aufwirbelt mit jedem Schritt,
die Elefanten verstauben.
Darüber habe ich fast geschluchzt, so wie ich bei Kuhligk fast immer mit Gefühlen kämpfen muss, wo ich doch Jefühle ham so sehr verabscheue. Ach, seid doch alle so gut und lest Björn Kuhligk!
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Umsatzsteuervoranmeldung gemacht. Nach fast 20 Jahren muss ich mich immer noch konzentrieren, als würde ich gerade Penicillin entdecken. Bis zum 10. Januar das 4. Quartal von 2025 abrechnen. Umsatzsteuer nicht mit Einkommenssteuer verwechseln! Zum jeweils 10.3., 10.6., 10.9., und 10.12. die laufenden Einkommenssteuervorauszahlungen überweisen. Nicht zu früh, sonst bucht das Finanzamt alles zurück! Nicht zu spät, sonst Strafe zahlen!! Versäumniszuschlag, wie es so schön heißt. Mit den Behörden ist nicht zu spaßen. Mein Kumpel Mitzi, der Bürgergeld bezieht, hat neulich in einem Schreiben ans Jobcenter darum gebeten, nicht mehr mit »Guten Tag Mitzi Müller« angeschrieben zu werden. »Ich bitte darum, mich in der weiteren Kommunikation mit der förmlichen Anredeform ›Sehr geehrter Herr Müller‹ anzusprechen. Dies entspricht meinem persönlichen Verständnis einer sachlich-distanzierten Verwaltungskommunikation«. Im Übrigen wies Mitzi darauf hin, dass nach den geltenden Regeln deutscher Rechtschreibung zwischen Grußformel und Namen ein Komma gehöre, Guten Tag KOMMA Mitzi Müller. Natürlich lese und höre ich das mit allergrößter Heiterkeit, aber ich weiß auch, wie sehr Mitzi von seiner prekären Situation zermürbt ist. Mitzi meint, dass mit der Umstellung von Hartz IV aufs Bürgergeld diese Ekelanrede »Guten Tag« eingeführt wurde. Auch mein Freund Kirk aus Leipzig kommt einfach nicht auf die Beine. Jahrzehnte schon muss er seine Niedriglohnjobs bezuschussen lassen und gerät in schwerwiegende Depressionen im Kampf mit den Ämtern. Ein toller Mann, alleinerziehend, gebildet, musisch interessiert, aber wenn der Brief vom Jobcenter im Briefkasten liegt, dann stürzt alles in sich zusammen und er versinkt in Dunkelheit. Die Leute haben immer gut reden, wenn es um Menschen geht, die Sozialleistungen in Anspruch nehmen. Diejenigen, die ich kenne, sind allesamt beschämt von ihren Verhältnissen und laufen gebeugt durchs Leben. Insofern: Bravo Mitzi und ihr anderen, die ihr im Kampf mit den Ämtern, die Verachtung eurer Mitbürgerinnen auch noch ertragen müsst. Kopf hoch!
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Mitte Januar, der Schnee ist geschmolzen. Im Hinterhof ist der Schneemann in sich zusammengesackt, als hätte er einen Herzinfarkt bekommen. Hat er ja auch irgendwie. And even though I hate the cold. A constant reminder that I’m getting old. Werde dieses Jahr 50 Jahre alt. Scheiß doch der Hund drauf! Vielleicht sollte ich mir zum Geburtstag einen Instakanal schenken? Dann Fotos von mir drauf stellen, auf denen ich süß gucke. Süß gucken am Montag. Süß gucken am Dienstag. Süß gucken am Mittwoch. Kann immer noch nicht glauben, dass die Mehrheit der Leute, die ich privat kenne, diese Scheiße praktiziert. Huhu hallo, guck mal, mein neues Buch (mein wichtigstes!), bin auf Lesereise, traf noch einen Autor, ach und hier, ich kann auch anders süß gucken, und wieder neue Fotos, dieses Mal noch anderser süß. Helene Hegemann sagte mal, dass sie privat nur Autorinnen liest, die nicht auf Facebook oder Instagram sind. Habe natürlich sofort in mein Buchregal geschaut, ob es hinhaut. Na ja, fast.
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Drei Glückskekse versprachen mir eine famose Zukunft. Im Ersten steckte die schier unglaubliche Verheißung »Glück wird auf dich fallen«, im Zweiten Zuversicht »Du wirst deine Chance ergreifen«, und der Dritte versprach »Bald werden deine Talente für andere sichtbar«. Na bitte! Oh Februar, ich stecke alle meine Hoffnungen in Dich.
Mely Kiyak ist Schriftstellerin. Ihre gesammelten Theaterkolumnen aus dem Gorki sind in dem Band »Werden sie uns mit FlixBus deportieren?«, Hanser München 2022 versammelt. Zuletzt erschien von ihr »Gute Momente« Mikrotext 2025.
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