
Im Alter von 87 Jahren bricht Heino öffentlich mit seinem einzigen Kind. Sohn Uwe, auch schon über sechzig, habe nach dem Tod von Mutter Hannelore Papa Heino nicht zum Geburtstag gratuliert. Auch zu Silvester oder Weihnachten rufe Uwe nicht an. Der Sohn sei „die größte Enttäuschung seines Lebens“. Totaler Schreckenssatz. Kruppstahlhärte.
Heino ist ohnehin ein merkwürdiges BRD-Phänomen. Solche Karrieren waren nur im postnationalsozialistischen Deutschland möglich. Diese zweifelhafte Mischung aus Steifheit, abwesendem Gesangstalent und an Stumpfsinn grenzenden Trivial-Lyrics war für die Verdrängungskapazität von Millionen Deutschen das künstlerische Gleitmittel.
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Die maßlose Angewohnheit von Dinnergästen ihre Trink- und Ernährungsgewohnheiten zu verkünden, wird hoffentlich irgendwann als soziales Tabu geächtet. Kaum setzt man sich hin, will gemeinsam essen und über die Welt schwadronieren, geht es los: Ersin trinkt keinen Alkohol. Silke verträgt keine Champignons. Kurze Frage an die Köchin, ist das Brot mit Hefe gebacken? Nein? Ach so, das ist nicht selbst gebacken?! Gekauft? Darf ich fragen, wo? Die erste halbe Stunde geht es wirklich nur darum, wer was nicht essen kann oder will, wer welche Ernährungsprinzipien einhält oder aus ideologischen Gründen ablehnt. Diese Leute brauchen keine Vertreibung und keinen Krieg. Der politische Feind muss sie einfach zwingen, gebratene Champignons zu essen, und dann „ich schwöre, habe ich drei Tage Krämpfe“. Der neurotische Bekenntniszwang zieht sich durch zu viele Bereiche, sexuelle Präferenzen, Körperpflege, Erziehung der Kinder.. – rasche Ermahnung an mich selbst: Ist gut jetzt, Kiyak! Bist schon 5 vor Sloterdijk!
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Bei Tristan Brusch diese schöne Liedzeile über das Leben gehört: Vor Gericht und im Gefängnis/ Auf der Treppe zum Schafott/ Auf dem Parkplatz vorm Hospiz/ Neben dir im Krankenbett/ Brauchst du keinen Erfolgreichen/ Keine Siege, keine Reichen/ Nur wen, der weiß, was Liebe ist/ Und dich nimmt, so wie du bist.
Mir gefällt die Stelle vom Hospiz. Andernfalls könnte man meinen, es handele sich um den Librettisten Bertolt Brecht und ein Eisler-Lied aus den 1920ern. Der Parkplatz aber hebt das Stück augenblicklich in die Gegenwart. Bruschs Lieder klingen, ähnlich wie bei Etta Scollo, nach Theatermusik. Ich liebe diese Art Musik, seit ich als 17jährige als Polly Peachum in Newcastle auf der Bühne stand. Ich hatte einen Musiklehrer, der mir beibrachte, wie man sprechend singt und einen Theaterlehrer, der mir zeigte, wie man singend spielt. Ich hatte das alles schon vergessen, bis ich spätabends im Radio „Geboren um zu sterben“ hörte, (bitte nicht mit Unheiligs „Geboren um zu leben“ verwechseln) und alle Erinnerungen erwachten. Habe übrigens meinen englischen Schauspielpartner Matthew ergoogelt, der mich als Mackie Messer auf der Bühne bei der Premiere auf die Lippen küsste, obwohl es streng verboten war. Wir hatten vorher extra geübt, wie man die Köpfe neigt und sich gegenseitig die Wangen oder Ohren beknabbert, damit es nach einer wilden Küsserei aussieht. Matthew war dabei wahnsinnig witzig und brachte mich derart zum Lachen, dass ich schon mal das Gleichgewicht verlor und von meinem eigenen Gegacker umkippte. Nur konnte ich beim besten Willen nicht über seine Pickel und seinen Überbiss hinwegsehen. Ich war verknallt in den Pianisten. Ein aus heutiger Sicht betrachtet viel zu öliger Pudel, eitel, over the top. Matthew, erfuhr ich aus dem Internet, hat die Schauspielerei aufgegeben und Medizin studiert. Er ist jetzt ein angesehener Kardiologe. Sein Teint ist rein, die Zähne tiptop gerichtet. Im Gegensatz zu ihm sehe ich wie eine ungegossene Zimmerpalme aus.
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Diese Titelgeschichte im SPIEGEL über die Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes, die ihren Ex-Ehemann angezeigt hat, weil dieser mutmaßlich über ein Jahrzehnt „digital verkleidet“ als seine Ehefrau im Internet Sexkontakte unterhielt, führte zu einer tagelangen Verwirrung. Durch die Story erfuhr ich überhaupt erst, dass diese Art von Taten verübt werden. Ein Straftatbestand, der in Deutschland genau genommen gar keiner ist, aber in Spanien, wo das geschiedene Paar lebte, sehr wohl. Dieser Fall hat natürlich (wie in dem anderen prominenten Missbrauchsfall von Gisèle Pelicot auch) viele Dimensionen. Private, politische, juristische, psychiatrisch-forensische. Manche Leute kommentierten das Geschehen mitsamt den beschriebenen Ungeheuerlichkeiten als seltsam. Mein erster Gedanke war ähnlich. Wie seltsam, wie befremdlich. Aber nach einigen Tagen des Nachdenkens, wird mir immer klarer, dass wir etwas „seltsam“ finden, weil die Taten von unseren eigenen zivilen und sexualethischen Codes stark abweichen. Aber „seltsam“ ist kein guter Begriff. Denn diese Taten sind alles Mögliche, nur nicht selten, was das Wort „seltsam“ nämlich meint, im Sinne von außergewöhnlich. Sexualisierte Gewalt findet oft statt. Sie ist ein Massenphänomen. Die neuen digitalen Möglichkeiten, Frauen gegen ihren Willen und ihre Kenntnis sexuell zu missbrauchen, geben Tätern einfach nur noch viel mehr Gelegenheit, ihre Straftaten zu verüben. Ich verfolge diesen Fall mit großem Interesse, gleichzeitig ermahne ich mich, nicht voyeuristisch zu sein. Schwierig. Die Bildzeitung empfindet diese Vorsicht nicht. Sie versammelte an Tag vier der Veröffentlichung prominente Stimmen. Max Raabe, „Mir ist das Blut in die Füße gerutscht“, Claudia Roth, „Ich habe geweint. Da war so viel Schmerz“. Sehr schön übrigens auch die Juristenprosa von Christian Ulmens Strafverteidiger Christian Schertz. Es handele sich bei der Berichterstattung im SPIEGEL um „unwahre Tatsachen“. Soso. Für diese Wortschöpfung ein aufrichtig gemeintes „Hut ab. Chablis!“, wie ein entfernter Angehöriger, der deutsche Redewendungen nicht ganz in den Griff kriegt, in solchen Fällen zu sagen pflegt.
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Ich verstehe jetzt, warum Berlin verslummt. In meinem Keller stand eine alte Badewanne, die ich loswerden wollte. Sie war noch in Ordnung, also bot ich sie zum Verschenken auf Ebay an. Es meldeten sich zahlreiche Interessenten, aber nicht wegen der Wanne. Einer wollte das Möbelstück, das ebenfalls im Keller stand und von dem ein Stück versehentlich auf dem Foto abgebildet war, unbedingt geschenkt bekommen. Tagelang bedrängte er mich. Jemand anderes hatte Frust und schimpfte. Ein Dritter wollte den Preis eines Fahrrads herunterhandeln, er hatte sich in den Anzeigen geirrt. Ich wurde die Wanne auf diesem Weg nicht los. Ich rief bei der Berliner Stadtreinigung an und bat darum, die Wanne abzuholen. Die BSR-Mitarbeiterin sagte, ditt macht Hunnatfuffzig Euro. 150 Euro, fragte ich, warum?? Weil ditt so is. Aha. Ich legte auf und tat, was man in solchen Fällen immer macht. Man ruft erneut an, in der Hoffnung, dass beim zweiten Anruf ein kompetenterer Servicemitarbeiter rangeht. So war es auch. Nun kostete das Abholen der Wanne 300 Euro. Ich war verblüfft. Im Internet warb die BSR damit, Sperrmüll zu einem „fairen Preis“ abzuholen. Aber ich zahle doch Steuern, versuchte ich am Preis zu schrauben. Der Servicemitarbeiter legte wortlos auf. Ich schaute nach, ob es kostenlose Sperrmülltage gibt. Gibt es. Zweimal im Jahr pro Bezirk. Die Abholpunkte sind mehrere S-Bahn oder Tramstationen von mir entfernt. Jetzt verstehe ich den trügerischen Begriff „wohnortnah“. Für das Abliefern gilt zudem ein umfangreicher Regelkatalog. Unter anderem darf man am Vorabend den Sperrmüll nicht an diese Stelle bringen. Ich kann eine schwere Wanne aber nur mit Unterstützung von wenigstens zwei Helfern und einem Auto an die Abgabestelle bringen. Tagsüber arbeiten alle. Außerdem darf man das Sperrgut nur mit der rechten Hand abgeben, lächelnd und auf einem Bein stehend. Das Regelwerk ist wirklich absurd. Bei soviel Aufwand, kann man die Wanne eigentlich auch zum Wertstoffhof fahren. Der hat an sechs Tagen die Woche auf. Also mietete ich an einem Samstag für 70 Euro einen Kastenwagen und bat zwei sensible Künstlerfreunde um Hilfe. Gemeinsam hoben sie die Wanne in das Fahrzeug. Wir fuhren zum BSR-Wertstoffhof. Dort warteten wir in einer sehr langen Autokolonne darauf, wie an einem militärischen Checkpoint von einem Typen mit Glatze heran gewunken und angeschrien zu werden.
„Watt habt’a?“.
„Wir haben eine Wanne!“
„Watt’n für eene?“
Meine zarten Künstlerfreunde, aus gutem Elternhaus stammend, viel zu weich geföhnt für diese Welt, völlig ahnungslos: „Eine Badewanne, wo man in Vanille-Badeschaum liegen, Schubert hören und entspannen kann“.
Ich merkte, ich muss die Sache in die Hand nehmen und das Fachgespräch selber führen.
Ich brüllte: „Nee Wanne halt. KENNSTE KEENE WANNE ODER WATT?“.
„Emmallje oder Kunststoff?“.
„Emmallje!“
„Nehm wa nich!“
„WATT? WARUMMEN NICH?“
„Weil der Container schon voll ist.“
„Ja und nu?“
„Wees ick doch nich. Kommste nächste Woche wieder.“
„Wann’n nächste Woche?“
„Wees ick doch nich!“
„Wieso weesten ditte nich?“
„Weil ick nich wees, wann de voll’n Container abjeholt werden“.
Wir gifteten uns noch eine Weile an, er schrie, ich schrie, aber es nützte nichts. Wie jämmerlich geprügelte Hunde wurden wir vom Hof verscheucht.
Wir fuhren zurück, schleppten die Wanne in den Keller, brachten den Kastenwagen zur Mietstation. Zum Dank lud ich die Helfer zu einem opulenten Mahl in ein Restaurant. Entgegen den Gepflogenheiten, nenne ich hier Summen. Zusammen mit der Automiete sind wir schon bei 200 Euro. Am nächsten Wochenende reservierte ich erneut einen Kastenwagen. Als ich ihn besteigen wollte, sah ich, dass das Fahrzeug an einer Seite völlig demoliert war. Ich meldete den Schaden telefonisch noch an Ort und Stelle, es gab aber keinen Ersatzkastenwagen für diesen Tag. Ich rief schnell die Helfer an, dass sie wieder umkehren sollten.
Die dritte Woche klappte es. Wieder dankte ich meinen Helfern mit einer ausgedehnten Einladung. Insgesamt gab ich weit über 300 Euro für diese Aktion aus, also mehr, als das „faire“ Preisangebot der BSR. So, und jetzt frage ich die deutsche Bevölkerung: KÖNNT IHR UNS BERLINER VERSTEHEN? Könnt ihr verstehen, dass ich so kurz davor war, die Scheißwanne an den Straßenrand zu stellen? Zu den vollgeschissenen Kloschüsseln, eingepissten Matratzen und ausgelatschten Schuhen? Versteht ihr jetzt, warum Berlin so dreckig ist? Es ist in dieser Stadt nahezu unmöglich auf bürgerliche Art seinen Müll zu entsorgen. Es kostet Zeit, Geduld und vor allem kostet es richtig viel Geld. Diese Stadt zwingt ihre Bürger sich wie Schweine zu benehmen. Für Meinungsbeiträge bitte auf Antwort drücken und aufschreiben, was Ihr denkt. Aber wehe, Ihr gebt mir nicht recht. Gebt mir recht! Andernfalls lasse ich Euch aus dem Abonnentenverteiler löschen. ICH PACKE EURE MAILADRESSEN UND STELLE SIE AN DEN STRASSENRAND.
Mely Kiyak ist Schriftstellerin. Ihre gesammelten Theaterkolumnen aus dem Gorki sind in dem Band »Werden sie uns mit FlixBus deportieren?«, Hanser München 2022 versammelt. Zuletzt erschien von ihr »Gute Momente« Mikrotext 2025.
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