WANN WIRD FÜRSCH PUBLIKUM GEÖFFNÄTT?

Bald, liebe Leserin, lieber Leser, feiern wir meine 100. Theaterkolumne. Bevor der offizielle Jubiläumstrubel beginnt (sind noch fünf Texte bis dahin) wollte ich mich in Ruhe bei Ihnen bedanken.

Sie wissen ja selbst, wie wir hier im Haus sind. Wir nennen es schon lange nicht mehr Fest, wenn wir feiern, sondern Fiasko. Der Whirlpool in der Intendantinnensuite wird randvoll mit Ayran gefüllt – wegen der Hardcore-Muslim_x herrscht im ganzen Haus Alkoholverbot – und dann wird besinnungslos mit Konfettikanonen geschossen. Radikal-Pazifisten schwenken Staubpuschel von Rossmann.

Man trägt Sucuk-Kringel um den Hals, küsst Zunge und singt „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“.

Die legendärste Party war jene, als der Betriebsratvorsitzende im Foyer des Hauses mit seinem Penis tanzte („Komm her meine kleine Mango, ich wirbel Dich zum Tango“), während die Stuhlpaten des Hauses betroffen an die Wand starrten. Die Intendantin wurde eilig herbei gerufen und schrie mit Handtuchturban auf dem Kopf und Ayranresten in den Achselhöhlen: „Spinnt ihr? Wir sind hier doch nicht im Hafenviertel von La Boca. Spielt doch mal ordentliche Musik. Yavuz, blas ma’ beat, lan!“

Am nächsten Morgen nach solchen Partys, herrscht Generalamnesie und alle siezen sich wieder. Guten Morgen Frau Chefvorhang. Guten Morgen, Herr Generalkulisse.

Jedenfalls danke, liebe Leser. Wir fühlen uns wahrgenommen. Wir, das sind mein Team und ich.

Oh Gott, schrieb ich gerade wirklich „mein Team und ich“? Seit ich hier verbeamtet wurde, ruhe ich mich gelegentlich in Stanzen aus.

Gerade eben kam wieder Leserpost als Reaktion auf die Theaterkolumne bei mir an. Die Leser finden heraus, unter welcher Adresse das Theater zu erreichen ist, und je nachdem, wo der Brief oder die Email landet, wird er meiner Kollegin Xenia weitergeleitet, die mir die Post sendet. Sie versieht jeden Brief mit einem Gruß und einem netten Kommentar. So warnt sie mich vor und ich weiß, ob ich in den Himmel gelobt oder zerstückelt werde. Wenn ich die Nachricht herunterscrolle, stehen da noch Grüße und Anmerkungen der anderen Theaterkollegen, die an dieser Mailkette beteiligt sind.

Ich bekomme manchmal ein schlechtes Gewissen, weil jeder Brief durch drei Hände geht. Deshalb kann es vorkommen, dass ich Xenia schreibe: Sag mal, sollen wir die Revolution wagen und eine Emailadresse einrichten (mitlabern@gorki.de) oder sollen wir den Bums lassen?

Heute Morgen war so ein Moment, wo wir im Theater kurz diskutierten, ob wir den Lesern der Theaterkolumne diese Möglichkeit eröffnen, mich direkt anschreiben zu können. Wir berieten uns eine Minute lang und verwarfen die Idee sofort.

Das Tor zur Hölle bleibt weiterhin geschlossen.

Ist das Geheimnisvolle am Lesen nicht die stille Beziehung zum Text? Man reagiert mit Gedanken auf Gedanken. Ist doch ganz schön eigentlich, oder?

Bei den meisten Reaktionen auf die Theaterkolumne handelt es sich, ganz gleich ob Zu- oder Widerspruch, um freundliche Leser. Die Briefe sind zärtlich formuliert und wenn jemand heftig anderer Meinung ist, dann ist der Brief zwar immer noch respektvoll, allerdings lang. Das ist immer so. Lob ist kurz, Kritik aber episch.

Manchmal stellen die Leser einfach nur eine Frage: Wie landet man als Kolumnistin eigentlich an einem Staatstheater? Antwort: Ganz klar, über Quote. Die brauchten noch jemanden mit deutschem Pass.

Einige Briefe beginnen mit den Worten: Ich konnte Ihre Kontaktdaten nicht ermitteln! Klingt wie ein Vorwurf. Ist vielleicht auch so gemeint. Es gibt Leser, die sicher nichts dagegen hätten, wenn ich die Kolumnen persönlich in den Briefkasten werfen und vor der Tür warten würde, für den Fall, dass der Empfänger noch etwas sagen will. Ich glaube, im Magazin Der Spiegel steht neuerdings die Emailadresse des Autors unter dem Text.

Ich denke, man kann nur eines sein: Autor oder ständig erreichbar.

Ich habe mich für den dritten Weg entschieden. Ich bin eine verwöhnte, kapriziöse Ente.

Das Gegenteil des höflichen Leserbriefschreibers ist der Reinrufer im Theater. Oder der laute Mitdiskutant vom Publikumsplatz aus. Trügt der Eindruck, oder wird das gerade zum Volkssport?

Einmal, ich saß auf dem Podium, die Moderatorin hatte gerade die Runde begrüßt, als ein Rentner mit Leinenbeutel in der Hand auf die Bühne herauf schrie: „Wann wird fürsch Publikum geöffnätt?“

Neulich wurde ich von einer Veranstaltung wieder ausgeladen, weil ich mir vertraglich zusichern lassen wollte, dass es keine Publikumsfragen gibt.

Wenn ich von einer Bühne heruntersteige und noch ein Glas Mineralwasser trinke, bevor ich ins Hotel fahre, stürmt mit Sicherheit noch ein älterer Herr auf mich zu und beginnt mit dem Satz: „Ich wollte Ihnen meinen Eindruck von der Veranstaltung mitteilen“. In einhundert Prozent aller Fälle denke ich: Bitte nicht! Wegen dieser Herren verpasse ich immer den letzten Bus und muss mich per Mitfahrzentrale fortbewegen.

Rentnerinnen sind höflicher. Sie stellen sich zunächst einmal vor und beginnen mit ihrem Werdegang: „Sie werdet es nicht mehr kännänn, aber ich stamme noch aus der friedensbewegten Zeit. Mia habett uns jahrelang bei der evangelischen Frauenbewegung angaschieret.“

Das ist die neue Feedbackgesellschaft.

Als wir vor vier Jahren anfingen, die Theaterkolumne zu erfinden, waren wir unsicher, ob das was wird. Mittlerweile haben wir 40.000 Abonnenten, die Reichweite im Internet nicht mitgezählt. Wir verzichten auf Werbeanzeigen und wir verzichten darauf Werbung für das Theater zu machen. An dieser Stelle hat nie gestanden, ob ich ein neues Buch geschrieben habe oder einen Preis bekam (ich bekam keinen). Hier wird nichts quer vermarktet und das bleibt auch so.

Hätte ich den letzten Absatz als Rede gesprochen, wäre ich hinten mit der Stimme hochgegangen und hätte noch ein „liebe-Abonnenten-und-Nnenntinnen!!“ draufgejazzt.

Es würde sich gehören, dass ich jeden Brief beantworte. Aber ich schwöre, das ist unmöglich. Wenn ich die Leserpost beantworte, verausgabe ich mich derart, dass alle Gedanken fürs Erste verbraucht sind. Ich muss mir die Energie für die Texte aufheben. Ich betreibe das schließlich professionell.

Da fällt mir ein, wie ich einmal zu einem Kongress eingeladen wurde, wo Frauen, die in der Öffentlichkeit schreiben, zu unterschiedlichen Themen referieren sollten. Die Gastgeberin schrieb mir, dass die famose Frauke sprechen wird, weil sie für den Feminismus eine unverzichtbare Stimme sei. Und die hinreißende Heike würde über PR sprechen, sie sei eine unglaubliche Koryphäe auf diesem Gebiet. Und die sensible Constanze würde zum Thema Politisch Schreiben sprechen, weil die „ganz toll Ahnung hat“. Ja, und die pralle Peggy, die hat in Blumenkohlwissenschaften promoviert, die habe fachlich ohnehin viel drauf.

Und ich, ich sei ja nun unbestritten die am meisten gehasste Kolumnistin Deutschlands. Eine Expertin auf dem Gebiet des Gehasstwerdens. Darüber solle ich sprechen.

Ich schreibe seit 20 Jahren.
Ich fühlte mich nicht gehasst.
Ich fühle mich gelesen.

Merci und adieu
Ihre Theaterkolumnistin Mely Kiyak

Stellvertretend für die Vielen:

Danke, lieber Klaus Schäfer aus Kreuzberg – Ich habe mich sehr gefreut, über Ihren charmanten Gruß. Niemand schmierte mir so schön Honig ums Maul wie Sie.

Danke, liebe Christine Emming aus Mitte – Ich gebe Ihnen Recht, ein Scheißsender ist das mittlerweile.

Danke, liebe Ulrike Feuerbacher aus Tel Aviv – Ihre Beschreibung las sich köstlich, ich lache laut mit. Grüßen Sie bitte Ihre Freunde.

Danke, Frau Dr. Barbara Henke – Bleiben Sie in Fahrt und Rage!

Danke, lieber Lübbertus Rehwinkel aus Nordhorn – Völlig richtig, total unguckbar dieser Mist. Sehe ich genauso. Beziehungsweise, ich sehe es eben nicht mehr.

Danke, liebe Anna-Lena von Hodenberg – Ich fasse zusammen: wir weinen beide immer noch.

Danke, liebe Jülide Sünter – selber Lichtblick, Sie Lichtblick!

Danke allen, die uns wahrnehmen, sich für uns interessieren und uns schreiben!

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