Hitler erlaubt, kurdisches Grammatikbuch verboten

Vergangenes Jahr versuchte ich eine Person zu finden, die gegen die Bezahlung einer größeren Summe bereit gewesen wäre, sämtliche Bücher Abdullah Öcalans in deutscher Übersetzung beim Neusser Verlagshaus Mezopotamien für mich zu bestellen. Natürlich sollte diese Person in keiner Beziehung zu mir stehen. Ich hielt Ausschau nach jemandem, der einen Kauf über einen Strohmann einfädeln würde.

Ich fragte in meinem Freundeskreis herum, doch acht Monate lang gelang es mir nicht, jemanden zu finden, der diesen Kauf über eine dritte fremde Person organisiert hätte.

Wahrscheinlich wäre es einfacher gewesen, innerhalb von 24 Stunden eine Waffe zu besorgen. Ich fand niemanden, der das Risiko einging, ein paar kurdische Bücher zu kaufen. Einige türkische Freunde fanden mein Vorgehen lächerlich. Ich auch. Einerseits. Andererseits argumentierte ich so: „Was in der Türkei im Zuge der Kurdenpolitik verboten ist, wird nach und nach auch in Deutschland verboten werden.“ Ich war mir sicher, dass die Warenkörbe des Mezopotamien-Online-Shops eines Tages den Käufern zum Verhängnis werden könnten. Intuition. Erfahrung. Geschichtswissen.

Nun ist es soweit.

Der Mezopotamien Verlag wurde, gemeinsam mit dem Musikverlag MiR Multimedia, am 8. März im Auftrag des Innenministeriums, also des damaligen Innenministers Thomas de Maizière, mehrere Tage am Stück durchkämmt. Anders kann man es nicht sagen. Ganze Lastwagenladungen mit kurdischsprachigen Büchern und Musik wurden beschlagnahmt. Der ungeprüfte und unbewiesene Vorwurf lautete, dass die beiden „Vereine“ mit ihren Produkten den organisatorischen Zusammenhalt der in Deutschland verbotenen PKK unterstützten. Dies wäre eine Straftat gemäß § 20 Abs. 1 Nr. 3 VereinsG, also des Vereinsrechts. Thomas de Maiziere ergänzte: „Wir lassen es nicht zu, dass Verbote umgangen werden oder gegen Verbote verstoßen wird und damit terroristische Organisationen unterstützt werden.“

Mezopotamien ist aber ein Verlag und kein Verein oder eine Organisiation. Ein Verlag verlegt Bücher. Wieso nimmt der deutsche Staat Bücher mit, bevor auf rechtsstaatlichem Weg geprüft wird, ob der Vorwurf stimmt? Wieso läuft es nicht andersherum, erst lesen, dann zensieren? Liest die Staatsanwaltschaft alle konfiszierten Bücher? Gibt es kurdischsprachige Experten in unserem Rechtsstaat, die glauben in einem Grammatikbuch auf Kurmanci versteckte Hinweise auf Terrorunterstützung entziffern zu können?

Was genau ist gefährlich an Büchern über kurdische Literatur, Sprache, Sprachwissenschaft, Musik und Musiktheorie? Denn das war, neben den Schriften Abdullah Öcalans, das publizistische Kerngebiet beider Verlagshäuser.

Zweifelsfrei stand der Mezopotamien Verlag der PKK nahe. Ich weiß nicht, wie man das präziser ausdrückt. Immerhin war sie, neben Literatur aus der Befreiungsbewegung (Tagebücher von Guerillakämpfern etwa), auch im Besitz der Manuskripte von Abdullah Öcalan, der seine Bücher im türkischen Gefängnis schrieb. Irgendwie müssen die Dokumente ja ihren Weg von der türkischen Gefängnisinsel Imrali nach Neuss gefunden haben. Dort jedenfalls wurden die Bücher übersetzt und legal mit einer ISBN-Nummer versehen und vertrieben. In Öcalans Texten ist übrigens nie von etwas anderem die Rede, als dass man die Waffen niederlegen müsse, weil der Weg der PKK sich als falsch herausgestellt habe. Öcalans Schriften waren immerhin die Basis für die Friedensverhandlungen zwischen der türkischen Regierung und den kurdischen Kämpfern. Das alles machte auch den Weg für die HDP frei. Die Vision einer demokratisch organisierten kurdischen Selbstverwaltung in der Türkei beruht auf der politischen Theorie von Abdullah Öcalan. Er beschreibt einen demokratischen Weg und keinen mit Bomben und Terror. Adressiert an beide Seiten!

Wenn es aber um Öcalan ging, warum nahm unser deutscher Staat dann nicht ausschließlich seine Titel mit, sondern auch die Grammatiklernbücher oder Noam Chomsky auf Kurmanci?

Möglicherweise erklärt sich der Hergang so: Einen Monat bevor Mezopotamien auseinander genommen wurde, traf Herr de Maizière den türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Kurz darauf wurden die Werke des Buchverlags und des Musikverlags komplett beschlagnahmt. Eine kritische Lesart dieser Aktion wäre, diesen Vorgang als publizistische Säuberung gewissermaßen als Freundschaftsdienst zwischen der deutschen und türkischen Regierung zu begreifen. Was kommt als nächstes? Lässt der NATO-Partner Deutschland seine Truppen bei den kurdisch-deutschen Vereinen in Köln, Duisburg oder Berlin einmarschieren? Das Zeigen von YPG-Symbolen wurde im besagten Zeitraum ebenfalls verboten. Im Tausch gegen was setzt die deutsche Regierung türkische Interessen und Politik auf deutschem Boden eigentlich um?

Zeitgleich als der Mezopotamien Verlag in Neuss zerstört wurde, wurden in Diyarbakır Verlage durchkämmt, Schriften beschlagnahmt und unsere Schriftsteller- und Verlegerkollegen drangsaliert, wenn sie nicht ohnehin schon verhaftet und gefoltert waren.

Ist das nicht sagenhaft skandalös, dass in Deutschland Bücher von Kurden über Kurden vernichtet werden? Oder ist so was immer nur dann skandalös, wenn es im Ausland geschieht?

Während man in London, Moskau, Paris und Wien, also hier und da einen (einen!) Lehrstuhl für Kurdologie einrichtete, gibt es in Deutschland keinen Lehrstuhl. Oder nicht mehr. Ein paar Jahre lang war es in Göttingen und Berlin möglich Kurdologie zu studieren. Meistens handelte es sich um eine Nebendisziplin der Iranistik. Es ist hingegen kein Problem Turkologie zu studieren. Wer sich hingegen umfassend über die Kurden bilden möchte, ist auf Publikationen angewiesen oder auf Schriften, die auf komplizierte Weise zu besorgen sind. Zum Beispiel im Mezopotamien Verlag, der über kurdische Geschichte und Sprache in zwölf verschiedenen Sprachen publizierte. Wer wollte, konnte zudem Weltliteratur auf Kurmanci lesen. Viele kurdische Leser wollten das.

Dank dem deutschen Innenministerium ist nun eines der wichtigsten europäischen Archive mit bedeutenden Schriften und vor allem Musik (MiR verkaufte kurdische Musik) beschlagnahmt worden.

Nun ist es für mich nicht mehr möglich, kurdische Grammatik zu studieren oder kurdische Autoren auf Türkisch oder Kurdisch zu lesen. Ich kann nichts über die Region Rojava lesen. Es gibt faktisch nun auch in Deutschland keine Belege mehr über kurdische Schriften. So ist das gelungen, was man auch schon in der Türkei seit 70 Jahren erfolgreich praktiziert. Vergessen machen, dass es kurdische Sprachen, Gesellschaft, Historie gibt, eine kurdische Kultur, eine kurdische Literatur- und Theatergeschichte. Die Türken können nun alles Mögliche über die Kurden behaupten. Wir haben als Autoren in Deutschland nichts mehr in der Hand und müssen uns wie Drogenjunkies die Texte in dunklen Seitengassen besorgen.

Um sich ein umfassendes Bild über die Kurden zu machen, um zu verstehen, was die PKK ist, woher sie kam, muss man nicht nur Öcalan lesen, sondern viele kurdische Soziologen und Politologen, anders geht es nicht. Ich jedenfalls kenne keinen anderen Weg. Adolf Hitler darf man lesen. Aber Öcalans Theorien zur demokratischen Konföderation nicht. Auf welcher Grundlage will man denn über den Kurdenkonflikt oder die PKK mitdiskutieren?

Ich erinnere die Gesichter meiner Freunde, in denen stand: „Übertreibst du es nicht mit deiner Vorsicht? Bestell doch einfach!“. Wenn das Verlegen dieser Bücher gleichbedeutend mit der Mitgliedschaft oder Unterstützung einer Terrororganisation ist, wird sicher bald auch das Lesen von kurdischer Literatur verboten sein? Ich bin aber kein Terrorist. Ich will nur lesen. Und verstehen.

Verstehen, warum so viele Kurden die PKK unterstützen, obwohl sie gleichzeitig für Menschenrechte und Demokratie kämpfen. Das ist doch ein Widerspruch! Sympathien für den Führer einer Terrororganisation zu haben und gleichzeitig die parlamentarische Demokratie verteidigen, das wirft doch Fragen auf. Die PKK ist eine Organisation, die mit Waffen kämpft. Aber sie ist weltweit auch die einzige Terrororganisation, die mit Waffen für das Recht auf Muttersprache kämpft. Das ist doch ziemlich einmalig. Das muss man doch verstehen wollen. Man muss doch verstehen wollen, warum Afrin ein Musterbeispiel an Demokratie und Selbstbestimmung war, obwohl in Syrien ein Krieg tobt. Man muss doch begreifen wollen, warum in Nordsyrien (vor dem Einmarsch der türkischen Truppen in Afrin) der Traum von Multikulturalität gelebt wurde, während im Rest von Syrien ein innerethnischer und innerreligiöser Bürgerkrieg herrscht. Worum geht es den Kurden? Und ist das, was sie wollen und brauchen, legitim? Wer soll darüber Auskunft geben? Die türkische Regierung?

Mir ist lieber, etwas aus erster Hand von Schriftstellern, Philosophen, Historikern, Sozialwissenschaftlern und selbstverständlich auch von Führern einer verbotenen Terrororganisation zu lesen. Intellektuelle verfahren so. Nur Dummköpfe informieren sich in deutschen Talkshows oder türkischen Regierungserklärungen über politische Zusammenhänge.

Vor einigen Wochen diskutierten sie bei Maybrit Illner, ob die türkische Politik Auswirkungen auf Kurden und Türken in Deutschland habe.

Ich kenne nur eine Auswirkung der türkischen Politik auf die deutsche Sicherheit. Das äußert sich so, dass wir Autoren, Verleger, Künstler und Leser im Auftrag der türkischen Regierung hier in Deutschland kriminalisiert werden. Weil wir wissen wollen und weil wir Wissen vermitteln wollen. Ich fühle mich vom deutschen Innenministerium mehr bedroht als von einem türkisch-nationalistischen Gebrauchtwagenhändler aus Kreuzberg. Darüber haben sie bei Illner natürlich wieder nicht gesprochen.

Will in dieser Welt eigentlich irgendjemand überhaupt noch irgendetwas verstehen? Oder besteht der ganze Diskurs ausschließlich aus Herummeinerei?

Halten Sie bitte Augen und Ohren auf. Ich plane öffentlich aus Abdullah Öcalans Schriften zu lesen und eine Veranstaltung zum Thema kurdische Literatur und Lyrik sowie kurdische politische Literatur durchzuführen.

Bleibt nur die Frage: Wer wird mich als Erstes von der Bühne tragen? Der türkische Geheimdienst oder die deutsche Polizei?

Mely Kiyak

 

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