Wandel durch Tomatentunke

Natürlich wäre es schicker, zu behaupten, dass ich ein Appartement direkt an der Ostseeküste besitze, weil es sich unter Berliner Künstlern so gehört, dass man in eine Immobilie auf Usedom oder Rügen investiert, statt in Riester zu machen. Die Wahrheit ist wie so oft unglamouröser. Ich bin deshalb häufig im Norden, weil ich mich in Maik aus Pasewalk verliebte. Später liebte ich Sylvio aus Zinnowitz. Dann war ich verrückt nach Willi aus Wolgast. Ich bin eine Frau in mittleren Jahren. Ich sehne mich nach Zuwendung.

Keine meiner Männergeschichten hielt. Geblieben bin ich trotzdem. Wenn es finanziell gut läuft, lebe ich in einem Strandkorb oder auch schon mal in einer ausgebauten Maisonette-Muschel. In den Anfangsjahren, als die Theater Kolumne wenig Leser hatte, war ich oft gezwungen, warm eingemummelt in einem Makrelenbrötchen zu überwintern. Vom Typ her bin ich ohnehin eher ein Outdoor-Kerlchen.

Auf mich wirkt die Mischung aus 150 Prozent AfD-Wählerschaft (der Rest wählt hier die NPD), Kiefern und Möwenschiss anziehend, um nicht zu sagen aufregend, exotisch. Mecklenburg-Vorpommern ist für mich das Saudi-Arabien unter den Bundesländern. Wenn ich als Tourist nach Rom oder Athen reise, bin ich schon am Flughafen enttäuscht, weil mich die ganzen Läden und Marken empfangen, die ich auch aus Berlin kenne. Komme ich mit dem Fernbus der Usedomer Bäderbahn in Züssow oder Heringsdorf an, gibt es nicht einmal einen Kaffeeautomaten. Auch keine Hinweisschilder, die einem zeigen, in welche Richtung man laufen muss. Es gibt einfach gar nichts. Das ist ziemlich spektakulär.

Auch trifft man nie Einheimische. Sondern immer nur Fremde. Wenn Hochsaison ist, kommen die Sachsen zu Tausenden in ihren Skodas an die Ostseeküste. Kaum angekommen, ziehen sie sich nackt aus, lassen alles baumeln und bummeln zum Eisstand, um sich in naivster Unverdorbenheit „een Flütschefinger“ oder „Brauner Bär“ zu kaufen. Wer glückliche Sachsen hautnah erleben will, hier sind sie!

Polen liegt von Ahlbeck aus nur ein paar Spazierminuten entfernt. Morgens reisen die EU-Nachbarn an und kehren abends zurück. Sie putzen die Hotels, sie kassieren im Laden, sie arbeiten im Fischrestaurant. Sie haben einen hinreißenden Akzent. Und sie schaffen es, die ortsüblichen Vorstellungen darüber, mit wie wenig Service eine Insel, deren einzige Einnahmequelle der Tourismus ist, noch um ein Vielfaches zu unterbieten. „Meschten Sie die Quittung?“ Ja bitte. „Dann muss ich nochmal gehen zur Kasse.“ Ja bitte. „Dann gehe ich jetzt los?“

Wer unbedingt ethnologische Studien betreiben muss, kann zu Ostern wie eigentlich zu allen Feiertagen Einheimische im Netto antreffen. Netto ist das KaDeWe des kleinen Mannes. Es liegt Heiterkeit in der Luft, denn in allen Discountern gibt es Feiertagsdevotionalien im Angebot, die in denkbar indiskretester Weise die Abwesenheit von Christentum und Spiritualität demonstrieren.

Osterhase, Nikolaus, stets lachen sie mit breitem Mund. Nie wird eine Schokoladen-Hohlfigur in der Krippe im Stall geboren, weder wird in Nugat gestorben noch in Krokant wieder auferstanden. Immer liegen meterweise gelbe Eidotter in Eiweißinseln aus und werden tonnenweise gekauft, weil es sich um Fondant handelt, das man hier, wie alles, was französisch ist auf –ong und-eng endend ausspricht. Man isst fondong und vermietet appartemeng.

Wer einen Netto Markt auf Usedom besucht, wird viel über die Kulturgeschichte der Insulaner nach der Wende erfahren. Woher ich den Geheimtipp habe? Ich habe mal zu Ostern einen Teller Suppe bei einem Gebrauchtwagenhändler in Zinnowitz gegessen, der mich schelmisch zwinkernd darauf hinwies, dass ich gerade die Original NVA Feldsuppe aus Kelles Suppenmanufaktur verspeise. „Gibt’s grad im Netto! Die ist weltberühmt.“ Weltberühmt meint hier immer, dass es auch der Stammkundschaft „beim Lidl“ bekannt ist. Es heißt übrigens immer „im Netto“ aber „beim Lidl“.

Über den Lidl muss man wissen, dass er die Bevölkerung Mecklenburg-Vorpommerns mehr prägte, als Grundgesetz, Euro oder die neueste Dämmschutzverordnung. Als die ersten Lidl-Märkte öffneten, berichtete die Ostsee-Zeitung, eine Art FAZ für den Teilzeitbefristeten, dass die Standesämter einen rasanten Anstieg der Mädchennamen Milbona, Linessa und Goldessa vermeldeten, die Eigenmarken des Discounters sind. Wenn man die Promenade entlang läuft, kann es passieren, dass zwischen Villa Germania, Haus Treue oder Ferienheim Hermann auch die Appartementpension Milbona auftaucht.

Jedenfalls ist Ostern und das Kulturprogramm kann sich sehen lassen. In Zempin gibt es passend zur Osterwoche den Gesundheitsvortrag „Blutkreislauf“. Am Tag darauf folgt „Schießen für jedermann“ in Karlshagen. Auf die Kirchen in den Kaiserbädern ist immer Verlass. In Heringsdorf führen sie „Membra Jesu nostri“ des deutsch-dänischen Komponisten Dietrich Buxtehude auf. Zu Weihnachten sangen sie in der Ahlbecker Kirche „Stabat Mater“. Das ist in meinen Augen Premiumprogramm, das man in Berlin-Reinickendorf oder Rudow vergeblich suchen wird.

Die Konzerte sind immer voll. An den übrigen Tagen sind die Kirchen leer. Das ist auch eine Folge der Islamisierung. Die Fischkonservenfabrik RügenFisch beispielsweise hat auf persönliche Bitte der Kanzlerin den Heringen auf ihren Umverpackungen ein Kopftuch verpasst, um die zahlreichen syrischen Flüchtlinge an der Ostseeküste durch die nackten Fischdarstellungen nicht zu kompromittieren. Danke Merkel! ist hier eben nicht der Ausdruck einer Demokratieverbitterung, sondern konkret erlebte Repressalie.

Um den Gourmetbissen namens „Feinstes Heringsfilet in Tomatentunke“ (die Typo erinnert stark an Sütterlin) nicht zu gefährden, hat man die Dosen zusätzlich mit dem Hinweis „ehemals VEB Fischwerk Sassnitz“ versehen und hinzugefügt, dass es sich um eine „Deutsche Vollkonserve“ handelt. Heimat wird hier nicht propagiert, sondern einfach gelebt. Wo man sie kaufen kann? Im Netto natürlich.

Ich will nicht leugnen, dass meine ostdeutschen Männergeschichten aufgrund von Kulturunterschieden entzwei gingen. Wenn Bohèmehaftigkeit auf Bodenständigkeit trifft, also ein Heiko oder Mirko auf eine Mely treffen, dann verhält sich das zueinander wie Sushi zu Scholle in Panade. Ich bin vielen Gentlemen hier einfach etwas zu robust.
Wenn ich mich nachts bei Windstärke 8 im schummrigen Licht einer knarzenden Lampe in der Koje in ein Fischernetz verheddere, wo ich doch lediglich etwas raffiniert aufreizend wirken will und Ricco einfach nur das Scheißnetz rausbringen will, um sich mit der Schwarzfischerei etwas dazu zu verdienen, dann wächst anschließend leider nicht zusammen, was zusammen gehört. Oft liege ich nachts einsam herum und weine zu Schopeng.

Ich weiß nicht mehr genau, wer es war, ich glaube, es war Jeremy-Jürgen, der die eine Hälfte vom Akkordeon Duo Peene-Power ist, der gerade einen tollen Auftritt im Nachmittagsprogramm der Konzertmuschel Koserow hingelegt hatte. Als Zugabe spielten sie Santa Maria („Insel die aus Träumen geboren..“). Das besondere daran ist, dass sie beim Refrain „Santa“ singen und das Publikum muss statt „Maria“ dreimal schnell hintereinander in die Hände klatschen. Krücken klappern geht auch. Auch das ist gelebte Religion.

Jeyjey, so nenne ich ihn immer, JJ jedenfalls sah wohl aus den Augenwinkeln, dass ich die Nummer so lala fand und monierte hinterher: „Weißt du was dein Problem ist, Prinzessin?“. Prinzessin spricht ein Mann von der Küste immer so aus „Prin-sä-seeen“, mein Problem sei, dass ich immer denken würde, ich sei „was bäss-er-eees“.

Es gibt eine Menge Leute aus dem Berliner Kulturbetrieb, die es nicht verstehen, dass ich an diesem Fleck Deutschlands seit Jahrzehnten festhalte. Die Sorge um mich haben, dass ich mich zugunsten einer Integration in die hiesigen gesellschaftlichen Strukturen politisch verbiegen könnte. Das ist natürlich Blödsinn. Ich werde immer die bleiben, die ich bin. Ich führe mit meiner Anwesenheit in den Ostgebieten gewissermaßen die Ostpolitik eines Egon Bahr und Willy Brandt weiter. Ich versuche die Anschlussfähigkeit des Ostens an die BRD zu gewährleisten und bin, wenn man so will, die Stellschraube, wie es jetzt immer so treffend in der Politik heißt. Ich bin die Stellschraube eines politischen Konzeptes, das mal als „Wandel durch Annäherung“ beschrieben wurde. Ich halte daran fest. Und bleibe.

Schöne Ostern wünscht
Ihre Mely Kiyak

 

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