Eigentlich eine hübsche Idee

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Die beiden Bildhauer André Prinsloo und Ruhan Janse van Vuuren wurden beauftragt, eine neun Meter große Statue aus Bronze von Nelson Mandela anzufertigen. Die Künstler waren stolz darauf, dass man sie ausgewählt hatte. Sie baten darum, auf Mandelas Hose ihre Signatur einarbeiten zu dürfen. Schließlich hatten sie den Auftraggebern auch den Wunsch erfüllt, die Statue in allerkürzester Zeit herzustellen, damit sie am Jubiläumstag der Unions Building in Pretoria aufgestellt werden konnte. Der Erlaubnis nach einer Signatur wurde von der Regierung nicht stattgegeben. Die Statue aber wurde pünktlich eingeweiht, wenige Tage nach Mandelas Tod. Die Besonderheit an dieser Statue gegenüber vielen anderen Mandela Darstellungen ist, dass Mandela darauf nicht die Faust hebt, sondern die Arme zu einer Umarmung öffnet.

Ein Löffeltier im Löffel Mandelas
Eines Tages kam irgendwer auf die Idee und schaute sich Mandela mit dem Fernglas an. Das muss diese Person sehr gründlich gemacht haben, (vielleicht ein Mediziner mit TCM Zusatzausbildung oder eine Heilpraktikerin mit Kenntnissen in der Ohrkerzenbehandlung?) und entdeckte einen Hasen in der bronzenen Ohrmuschel. Ein Löffeltier im Löffel Mandelas. Die Erzürnung daraufhin war immens. Das südafrikanische Kunstministerium stellte fest, die Grenzen der Kunstfreiheit seien überschritten, weil Nelson Mandela nie einen Hasen im Ohr trug. Ich frage an dieser Stelle: Weiß man’s? Vielleicht trug er einen im Herzen? Das Kunstministerium schäumte über vor Wut und meinte weiter, die Würde der Statue (die Würde der Statur!!!) sei verletzt und das, wo sie doch all das präsentieren sollte, worauf Südafrika stolz sei. Und da wurde ich ganz traurig wie ich das las und war enttäuscht von Südafrika. Lebt dort nicht etwa eine der schönsten und seltensten Hasenarten der Welt? Der berühmte Buschmannhase, der sich entlang den Ufern der Karro Wüste im westliche Südafrika ernährt, ist eines der niedlichsten Löffeltierchen, die man sich vorstellen kann. Zudem hat es majestätisch lange Öhrchen. Und darauf ist man nicht stolz? Jahrzehntelang hatte man die Säugetierart gar nicht mehr gesichtet und dachte, sie wäre vollends ausgestorben. Ich bin mir sicher, dass Mandelas Umarmung auch den Hasen seines Landes gegolten hätte. Aber gut, was will man machen? Die Künstler haben sich entschuldigt und versprochen, den Hasen aus dem Ohr zu entfernen, ohne das Material zu beschädigen. Nun muss man auf der Sache nicht unnötig herumreiten, respektive –hoppeln, aber ich grübele und grübele und finde, dass die südafrikanische Regierung nicht logisch überlegte. Wenn sie nicht erlaubt, dass die Statue einen Hasen im Ohr trägt, weil der Dargestellte selber auch keinen Hasen im Ohr trug, wie kommt die Regierung damit zurecht, dass Mandela in echt übrigens auch nicht aus Bronze war und neun Meter groß? Beschädigt das nicht die Würde des Dargestellten?

Es gibt glücklicherweise erfreulicheres auf der Welt als Behördenmitarbeiter, die über Kunstfreiheit befinden dürfen.

Kann sich noch jemand entsinnen, wie ich kürzlich über eine Buchhandlung schrieb, die sich nach Gorki benannte und kein Buch von ihm verkauft? Seitdem klappere ich Buchhandlungen im In- und Ausland ab, weil mich einfach interessiert wie dieser Gorki drauf war. Ich ging ins Antiquariat in der Oranienstraße in Berlin Kreuzberg, aber dieses Mal nicht so sehr wegen Gorki, sondern wegen einfach so gucken. Dort lernte ich den Antiquar kennen, wir plauderten und liefen die Regale des sehr kleinen Ladens ab und auf einmal: Gorki so weit das Auge reicht. Ein Band Briefe mit Zeitgenossen an Gorki, ein Band Briefe Lenin an Gorki und umgekehrt, Vorworte, Essays, Versuche ihn und sein Leben nachzuzeichnen. Ich dachte so bei mir, Donnerwetter, da klappert man die Welt ab und wird vor der eigenen Tür fündig. Mein erster Gedanke war, der gesamten Theaterwelt mitteilen zu müssen, dass sich ein Besuch in diesem Fachgeschäft für vergriffene Bücher lohnt, als die Türglocke bimmelte und eine Parfümwolke sich über den Geruch der alten Bücher beugte. Ein groß gewachsener Mann im beigefarbenen Trenchcoat, die Schuhkappen frisch gewichst, die Wangen erwartungsfroh gerötet, trat er ohne Gruß ein. Noch bevor ich ihn wirklich sah, wusste ich, dass ER es ist. Nichts wünschte ich mir mehr, als dass er irgendetwas sagt oder macht, das es mir anschließend ermöglichen würde, wenigstens ein Minidrama aus der kurzen Begegnung verfassen zu können. Hatte er Flecken auf der Hose, kam er vom Essen? Nein, er setzte sich mit einem Buch, das er so hielt, dass ich nicht sehen konnte, um welche Lektüre es sich handelte, auf einen Stuhl, direkt am Eingang des engen Ladens. Ich stand unschlüssig herum, schließlich hatte ich schon gewählt und bezahlt und so blieb mir nichts anderes übrig als Hinausgehen und ein Foto vom Antiquariat zu machen und zu sagen: Hinter dieser Scheibe sitzt Claus Peymann, liest ein Buch und niemand geht essen.

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