Ruhestörung

Ruhestörung

In „Sternstunde Philosophie“ sah ich ein Gespräch zwischen Daniel Barenboim und Barbara Bleisch. Gerne stelle ich die beiden kurz vor.

Daniel Barenboim ist ein Pianist und Dirigent aus Argentinien, aber eigentlich wie alle Musiker ein Weltbürger. Gemeinsam mit Edward Said gründete er das West-Eastern Divan Orchestra und gilt deshalb seit Jahren als Anwärter für den Friedensnobelpreis.

Barbara Bleisch ist Philosophin und die Moderatorin der Philosophiesendung im Schweizer Fernsehen. In meinen Augen die klügste Gesprächsleiterin im deutschsprachigen Mediengeschäft. Sie hat einen messerscharfen Verstand und ist sehr belesen.

Der Musiker und die Philosophin sprachen über Musik. Es ging um Zuhören und Verstehen.

Das fand ich sehr sympathisch. Ich gehörte nie zu jenen Leuten, die klassische Musik auflegten und anfingen zu träumen. Mir gelang die Annäherung an Musik immer nur über Bücher, weil in meiner Erziehung die europäische Klassik keine Rolle spielte. Immer las ich erst über einen Komponisten und hörte anschließend sein Werk. So lernte ich ein Orchesterstück zu entziffern. Hörte ich eine Musik oft genug, gelang es mir das Stück in Gänze zu erfassen und mich nicht mehr nur auf eine Stimme zu konzentrieren. Durch Nachlesen erfuhr ich um die Notwendigkeit von Dissonanz. Dass man erst auflösen kann, wenn man zuvor kompliziertes Chaos stiftete.

Ich vergaß es vielleicht zu erwähnen. Musik ist für mich das höchste, was der Mensch vollbringen konnte.

Regelmäßig verbringe ich abends ein paar Stunden damit Musik zu hören. Nur so gelingt es mir das Geschehen in eine andere Hierarchie umzusortieren. Was mich eben noch erregte und aufwühlte, nervte oder um den Verstand brachte, gerät durch das Hören von Musik in eine neue Ordnung.

Barenboim und Bleicher landeten während ihrer Konversation bei Martin Buber und seinem berühmten Text vom „Ich und Du“. Buber beschäftigte sich als Religionsphilosoph viel mit Orthodoxie und Politik. Unter anderem beschrieb er das Verhältnis vom Ich zu Gott oder vom Ich zum Anderen als dialogisches Prinzip. Erst durch die Existenz des Du wird das Ich zum Ich. Und im Weiterspinnen dieses Prinzips landeten Barenboim und Bleicher irgendwie bei dem Gedanken, dass wenn einer spricht, trotzdem zwei Stimmen existieren, weil auch das Zuhören eine Stimme ist.

Das gefiel mir auch schon wieder so gut. Demnach hätte selbst das Verstummen eine Stimme, nämlich eine ohne Klang aber trotzdem mit Geräusch.

John Cage hatte es in seinem Stück 4’33 vorgeführt. 4 Minuten und 33 Sekunden lang ertönt das Nichtspielen, was etwas anderes ist als gar nichts. Irgendwann, so beschrieb es Cage, hörte er sein Blut rauschen. Als das Stück das erste Mal in New York aufgeführt wurde, kam es zu einem Eklat. Was auch schon wieder komisch ist. Dass die Stille provoziert.

Barenboim erinnerte auch an Hitlers und Stalins Musikbesessenheit. Der eine hörte Wagner, der andere liebte Mozart. Wie das sein kann, dass man mordet und sich dann eine Platte auflegt? Ist kein Widerspruch. Du kannst das Grausamste vollbringen und dich am Herrlichsten laben.

Angeblich fand man neben Stalins Sterbebett eine Aufnahme von Mozarts Klavierkonzert No 20 und No 23 in einer Einspielung von Maria Judina. Spitzfindig wie man ist, hätte man natürlich gerne nachgefragt: „Hey Hitler und Stalin, ohne 60 Millionen Tote in Europa hätten Mozart und Wagner sicher nur halb so schön geklungen, nicht wahr?“ Das verheerende Missverständnis unserer Tage besteht doch übrigens immer noch darin, dass man meint, dass ein Mensch entweder intellektuell und kultiviert sei oder Barbar.

Ich kannte einen jungen verzweifelten Vater, der nie begriff, warum sein Sohn, immer wenn es ruhig und harmonisch wurde, anfing zu randalieren. Er stammelte hilflos: „Aber es war doch gerade alles in Ordnung“. Damals fehlten mir die Worte, aber intuitiv verstand ich das Kind. Auch die Ruhestörung ist ein Stück mit zwei Stimmen.

Da fällt mir noch eine Sexgeschichte ein. Ich kenne einen Mann, der mir folgendes erzählte. Jedes Mal, wenn er sich mit einem Buch oder einer Zeitschrift zurückzieht, um sich für einen Moment von der Welt abzuwenden, kommt seine ansonsten stets widerborstige, zanksüchtige Frau und jammert: „Na toll! Statt zu lesen könntest du mal wieder mit mir schlafen!“ Die Pointe ist natürlich, dass er sich umständlich vom Sofa hochwuchtet und ihr missmutig ins Ehegemach hinterher trottelt. Der Sex selbst ist wohl ein Feuerwerk ohne Explosion.

Und damit, liebe Leserinnen und Leser möchte ich es in dieser letzten Theaterkolumne für dieses Jahr bewenden lassen. Es ist schon wieder so laut und hysterisch draußen, Sie verfolgen es ja alle. Wie heißt es so schön? Das Jahrhundert rückt vor, jeder Einzelne aber fängt doch von vorne an.

Es war wie immer ein großes Vergnügen für Sie zu schreiben.
Wir hören uns im Neuen Jahr. Ich freue mich darauf.
Mein Herz schlägt Hoffnung.

Mely Kiyak

 

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