+++ EIL +++ Zentrum für Politische Schönheit – Theaterkolumne embedded

+++ EIL +++ Zentrum für Politische Schönheit – Theaterkolumne embedded

+++ UPDATE +++ 28. Juni 2016 20:45 +++

Vor zwölf Tagen begann das Kunstwerk „Flüchtlinge fressen“. In der ersten Pressekonferenz zur Aktion fiel ein Satz, der mir gut gefiel. Ich denke, er passt jetzt, wo die Aktion für beendet erklärt worden ist – und das Publikum denkt: Wie, was, warum und wie geht es nun weiter? Der Satz lautet: Für Nachfragen zu Tigern und Flüchtlingen, wenden Sie sich bitte an Steffen Seibert, Sprecher der Bundesregierung.

 

+++ UPDATE +++ 24. Juni 2016 12:52 +++

Was zum Kuckuck ist “illegales Einreisen”? Dieser Begriff taucht in einem Papier des Staatssekretärs Günter Krings zum Anliegen des Zentrums für Politische Schönheit auf. “Illegales Einreisen” verhindere die Einhaltung der “Visumpflicht”.
Flüchtlinge sind Reisende? Wie genau sind denn die Öffnungszeiten der deutschen Visastelle in Damaskus? Ach so geschlossen, hm, hm, wegen Krieg, verstehe. Wahrscheinlich sagt man auch nicht mehr Krieg, sondern Wirtschaftsraum mit stockender Infrastruktur.

+++ UPDATE +++ 22. Juni 2016 18:03 +++

Nicht gestorben aber auch nicht angekommen
Wir haben in den letzten Tagen viel gelernt. Wir wissen nun, welches Gesetz für die Toten im Mittelmeer verantwortlich ist. Doch was passiert mit jenen Menschen, die nicht sterben sondern ankommen? Wie gehen wir mit ihnen um? Wie kann man sie politisch integrieren? Lassen wir sie auch wirklich ankommen?

Im Fall der Flüchtlinge haben wir es nämlich erstmal mit einem europäischen Problem zu tun, bei dem die Hilfsbedürftigen, die auf Solidarität angewiesen sind, in keiner Form am Verhandlungstisch sitzen. Die Flüchtlinge warten an den Grenzen, in Lagern oder Aufnahmeeinrichtungen. Es gibt keine institutionalisierte Form, in der sie für sich sprechen können. Sie haben aufgrund ihrer Situation auch nicht die Möglichkeit sich in Protestformen wie Demonstrationen zu organisieren. Ihre Barrieren sind auch durch ihr Sprachdefizit begründet.

Wir haben es bei den Flüchtlingen mit einer politischen Interessensgruppe zu tun, die weder über ein politisches noch parlamentarisches Instrument verfügt. Aber auch über kein wirtschaftliches oder politisches Druckmittel. Sie haben keine Organisation, die Überblick über ihre Situation geben kann. Sie haben keine Sprachrohre, über die sie sich in den aktuellen Diskursen der jeweiligen Länder äußern können. Hin und wieder hält ihnen ein Reporter entlang den Fluchtwegen ein Mikro hin, und so sprechen sie individuell, nie kollektiv. Sie haben keinerlei Handhabe im Ringen um politische Argumente teilzunehmen zu können. Dadurch bringen sie jene, die für sie Wort ergreifen, immer in die Lage Fürsprecher zu sein.

In einem ausgewogenen politischen Diskurs muss es aber politische Gesprächspartner auf Augenhöhe geben, die für die eigene Interessengruppe sprechen. Außerdem bedarf es eines politischen Rahmens, in dem der politische Partner sein Anliegen äußern kann. Beides existiert nicht. Weder der Sprecher, noch der politische Rahmen.

+++ UPDATE +++ 20. Juni 2016 18:22 +++

Ist das noch Kunst? Wenn ja, woran merkt man es? Das Schönste an der Aktion “Flüchtlinge Fressen” ist, dass die abendlichen Salons prominenten Stimmen Gelegenheit geben, die Idee und Umsetzung öffentlich zu beurteilen. Und immer wieder diese Frage: Ist es Kunst oder schon Politik? Na ja. Es gibt für so etwas einen Begriff. Wir nennen es politische Aktionskunst. Das ist halt das Merkwürdige. Dass es etwas bewirken kann. Dass es Gedanken in Bewegung setzt. Politische Prozesse in Gang bringen kann. Ich meine, was ist denn bis jetzt passiert? Da langweilen sich vier Tiger in einem Käfig vor dem Theater. Mehr ist es erstmal nicht. Alles darum herum ist storytelling. Das, wovon die Story erzählt ist natürlich real. Die Story erzählt von Menschen, die im Meer ertrinken, weil sie keine sicheren Verkehrsmittel benutzen dürfen. Nun kommt das Zentrum für Politische Schönheit und erklärt sich mit diesem Umstand für nicht einverstanden. Und baut eine Inszenierung. Übrigens im Theater. Und keine 2 Tage später twittert der Innenminister und äußert sich. Und die BILD lässt Behördenleiter vom Grünflächenamt verrücktes Zeug erzählen. Und am Donnerstag wird im Deutschen Bundestag Paragraph 63 aus dem Ausländerrecht diskutiert werden.
Ja, es ist Kunst. Kunst, die uns erzählt, wo das eigentliche Theater stattfindet.

+++ UPDATE +++ 18. Juni 2016 19:08 +++

Was ist fragwürdiger? Der Protest? Oder der Umgang mit Flüchtlingen?
Ursula Kissel stellte heute für den Deutschlandfunk Fragen über Fragen. Worum es dem Zentrum für Politische Schönheit eigentlich ginge. Um den Türkeideal? Oder um Kritik daran, dass nicht alle Menschen nach Europa kommen dürfen? Überschrieben ist der Beitrag mit dem Titel “Fragwürdiger Protest gegen Umgang mit Migranten”.
Zunächst einmal: So wie ich die Aktion verstehe (ich verstehe auch nicht alles. Aber die Eckpunkte habe ich begriffen), handelt es sich bei Menschen, die fliehen, weder um Migranten, noch um Touristen, backpacker oder Wanderer. Sondern um Flüchtlinge.
Zweitens: Die Aktion ist leicht erklärt (wie gesagt, ich glaube, ich habe sie zum Großteil verstanden). EU Richtlinien und auch unsere nationale Gesetzgebung erlauben es Fluggesellschaften nicht, Flüchtlinge zu transportieren, wenn diese keine Aufenthaltspapiere für das Zielland der Flucht vorweisen können. Nun ist es aber so. Kommen die Flüchtlinge mit dem Boot oder zu Fuß ohne gültige Aufenthaltspapiere an, wird niemand bestraft. Das lässt nur einen Schluss zu. Man spekuliert darauf, dass nicht alle ankommen, die sich auf den Weg machen. So. Und jetzt frage ich. Was ist fragwürdiger? Der Protest? Oder der Umgang mit Flüchtlingen?

+++ UPDATE +++ 17. Juni 2016 20:03 +++

Das Innenministerium teilt mit, dass es sich bei der Aktion um eine “geschmacklose Inszenierung auf dem Rücken von Schutzbedürftigen” handele. Das finde ich auch. Mit welchem Recht behauptet der Innenminister, dass 70 % der Flüchtlinge unter 40 Jahren vor einer Abschiebung als krank und nicht transportfähig erklärt werden? Diese Zahl ist, so hat sich herausgestellt, erstunken und erlogen. Oder anders formuliert: eine geschmacklose Inszenierung auf dem Rücken von Schutzbedürftigen.

+++ EIL +++ 16. Juni 2016 12:03 +++

Wann ist der Moment gekommen, aufzustehen und zu sagen: Es geschehen Dinge in meinem Namen, die ich nicht möchte! Wie bemerke ich den richtigen Zeitpunkt? Ist das eine Frage des Verstandes oder des Gefühls? Interveniere ich, wenn mir der Kragen platzt oder sobald ich weiß, dass etwas geschieht, das nicht in Ordnung ist?

Ich weiß keine Antwort. Aber es gibt eine Menge Dinge, die ich absonderlich finde. Nämlich, dass ich einer Zeit lebe, in der Menschen fliehen und nur unter größten Anstrengungen sicheren Boden unter den Füßen erlangen. Die meisten Flüchtlinge schaffen es gerade so, die nächste Grenze ins Nachbarland zu überwinden. Die wenigstens haben Mut, Energie oder die finanziellen Mittel ihren Kontinent zu verlassen. Erstaunlich. Wie kann man tage-, wochen-, monatelang um sein Leben laufen? Sich ständig demütigen lassen, Angst haben, nicht wissen, wo man den nächsten Tag verbringen wird? Wie ist das physisch und psychisch zu bewältigen?

Anfang dieses Jahres unterhielt ich mich mit Philipp Ruch vom Zentrum für Politische Schönheit im Schauspielhaus Hannover über all das. Wann schreitet der Mensch ein, um einen anderen zu schützen? Erfordert Dissidenz notwendigerweise pazifistische Mittel? Wäre Assads Mörder ein Held? Wir sprachen auch über den afghanischen Flüchtling Ali Reza, der fragte: „Warum ist ein Mensch auf der Welt, wenn es nirgendwo einen Platz für ihn gibt?“. Und natürlich versuchte ich herauszufinden, was Philipp und seine Kollegen vom ZPS antrieb, ihr ganzes Handeln dem politischen Widerstand zu widmen.

Philipp Ruch:
„Ich will die Freiheitsrechte, für die wir alle gekämpft haben, bis an die Grenze ausreizen. Das ist das Mindeste, was unsere Kinder von uns erwarten können.
Die Frage ist doch: was sind uns diese Menschen wert, die jeden Tag ertrinken an den EU Außengrenzen? Wir haben jeden Tag die Möglichkeit, das zu beenden, sofort. Es muss nur ein Paragraph abgeschafft werden. Nämlich der, der es den Flüchtlingen unmöglich macht, ein Flugticket zu kaufen und ein Flugzeug nach Europa zu besteigen. Ich glaube, dass Flüchtlinge sich nicht aufhalten lassen und trotzdem kommen. Die kaufen sich dann zehnmal teurere Tickets bei teilweise mafiösen Netzwerken, durch die uns noch ganz andere Sachen blühen können. Wir können entscheiden, ob 20 Prozent der Menschen auf dem Weg zu uns sterben oder ob ihre Würde gewahrt wird und sie heil, mit dem Leben davon kommen – und zwar bis zu uns. Das ist das zynische Kalkül unserer Bundesregierung, die sich bis heute keinen Deut um dieses Problem schert, auch, wenn sie sagt, wir schaffen das. Es ist ihnen völlig egal, dass diese 20 Prozent Menschen sterben“.

Ab heute steigt am Gorki Theater die Aktion „Flüchtlinge Fressen – Not und Spiele“ des Zentrums für Politische Schönheit. Darin geht es um genau diese Frage: Warum fliegen die Flüchtlinge nicht mit dem Flugzeug?

Ziel der Aktion ist es, die gesetzliche Grundlage, die es Syrern, Afghanen, Libyern oder Irakern verbietet, ein Flugzeug zu besteigen, statt den Weg über das Meer wählen, abzuschaffen. Die Richtlinie dafür trägt die Nummer: 2001/51/EG: Fluggesellschaften haften mit horrenden Strafen dafür, wenn Passagiere im Zielland wegen fehlender Papiere abgewiesen werden. Deshalb befördern Fluggesellschaften keine Flüchtlinge ohne gültige Einreisepapiere. Und deshalb steigen sie in Boote und wählen die gefährliche Route über das Mittelmeer oder machen sich zu Fuß auf den Weg.

Auf der Pressekonferenz hat das ZPS den Plan ihres neuen Kunstwerkes vorgestellt:
Auf dem Gorki-Theatervorplatz in Berlin steht ein Käfig mit vier Tigern darin. Auf dem Flughafen steht eine abflugbereite Maschine. Außerdem warten 100 Flüchtlinge in Izmir auf gepackten Koffern darauf, mit diesem Flugzeug legal nach Berlin Tegel fliegen zu dürfen. Die Bundesregierung wird aufgefordert, die Einreisebestimmungen für Flüchtlinge zu ändern. Andernfalls wird sich ein Mensch den Tigern zum Fraß vorwerfen. Diese Person wird in den nächsten Tagen in einer zweiten Pressekonferenz der Öffentlichkeit vorgestellt.

Täglich um 18:45 Uhr wird am Tigerkäfig ein kleines Gauklerfest veranstaltet. Ich gehe von Feuerspuckern und Jongleuren mit bunten Keulen aus, von aufrüttelnden Reden, vielleicht treten kleinwüchsige, extrem behaarte Prinzessinnen auf – immerhin handelt es sich um Spektakel und Spiele. Gegen 19:30 Uhr werden prominente Gäste im Salon die Aktion kontextualisieren, sich von ihr distanzieren, differenzieren, .. was auch immer geschehen mag:

Kiyaks Theaterkolumne embedded wird die folgenden 12 Tage in loser Folge darüber informieren, welches Theater sich am Gorki gerade abspielt.
Denn politische Kunst wird immer erst durch seine öffentliche Rezeption komplettiert.

Mely Kiyak

Sie können sich auf der Homepage des Gorki Theaters informieren, auf Twitter oder auf Facebook.
Hier das Gespräch zwischen Philipp Ruch und Mely Kiyak

 

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