Zusammenhalten. Nicht übereinander herfallen.

Kiyaks Theater Kolumne - 51

Liebe Leser der Theaterkolumne,

hin und wieder erlaube ich mir, an dieser Stelle den Platz frei zu machen. Für jemanden, der Wichtigeres zu erzählen hat, als ich.

Diese Woche ist mein Freund Armin Langer Gastarbeiter in dieser Kolumne. Armin ist aufgewachsen in Ungarn, hat in Jerusalem studiert und ist vor einigen Jahren nach Berlin Neukölln gezogen. Er wollte am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam das Rabbinerseminar belegen. Der Schule eilt der Ruf voraus, progressiv und liberal zu sein.

Das Kolleg ist nicht die berühmte Protestbude, als die sie gehandelt wird. Armin wurde rausgeworfen und darf dort nicht mehr als Rabbiner ausgebildet werden. Sein Vergehen war, dass er dagegen protestierte, Flüchtlinge herkunftsbedingt als Antisemiten zu betrachten. Sein politisches Anliegen ist denkbar einfach: Zusammenhalten. Nicht übereinander herfallen. Und damit fing alles an. Ich trete nun also zur Seite und mache den Platz frei für Armin Langer, dem ich von Herzen wünsche, dass er seine Ausbildung beenden darf und der heute eine Kolumne in eigener Angelegenheit schreibt, weil ich ihn dazu einlud.

Herzlich
Mely Kiyak

 

Armin Langer: „Ich brauche eure Solidarität“

Der Präsident des Zentralrates der Juden, Joseph Schuster, forderte in der Zeitung Die Welt im vergangenen November eine Obergrenze für Geflüchtete. Sein Argument: Bei den Fliehenden handele es sich um Menschen, in deren Kultur der Antisemitismus fester Bestandteil sei. Es handele sich dabei weniger um ein religiöses als vielmehr um ein ethnisches Problem. Ich konnte kaum an mich halten. Ich war empört und nannte seine Organisation in einem Kommentar für die Zeitung taz „Zentralrat der rassistischen Juden“.

Der Artikel erschien. Ich beruhigte mich und fand, dass meine Wortwahl übertrieben war. Zwar ordne ich Schusters Ausdruck – „ethnisches Problem“ –immer noch als rassistisch ein, doch ist es ein Fehler anhand dieser Aussage den gesamten Zentralrat als eine Versammlung von Rassisten zu bezeichnen. Ich bin in mehreren Zentralratsgemeinden als Vorbeter und Lehrer tätig und kenne viele fantastische Menschen, mit denen ich gemeinsam für ein gesellschaftlich engagiertes Judentum arbeite.

Meine Grundhaltung blieb und ich vertrete sie weiterhin: Keine Obergrenze für hilfesuchende Menschen. Als Juden sollten wir dazu stehen und dafür kämpfen. Allerdings ohne Pauschalisierungen und Vorverurteilungen. Das ist an alle adressiert – ja, auch an mich.

Wie in einem Theaterstück fiel ich also auf die Knie und bat Herrn Schuster um Entschuldigung für meine verletzenden Worte. Ich bin Rabbinerstudent am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam. Ich habe sehr gute Noten und erfolgreiche Gemeindeeinsätze absolviert. Ich weiß, dass ein guter Rabbiner einer ist, der zu seinen Fehlern steht.

Am 10. Dezember 2015 – es war der Tag der Menschenrechte – kündigte mir Direktor Walter Homolka bei der regulär stattfindenden Anhörung an, dass er ein Disziplinarverfahren gegen meine Person eröffnen werde.

Wir saßen in der kleinen Bibliothek des Abraham Geiger Kollegs, des liberalen Rabbinerseminars in Berlin. „Ich bin der Einzige hier, der Politik macht!“, schmetterte er. Der Mann im schwarzen Anzug mit dem Bundesverdienstkreuz am Revers schlug auf den kleinen Tisch. Die Tora-Bücher in den Regalen bewegten sich. So wütend war er. Er saß zwischen zwei verlegenen Mitarbeitern. Und da war ich, der 25-jährige Rabbinerstudent. Im Kreuzverhör. Ich. Wieder mal ich.

Ende Januar 2016 dann die Entscheidung: Ich muss das Rabbinerseminar wegen meines Engagements und meines Umgangs mit den Medien verlassen. Ich hätte, ohne Erlaubnis einzuholen, Interviews gegeben und Artikel geschrieben. In meinem Ausbildungsvertrag steht dazu keinerlei Vereinbarung. Doch abgesehen davon: Was ist mit der Meinungsfreiheit? Das Kolleg weigert sich bis heute eine offizielle, schriftliche Erklärung zu verfassen, in der es zu meinem Rausschmiss Stellung bezieht. Ich habe nichts in der Hand, auf das ich mich stützen kann. Nichts, wo ich nachlesen kann, was meinen Rauswurf begründet.

In zweieinhalb Jahren als Student am Abraham-Geiger-Kolleg wurde ich mehr als zehn Mal „angehört“. Man könnte denken, ich hätte in Sodom und Gomorra gesündigt oder ein goldenes Kalb angebetet. Dabei ging es immer wieder nur darum, dass ich zu politisch sei, mich zu viel für „unsere Feinde“ (das heißt: Geflüchtete und Muslime) engagiere und mit dieser Arbeit zu oft in den Medien vorkomme.

Vor allem die von mir gegründete Salaam-Schalom Initiative war dem Rektor ein Dorn im Auge. Meine Mitstreiter und ich kümmern uns seit nun fast drei Jahren um antimuslimischen und antijüdischen Rassismus in Deutschland. Unter dem Motto „Muslime und Juden sind keine Feinde“ veranstalteten wir offene Gesprächsrunden, Workshops, Flashmobs, Filmaufführungen, Partys in Gemeindezentren, Synagogen, Moscheen, manchmal auch in Wohnungen oder in Parks. Erst als uns Bundespräsident Joachim Gauck im Sommer 2014 empfing, zollte mir auch mein Direktor Respekt und bat darum, dass ich das Kolleg und sein interkulturelles Engagement beim Staatsoberhaupt erwähnen möge.

Das alles kommt mir wie eine überzeichnete Komödie vor. Ich suche nach dem Sinn, dem Überbau, dem Warum. Und finde ihn nicht.

Ich bin für Solidarität zwischen den Minderheiten. Und meine Initiative zeigt, dass Solidarität zwischen Minderheiten funktioniert. Aber dieses Solidaritätsbündnis scheint die Öffentlichkeit zu provozieren. So sehr, dass ich den Gegenwind nun zu spüren bekomme. Das Rektorat des Abraham-Geiger-Kollegs hat mich, das sehe ich nun klarer, ständig erpresst: Entweder halte ich still oder ich bin raus. Meine muslimischen Mitstreiter und ich fragten uns immer wieder, was die viel zitierte Meinungsfreiheit eigentlich noch zählt.

Tatsächlich bewirkte der Druck, den ich zu spüren bekam, dass ich zahlreiche Interviewanfragen abwies. Ich fühlte mich oft unter Druck gesetzt. Zwischen den Stühlen. Da die Mitstreiter und der Kampf gegen Ausgrenzung, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit. Und dort das Kolleg und die Weisung, mich nicht politisch zu äußern. Das beschädigte sowohl unsere Initiative als auch meine Person. Es war und ist mir unheimlich peinlich, dass ich dafür auch Journalisten anlügen musste, um den Rektor nicht zu verärgern.

Ich hätte an diesem Punkt einfach sagen können: Okay, ich höre jetzt mit dem Judenkram auf. Ich war die ganze Zeit der Überzeugung, dass die Werte, für die ich mich einsetze, eine Solidarität zwischen religiösen und kulturellen Minderheiten, besonders zwischen Muslimen und Juden, der Kern des jüdischen Lebens in Europa sein wird. Aber anscheinend wollen viele Juden davon nichts wissen. Sie wollen sich fürchten, Opfer sein, erzkonservative und populistische Meinungen vertreten. Das Establishment möchte uns junge Juden nur dann unterstützen, wenn wir nach der verrosteten Pfeife tanzen.

Protest ist irgendwann keine Option mehr, es wird zur religiösen Pflicht. Ich möchte ein Rabbiner werden, der auch denjenigen eine Stimme gibt, die keine Privilegien genießen und unterdrückt werden. Ich erinnere mich daran, wie es den Juden Europas jahrtausendelang so erging. Wir kennen uns mit den Folgen von Rassismus doch aus!

Schon die jüdischen Propheten waren unter den zeitgenössischen Juden unpopulär. Sie sprachen sich für die Schwachen aus, kritisierten die Reichen für ihre Heuchelei. Der Talmud lehrt, dass wir immer die Möglichkeit wahrnehmen müssen, gegen die Ungerechtigkeit in der Welt zu protestieren.

Judentum bedeutet für mich, einen Kampf für die Gerechtigkeit zu führen. So interpretiere ich meinen Glauben.

Aber nun ist mir Unrecht geschehen. Und ich bin auf Eure Solidarität angewiesen.

Armin Langer

PS:
Wer Armin unterstützen möchte, wird Mitglied in seiner Initiative:
salaamschalom.wordpress.com

Wer sich für moderne jüdische Meinungen interessiert, besucht im Mai „Desintegration“, den 3tägigen Kongress über Zeitgenössische jüdische Positionen, kuratiert von Sasha Marianna Salzmann und Max Czollek, im Gorki Studio. Informationen hier:
gorki.de
kulturstiftung-des-bundes.de

Wer sich für das Thema Antisemitismus und Flüchtlinge interessiert, liest das Streitgespräch zwischen Michel Friedman und Marianna Salzmann in der Zeit:
zeit.de

 

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