Es war immer schon schlimm. Aber jetzt betrifft es auch Euch!

Kiyaks Theater Kolumne - 48

Es ist Jahre her, da schrieb ich für eine gedruckte Tageszeitung politische Kolumnen. Es war die Zeit nach der ersten deutschen Islamkonferenz, vor Sarrazins Riesenskandalbuch, vor dem Enttarnen des NSU – nennen wir es eine Zwischenzeit.
Manchmal schrieb ich über die Verachtung der Deutschen gegenüber jenen Gruppen, die sie als Nichtdeutsche betrachteten. Manchmal auch über Angriffe von Rechtsradikalen. Über eine fiese, aggressive Stimmung in der Bevölkerung. Über das Erstarken des Rechtspopulismus in Europa. Über Rassismus in der Gesellschaft. Über den Missbrauch der Leserkommentarfunktion.

Ich wurde als Kolumnistin nie zuvor und nie danach so sehr bepöbelt, gehasst, verfolgt, bedroht, beschimpft, mit dem Tode bedroht. Ich hatte nie zuvor so viel mit Staatsanwaltschaften und Anzeigen bei der Polizei gegen mich zu tun, mit offenen Drohungen von rechtsradikalen Parteien und rechtsgerichteten Publizisten und ihren Parallelweltenblogs wie in jenen Jahren.

Hier und da saß ich auf Podien und beschrieb das. Nicht die Angriffe gegen mich, sondern die Angriffe auf die Demokratie und andere Menschen. Alte Zeiten. Nun schlage ich die Zeitung auf und lese Kommentare von ehemaligen Mitdiskutanten, die heute Preise für ihre politische Berichterstattung gegen rechtspopulistische Bewegungen und die damit einhergehenden Bedrohungen erhalten. Ich sehe Bilder von Kollegen, die von Heulkrämpfen geschüttelt, dringende Appelle an die Öffentlichkeit richten. Dabei handelt es sich zunehmend oft e x a k t um jene Journalisten, die bei früheren, öffentlichen Veranstaltungen negierten, dass es eine hasserfüllte und rassistische Gesellschaft gibt. Dieses Damals ist vielleicht fünf Jahre her. Heute, da dieser Hass auf die breite Mitte trifft und auch vor populären Fernsehpersönlichkeiten keinen Halt macht, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund, ist das Problem angekommen.

Ich denke, traurig, aber so ist es nun einmal. Der Mensch wird nur aufgerüttelt durch die Ungerechtigkeit, die er selbst erlebt. Wenn Diskriminierung einen anderen betrifft, sieht das aus der Entfernung eben einfach nicht so schlimm aus. Aber funktioniert Gerechtigkeit nicht dann am Schönsten, wenn ein Anderer für dein Recht einsteht?

Wir Journalisten waren sehr schlecht darin, füreinander Solidarität zu zeigen. Das hat viel mit Konkurrenz zu tun. Gerade jene unter uns, die einen Migrationshintergrund haben, gingen den Weg der Überassimilation in den Redaktionen. Der Graben verlief durch das migrantische Milieu. Ich hörte oft Kollegen sagen: „Ich bin hier, weil ich gut bin.“ Wenn man zurück fragte: “Warum sind wir nur zu zweit hier?“, lautete die Antwort: „Die anderen sind eben nicht so gut wie wir!“. Strukturelle Benachteiligung war etwas, was man aus dem Geschichtsbuch über Südafrika kannte und woanders verortete.

In dieser Anfangszeit gründete ich mit einer Handvoll Kollegen eine Show, mit der wir durch die Lande tingelten und den Rassismus, mit dem wir es zu tun hatten, vorlasen. Das war mit einem hohen Risiko verbunden, weil wir damit alleine waren. Heute ist das Veröffentlichen von Rassismus eine Art Facebooksport geworden. Damals hieß es oft: Wer austeilt, muss auch einteilen können. Mit austeilen war übrigens gemeint, dass man einfach seine Meinung vertrat, die aber nicht der Haltung entsprach, dass Deutschland ein wunderschönes Land der gepflegten Manieren ist. Also solle man sich über den ganzen Bedrohungsmüll nicht wundern. Nur ganz nebenbei: Viele der ehemaligen Kollegen, egal ob Journalisten oder Politiker, die damals auf Podien beteuerten, dass es in Deutschland weder Rechtsruck noch Diskriminierung gebe, rufen uns heute an und bitten darum, auch mal mitmachen zu dürfen. Es sei ja alles so unglaublich schlimm geworden. Meine Standardantwort: Es war immer schon schlimm. Aber jetzt betrifft es auch Euch!

Es ist so unendlich peinlich, dass das Maxim Gorki Theater in Interviews immer wieder erklären darf, warum das Ensemble das Einzige in Deutschland ist, dass die Bevölkerungsstruktur widerspiegelt. Es ist so unendlich peinlich, dass wir in Deutschland Initiativen haben, die für ein Wahlrecht für ehemalige Gastarbeiter kämpfen, deren letzte Vertreter nun langsam sterben, ohne an der Demokratie jemals teilgehabt zu haben. Es ist so unendlich peinlich, dass es Zeitungsredaktionen gibt, auch und gerade in Berlin, die über nullkommanull Migrationshintergrund verfügen und damit natürlich über null Expertise, was das Thema betrifft. Es ist so unendlich peinlich, dass auf öffentlichen Ausschreibungen steht, dass Menschen mit Migrationshintergrund bei gleicher Qualifikation bevorzugt werden, damit irgendwann in einer Milliongalaktischen Jahren der Migrationsanteil in öffentlichen Institutionen, Medien, Politik und Universitäten wenigstens einen Promillebereich erreicht.

Dieses Ungleichgewicht ist für die Verstimmungen in der Bevölkerung wesentlich. Wenn niemand von Rang und Namen und Amt und Würden dagegen vorgeht, bleibt es immer die Aufgabe von einigen wenigen Stimmen in der Öffentlichkeit, sich gegen Benachteiligung zu wehren. Häufig wird man ohnehin nicht ernst genommen. Denn durch den fremd klingenden Namen wird man nie als Experte zum Thema befragt sondern als Betroffener. Diejenigen, die derzeit in Amt und Würden sind, begreifen wiederum nicht, was Rassismus ist. Ich habe jahrelang in Redaktionen dafür gekämpft, dass man anerkennt, dass Kommentare wie diese gelöscht werden: „Geh nach Saudi Arabien, da gehörst du hin“. Es ist nicht gelogen, wenn ich sage, dass von der ersten Klage bis zum Löschen dieser Kommentare Jahre vergingen.

Da wir schon von d i e s e n Redaktionen sprechen. Dort arbeiten heute noch Kollegen, die vor Jahren in Emails, die ich selber gesehen habe, an Shermin Langhoff, die Intendantin des Maxim Gorki Theaters, schrieben, sie habe ihren Erfolg den Journalisten d i e s e r Redaktionen zu verdanken. Mit anderen Worten, Shermin Langhoff ist keine bedeutende Kulturmacherin sondern das Produkt dieser Redaktionshanseln, die damals das Wort „postmigrantisch“ nicht mal buchstabieren konnten und heute diesen Begriff – den am Gorki schon seit Jahrhunderten niemand mehr in den Mund nimmt – in ihre Überschriften basteln; so voll auskennermäßig.

Leute, Ihr seht, ich könnte einen Schlüsselroman über dieses Schreibgewerbe verfassen. Über all die , die heute gegen Rechts kämpfen und sich gestern noch mit Händen und Füßen von einem distanzierten, wenn man einfach nur ein paar Statistiken über rechte Parteien in Europa herunter leierte. Über all die Leute, die heute das Maxim Gorki bejubeln und gestern noch von Türkentheater und Betroffenheitsrevue schrieben. Über Verantwortliche, denen man sagte, Redakteur XY schreibt in islamophoben Foren, und die heute auf Tagungen auftreten und sich über eine Radikalisierung unter Medienberichterstattern wundern.

Aber gut. Gestern ist gestern und heute ist heute. Hören wir endlich auf, rührselige Reden zu halten und nutzen wir Elan, Witz, Geist, Esprit – einfach die geballte Ladung unserer Beklopptheit – um gemeinsam für die Flüchtlinge einzustehen. Damit wir sie irgendwann als Kollegen begrüßen dürfen.

Ihre Mely Kiyak

 

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