Gorki-Seife

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Oooh großer, gütiger Gott im Himmel: Wann beginnt endlich das Zeitalter, in dem man gemütliche Dezember ohne Adventskalender verbringen kann?

Egal wo man sich bewegt, überall soll man ein Türchen öffnen und sich freuen.

Heute durfte man sich im Online – Adventskalender von Karstadt einen Coupon für eine „Gratis-Beflockung“ herunterladen und in einer Filiale einlösen. Was ist eine „Beflockung“? Ist das derart abgelaufene Milch, dass sie schon flockt? Ich kenne das Flocken nur aus dem Folterbegriffskatalog des Mittelalters, wo man Pflöcke unter das Nagelbett des Angeklagten schob, um ein Geständnis zu erwirken. Ach Karstadt, du verrückte alte Verkaufstante! Für ein bisschen mehr Umsatz bist Du Dir wirklich für nichts zu schade.

Ich bitte alle Theaterkolumnen-Abonnenten, mir keinen Adventskalender zu schenken. Ich kann die Ankunft des Herrn vom 1. – 24. Dezember gerade noch so ohne Schnäppchencountdown abwarten.

Nein, wirklich, diese Türchenöffnerei!

Wäre ich Metzgerin, würde ich täglich bis Weihnachten ein Tierchen öffnen. Und gespannt nachschauen, was sich darin befindet.

Bei uns im Gorki ist trotz fehlendem Glühwein, Wichtelgeschenken und Nikolausmützen Festtagsstimmung. Sämtliche Premieren haben für dieses Jahr bereits statt gefunden. Alle kostenlosen Currywürste sind gegessen und Sponsorenschnäpse in die Kehlen gekippt. Ich finde, man kann diesem Haus nachsagen, was man will, aber wenigstens musste in unseren Vorführungen noch kein Schauspieler seinen Puller zeigen und sich schreiend mit irgendetwas einreiben. Ich war früher regelmäßig in der Berliner Volksbühne. Ich bekam von dem Geschreie irgendwann Tinnitus und immer griff und wühlte jemand im Klo oder in Blut oder schmierte wenigstens eine Dose Bohnensuppe über die Bühne. Im Gorki war es bislang noch zu keinem Zeitpunkt schweinisch. Und Tiere wurden auch keine auf die Bühne geschleppt. Sex habe ich auch noch nicht gesehen. Unsere Vorführungen sind vegan, halal und enthalten keine Spuren von Nüssen.

Ansonsten wünsche ich mir, dass unser Hausheiliger Gorki seine schützende Hand über unser Haus und über unsere Zuschauer hält. Vielleicht schaffe ich es ja im nächsten Jahr Maxim Gorki als Devotionalie anzubieten. Dabei ist ein sensibles Vorgehen vonnöten. Nur ein Beispiel: Böte man Gorki als Seife an, würde es heißen „nutzt sich ab, was will man damit sagen“. In Weimar kann man an jeder Ecke Goethe und Schiller als Salz- und Pfefferstreuer kaufen. Würden wir Gorki als Knoblauchpresse anbieten, heißt es wieder…

Ich verabschiede mich mit einem Selam Aleikum von allen Theaterbesuchern und anderen Suchern mit dem schönsten Satz, der bislang in unserer Spielzeit auf der Bühne gesprochen wurde:

Wind ist Luft, die sich ganz doll beeilt!

PS: Neulich habe ich einen tollen Versprecher gehört. Die Sprecherin im Deutschlandradio Kultur sagte über die Verleihung des Europäischen Fernsehpreis: „Einen weiteren Preis bekam er in der Kategorie Cherie. Ich korrigiere: Regie.“

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