Bekömmliche Häppchenhaftigkeit und warum ich über Flüchtlinge schreibe

Bekömmliche Häppchenhaftigkeit und warum ich über Flüchtlinge schreibe
Letzte Kolumne in dieser Spielzeit. Zeit über mich zu plaudern.

Seit acht Jahren schreibe ich ununterbrochen wöchentlich Kolumnen. Die paar Male, die ich eine Woche ohne Kolumne verbrachte, sind seltene Momente, an die ich mich gut erinnern kann. Einmal war ich krankenhausreif und konnte eine Kolumne nicht schreiben. Die Nächste schrieb ich bereits wieder aus dem Krankenzimmer heraus. Einmal hatte ich vier Wochen Zwangspause. Der Verleger einer Zeitung wollte mich rauswerfen lassen, weil ich seinen Parteifreund aus dem Adelsgeschlecht nicht ausreichend lobend erwähnte. Nachdem sich die Lage beruhigt hatte, durfte ich weiterschreiben. Erst in diesem Jahr bat ich erstmals meine Redaktion darum, eine Kolumne ausfallen lassen zu dürfen, weil ich am Abgabetag auf der Ausländerbehörde saß und eine Abschiebung verhindern musste. Ich war an jenem Tag richtig am Arsch und hätte außer „ich bin am Arsch“ nichts schreiben können. Seit letztem Jahr habe ich sogar erstmals einen Chef, der mir ungefragt anbot, auch mal Ferien zu machen und mich in dieser Zeit weiterzubezahlen. Und ich bin Theaterkolumnistin. Eine sehr vergnügliche Angelegenheit. Bei der Zeitung heißt es manchmal: „Das müssen Sie unserem Leser genauer erklären, das kennt er nicht“. Das Grundproblem von Zeitungsmachern. Sie denken oft, der Leser sei begriffsstutzig. Deshalb lesen sich manche Zeitungstexte wie Gesprächsprotokolle aus Polit-Talksendungen. Das Theater hingegen ist ein wilder Ort, wo man Kunstgriffe und komplizierte Gedanken nicht auf bekömmliche Häppchenhaftigkeit herunter brechen muss.

Es gibt in Deutschland nicht viele Publizistinnen, die als politische Kolumnistinnen tätig sind. Freiberuflerinnen sind selten unter ihnen. Carolin Emcke fällt mir ein. Und die Anzahl derer, die aus einem Gastarbeiterstall kommen oder nicht ganz „astreine“ deutsche Eltern haben, befinden sich wahrscheinlich im Promillebereich. Hilal Sezgin fällt mir ein. Das ist ja an sich schon eine Merkwürdigkeit. Dass es einen Mangel an Schwarzköpfinnen im politischen Kommentarbusiness gibt. Dass ich das so ausdauernd betreibe, hat überhaupt nichts mit mir zu tun. Ich bin nicht klüger und nicht dümmer, meine politische Auffassungsgabe und mein Schreibstil sind nicht mehr oder weniger herausragend als der von amtierenden männlichen Kolumnisten. Ich profitierte stets vom Glück, dass einzelne Entscheidungsträger mich dahin schubsten, wo ich bin. Ich kenne Autorinnen, die mir in allem überlegen sind. In ihrem Stil, ihren formalen Mitteln, dem politischem Bewusstsein, wirklich in allem. Sie bekommen einfach keine Angebote. Weil diejenigen, die darüber entscheiden, zufrieden sind mit der Kommentatorenlandschaft. Weil es immer schon üblich war, dass Männer über Politik und Wirtschaft schreiben und Frauen im Feuilleton Familie, Beziehung, Erziehung thematisieren.

Einer der häufigsten Vorwürfe meiner Leser an mich lautet übrigens, dass ich angeblich immer über Flüchtlinge oder über Nazis schreibe.

Zunächst einmal: Mich interessiert Politik. Ich schreibe ausschließlich über politische Themen. Man findet in meinen Kolumnen Texte, die von Sozial-, Wohnungs- und Städtebau-, sowie Gesundheitspolitik handeln. Sehr gerne schreibe ich über Literatur, Europapolitik und politische Kunst und Kommunikation. Ich komme aus einer politisch sehr bewussten und auch dissidenten Familie. Bei uns unterhielt man sich darüber, was in der Welt geschieht. Wie alles mit allem zusammenhängt. Innenpolitik, Außenpolitik, Wirtschaft. Bei uns ging es stets darum, wer gerade welchen Bockmist im Parlament verzapft hatte. Wer welche haarsträubende Rede hielt. Es soll hier nicht um Angeberei gehen. Ich beschreibe bloß Prägungen.

Ich schrieb eine Weile auch regelmäßig über den Rechtsterrorismus. Und über das rechte Parteienspektrum. Das brachte mir den merkwürdigen Ruf ein, dass ich eine Autorin sei, die sich mit Ausländern befasse. Obwohl es in meinen Kolumnen immer um die Täter ging, also um Deutsche. Ich glaube, bei Wikipedia steht sogar der Unsinn, dass ich mich mit Migration und Integrationspolitik beschäftige. Es ist in Deutschland so unüblich, dass eine Schwarzköpfin sich mit deutscher Politik beschäftigt, dass es egal ist, worüber sie schreibt, sie wird immer als Autorin wahrgenommen, deren Kompetenz das „Ausländersein“ nicht übersteigt. Interviews mit mir beginnen mit den Worten: „Mely Kiyak, Publizistin aus Berlin, Tochter von aus … stammenden Eltern“. Herkunft ist in Deutschland, dem Stammland von Abstammungslehre und Kopfumfang und Nasenlänge Messen nach wie vor von Bedeutung. Mit der Klärung der Herkunft geht die Assoziationskette los. Trägt sie Kopftuch? Praktiziert sie Analsex, um ihr Hymen zu schonen? Ist sie integriert? In einer meiner ganz frühen Kolumnen findet sich die Stelle: „Integration interessiert mich nicht. Niemand muss sich integrieren. Ich integriere mich auch nicht“. Lokalredakteurinnen, die ihre ganze Karriere auf dem Ticket Kopftuchberichterstattung gefahren sind, sind durchgedreht. Denn mit so einem Satz habe ich natürlich all ihre scheußlichen Integrationsbefundtexte degradiert und das Thema einfach mal zur Seite geschissen. Dennoch werde ich immer noch als „Integrationsexpertin“ gehandelt. Lieber möchte ich tot sein.

Was die Flüchtlingsproblematik betrifft, ist es so. Flüchtlinge sind schutzlose Menschen. Ihr Schicksal, ihre Sorgen, ihr Alltag – auch die politischen Situationen, die dazu führten, dass sie Flüchtlinge wurden – interessieren mich. Wie geht es ihnen? Wie gehen wir in Deutschland mit ihnen um? Steht uns das gut? Ist das vernünftig, wie wir das machen und organisieren? Ginge es anders? Wenn ja, wie?

Man kann mit Kolumnen nichts bewirken. Mir geht es um das Sichtbarmachen. Wenn ich den Fokus ein klein wenig erweitern könnte, wenn es mir gelänge, ein Detail hervorzubringen, das in der öffentlichen Debatte noch nicht erörtert wurde, wäre ich bereits zufrieden. Wenn Sie, liebe Leser, etwas zum Thema Flüchtlingspolitik von mir lesen, ist mir wohl kurz zuvor ganz schön der Kragen geplatzt. Das scheint man den Texten anzumerken, denn es sind jene Stücke, auf die ich am häufigsten angesprochen werde. Wenn ich das Gefühl habe, dass Flüchtlinge politisch respektlos behandelt werden, dann ist mein Gleichgewichtssinn gestört. Denn Flüchtlinge sprechen kein Deutsch, sie können sich nicht artikulieren. Sie können nicht die Internetforen mit ihren Anliegen fluten. Sie können keine Leserartikel verfassen und veröffentlichen. Sie haben keinen Anschluss an die Medien. Sie sind nicht verbunden mit der Öffentlichkeit. Sie können ihre Bedürfnisse nicht in die Mitte des politischen Diskurses tragen, so wie es die Flüchtlingsgegner machen. Da wir es mit einer miserablen und schwachen linken Opposition zu tun haben, sind die Stichwortgeber, die die politische Agenda vorantreiben, die Rechten, die sogenannten besorgten Bürger, die im Namen der Freiheit und der Nation handeln. Die Sozialdemokraten sitzen in der Regierung und haben in ihren eigenen Reihen schlimmste, rechte Demagogen. Die Grünen sind mit den Aspekten ihrer Bürgerlichwerdung beschäftigt. Und die Linke, die traditionell im Osten verankert ist, eine der Stammheimaten der brennenden Asylbewerberheime und des pöbelnden Mobs, hält angesichts des abzugrasenden Wählerpotenzials auch still. Das alles macht Flüchtlinge schutzlos und hilfsbedürftig. Und so melde ich mich hin und wieder und erlaube mir auf dem Höhepunkt der Griechenlandkrise zu sagen: Ich interessiere mich für das rechte Parteienspektrum. Denn seit fünfzehn Jahren sind die in Europa stärkste wachsende politische Kraft die Rechten. Ich weiß, dass ich mein gesamtes publizistisches Leben mit diesem Thema befasst sein werde. Es ist übrigens, für jene, die die Welt so gerne in Deutsch und Nichtdeutsch einteilen, ein sehr deutsches Thema. Ich bin eben eine sehr deutsche Kolumnistin. Ob meine Eltern übrigens mit den Worten vorgestellt werden: „Herr und Frau Kiyak, Eltern der aus Deutschland stammenden deutschen Kolumnistin und Deutschlandexpertin Mely Kiyak“?

Und nun die Gegenfrage an die Leser: Soll ich angesichts der humanitären Katastrophe, die Teile unserer Bevölkerung beispielsweise vor Asylunterkünften anrichten, trotzdem über Schminktipps, Sexstellungen oder Diätrezepte referieren? Wer das braucht, soll „Bild der Frau“ lesen. Und anschließend eine Vorstellung im Friedrichstadtpalast besuchen. Aber bitte unbedingt mich meiden.

Ich danke Ihnen für Ihr Interesse in dieser Spielzeit. Ich wünsche Ihnen einen schönen Sommer. Bleiben Sie wild!

Ihre Theaterkolumnistin
Mely Kiyak

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