Zur Freiheit bestimmt

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Kann es sein, dass die Nicht-Monarchie Deutschland das einzige Land Europas ist, das derzeit ein Schloss baut? Baut irgendwer anders noch ein Schloss? Irgendein Königshaus? Natürlich ist das deutsche Schloss mit der Prachtpremium-Adresse „Unter den Linden“ kein Schloss. Es ist ein falsches Schloss. Denn es hat keinen König. Auf absehbare Zeit darf es wohl auch keinen geben. Auch architektonisch ist es kein Schloss. Die Fassade zitiert lediglich ein Schloss. Ansonsten handelt es sich um eine typische Bauweise unserer Zeit. Erinnern soll das Schloss an die Brüder Humboldt. Zwei deutsche Gelehrte, die vor 250 Jahren lebten. Der ältere, Wilhelm, war preußischer Politiker und gründete Universität und Museen. Der jüngere, Alexander, war reisender Forscher und Schriftsteller. Er zog in die Welt, um sie zu ergründen. Das Schloss soll aber nicht Humboldt-Schloss heißen. Sondern „Forum“. In der Antike war das Forum der Platz, an dem sich die Bevölkerung traf und Gericht hielt oder Kundgebungen. Ein lebendiger Ort des öffentlichen Meinungsaustausches. Das Humboldt-Forum ist aber kein kostenloser, frei zugänglicher Ort unter freiem Himmel, sondern ein abgeschlossenes Gebäude. In ihm wird nicht Gericht gehalten und Meinung ausgetauscht, sondern darin werden Dinge ausgestellt. Also ein Museum. Bei der Kunst, die in diesem Museum ausgestellt werden wird – das aber nicht Museum heißen darf, sondern „Forum“ und an die Brüder Humboldt erinnern soll, obwohl sich die Brüder Humboldt mit ihrer Universität (in direkter Nachbarschaft zum Schloss), mit Museen und Schriften genügend Denkmäler von bleibendem Wert geschaffen haben – handelt es sich um die völkerkundlichen Sammlungen aus dem Museum in Berlin-Dahlem. Was ist in den Beständen? Es sind Objekte aus voramerikanischer Zeit, also Kulturgüter der Indianer sowie der Südseekulturen und Kunst des asiatischen und afrikanischen Kontinents. Wie gelangten diese Kulturgüter in unser Berliner Museum? Auf den für die damalige Zeit üblichen Wegen. Forscher reisten und nahmen mit, was sie fanden. Oder Unternehmer gingen in andere Länder, um Wirtschaft und Handel zu treiben. Gerade in Folge dieser Entwicklung kam es zu Konflikten zwischen den Neuankömmlingen und den Bewohnern. Daraus entstanden die Kolonialkriege. Die Güter gelangten durch Tauschgeschäfte nach Europa. Oder als Kriegsbeute aus Regionen, in denen Dorfbewohner vertrieben oder getötet worden waren. Das war keine deutsche Spezialität. Die Geschichte der ethnologischen Sammlungen in Europa ist eine Geschichte, die Ausdruck einer Expansionspolitik ist, die damit ein Ungleichgewicht unter den Bevölkerungsgruppen der Welt schuf, das bis heute anhält. Und wir dürfen nicht vergessen: Es handelt sich bei den Exponaten nicht nur um Kochgeschirr irgendeines Naturvolkes oder um archäologische Grabungen (man stelle sich vor, eine Künstlergruppe aus Tansania kommt zur Eröffnung des Humboldt-Forums nach Berlin und fängt mitten unter den Linden an zu graben und nimmt mit, was sie findet), nein, es wurden auch Menschen mitgenommen. Der Sklavenhandel gehört ebenfalls zur Museumsgeschichte, die nicht von der politischen Geschichte abgekoppelt betrachtet werden sollte. Noch ist man sehr weit entfernt davon, in europäischen Museen eine Art Stolpersteinmentalität zu errichten („Das Ehepaar Goldblatt aus Berlin kannten Matisse noch persönlich und kauften ihm das Bild ab. Danach wurden sie von den Nazis enteignet und vergast. Dieser Matisse ging für 20 Franken im Mai 1940 in den Besitz der Münchner Familie Gurlitt über. Das Museum bekam das Bild von der Polizei ausgehändigt.“).

Was das Berliner Schloss betrifft, ist seine Entstehung von vielerlei Kritik begleitet. Das schwächste Argument hierbei sind Hinweise auf die Kosten und die Ästhetik. Es spielt keine Rolle, dass das Gebäude teuer ist. Es spielt auch keine Rolle, dass das Gebäude aus architektonischer Sicht, egal wie man es dreht und wendet, keinen Sinn ergibt. Das mögen alles richtige Bedenken sein, aber sie sind nicht wirklich wichtig.

Deutschland baut gerade ein Museum. Es hat sich aber nicht getraut, das so zu nennen. Denn angeblich war zunächst die Idee entstanden ein Schloss zu bauen. Dann kam die Idee zur Nutzung. Das ist sehr befremdlich. Ich persönlich glaube das nicht. Im Werbetext zum Vorhaben heißt es, dass das Museum das Verhältnis unseres Landes zur übrigen Welt verhandeln möchte. Dabei fällt einem ein, dass es in Deutschland kein einziges Museum gibt, das die deutsche Kolonialgeschichte erzählt. Was wäre, wenn man das Humboldt-Forum umbenennt in „Museum zur Geschichte deutscher Kriege in der Welt bis zum Ende des Kaiserreichs“? Dann könnte man immer noch genau die Sammlung beherbergen, um die es geht. Außerdem würde man in dem Moment, in dem man das Gebäude betritt, immer den Umstand mitdenken, dass das, was wir sehen, stets einen Bezug zu uns in Europa und Deutschland hat. Die Reiseroute eines Kulturguts nach Berlin würde immer auch den Zweck und das Vorhaben des Boten konnotieren. Wer ging wann, wohin, weshalb? Was brachte er mit? Von wo? Und dann erst die Frage, um was handelt es sich bei diesem Federschmuck, diesem Messer oder jenem Altar?

Ich bin mir sicher, dass wir die Geschichte der Menschheit besser begreifen, wenn wir verstehen, warum ein Alexander von Humboldt in See stechen konnte. Seine Lebensumstände, seine Privilegien, seine zahlreichen Kontakte in allen möglichen Teilen der Welt, seine europäischen Gastgeber in Südamerika, seine Bemerkungen über die Sklaverei, all das öffnet unseren Horizont für die Frage, wer wir sind, mehr als die bloße Zeichnung einer Paranuss, die wir im botanischen Museum in Dahlem betrachten können. Wir verstehen dann, dass die Erforschung des Menschen ein koloniales Projekt war. Dass all die Kunst und auch der Krempel, den wir in den Vitrinen betrachten, die Bilder in den feinen Museen mit den teuren Eintrittsgeldern, verwoben sind mit der Geschichte der Unterdrückung der Völker. Kunst und Kultur erzählen auch diese Geschichte. Man darf sie in den Museen nicht verschweigen. Die Verweise darauf müssen sichtbar und auffällig angebracht werden.

Man stelle sich vor, dass künftig über dem Portal des neuen Völkerkundemuseums Unter den Linden folgender Spruch steht:
„Zur Freiheit bestimmt“

Dieses Zitat stammt aus einem Text Humboldts, in dem es heißt:
„Indem wir die Einheit des Menschengeschlechts behaupten, widerstreben wir auch jeder unerfreulichen Annahme von höheren und niederen Menschenrassen. Es gibt bildsamere, höhergebildete, durch geistige Kultur veredelte, aber keine edleren Volksstämme. Alle sind gleichmäßig zur Freiheit bestimmt“

Mely Kiyak

 

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