Warten, dass zwei Fische ertrinken

Botanische Gattung der berühmten Pissnelken?

Wenn es stimmt, dass Theater vorgetäuschte Wirklichkeit ist, dann ist es eine unglaubliche Leistung, dass Menschen sich für zwei Stunden in einen Raum setzen, ein Schauspiel anschauen und hinterher nicht sagen: „Unwichtig. War doch alles nur gespielt.“
Vielleicht ist das Seltsamste am Theater, dass man vertraut und akzeptiert, was man sieht. Wenn ein Baum auf einer Bühne liegt, ein Klavier im Himmel hängt und eine Geranie auf dem Fensterbrett vor sich hin kümmert, kommt niemand auf die Idee, auf die Bühne zu gehen, die Blume zu gießen und den Baum wegzuräumen. Es hat alles seine Richtigkeit. Für zwei Stunden ist das, was man sieht, eine Welt, die man hinnimmt. Hinterher verlässt man den Saal und schaltet sein Denken wieder ein. Stimmt alles, was ich sah und hörte? Ist das, was man mir vorspielte als Vorwurf an mich als Zuschauer gedacht? An wen war das alles adressiert? Handelte es sich um Belehrung oder bloße Mitteilung? Warum, weshalb, wieso?

Der Zuschauer beginnt Bezugspunkte im Bühnengeschehen zu seinen Erfahrungen und seiner Wirklichkeit zu knüpfen. Die professionelle Theaterkritik ohnehin, aber ich spreche hier von der Kritik des gemeinen Zuschauers, ist eine einzige Disziplin der Referenzpunktesammelei. Manche Zuschauer drehen schier durch vor Wut, wenn sie etwas sehen, das nicht ihrer Meinung und den Erfahrungen ihrer Welt entspricht. Andere drehen schier durch vor Freude und genießen den süßen Moment, wenn sie die Gelegenheit bekommen, in die Welt des Anderen einzutreten, die gerade nicht ihren Erfahrungen entspricht! Diese Welt, ob bekannt oder unbekannt, ist immer wahr, aber nie wirklich.

Ich rate grundsätzlich: Wer sich nach Wirklichkeit sehnt, sollte aus dem Fenster schauen. Oder ins Aquarium starren und darauf warten, dass zwei Fische sich aus Versehen treffen und ertrinken.

Es kann bei einem Theater auch nicht darum gehen, ob die darin verhandelten Themen relevant sind. Wenn sie für den Künstler relevant sind, sind sie relevant. Wenn sie für den Zuschauer relevant sind, sind sie relevant. Ich gehe seit Jahr und Tag in Stücke von Thomas Bernhard und für mich sind seine politischen Erregungen relevant. Zeitgemäß. Wichtig. Ich teile seine Verachtung für bestimmte rechtskonservative Milieus. Dabei erinnere ich mich, wie ich einst mit einem bekennenden Rechtskonservativen in einem Bernhard-Stück saß, der wie ein Tourettler vor Zustimmung aus dem Nicken gar nicht herauskam, weil er nicht begriff, dass Bernhard die ganze Zeit Leute wie ihn meinte. Ich kenne aber auch Menschen, die glauben, weil Bernhard gegen Alt-Nazis in seinen Stücken schießt, seien die Texte nicht mehr à jour, weil die Generation Filbinger so gut wie ausgestorben ist. Wenn ich, wie diese Woche geschehen, im Radio höre, wie die Nachrichtensprecherin mit gelangweilter Selbstverständlichkeit vorliest, dass die NPD Migranten „gewaltsam ihrer Staatsangehörigkeit entkleiden“ und sie anschließend „deportieren“ wolle, dann denke ich, dass die Verhältnisse, unter denen Bernhard litt, ihn überlebten und nicht umgekehrt.

Was unser kleines sympathisches Familientheater Gorki betrifft, sehe ich große Parallelen zwischen meiner Tätigkeit und denen der Künstler. Jeder ist damit beschäftigt, für seine Wirklichkeit eine Ordnung zu organisieren. So mache ich es auch. Die Welt in Worten behaupten und hoffen, sie in einen nachvollziehbaren, unerhört spannenden Zusammenhang gebracht zu haben. Man schreibt, man spielt, man inszeniert und versteckt darin, manch einer etwas geschickter, der andere etwas ungeschickter, sein Anliegen und hofft im Gegenzug auf Verständnis, Gnade oder Zustimmung des Lesers und Zuschauers. Natürlich gibt es immer wieder Künstler, die behaupten, sie täten das alles für sich – aber Kinder – das ist Blödsinn!

Die Wahrheit ist, dass man Kunst macht, weil es ohne zwar auch ginge, aber schwerer wäre. Und weil man senden möchte. Von der eigenen Welt hinaus, hinein in die Welt eines anderen.

Zwei weitere Anliegen brennen mir im Herzen, die ich der Öffentlichkeit mitteilen muss: Immer wenn ich in der Gorki Kantine Kaffee bestelle, ist die Milch im Kännchen vorne an der Kasse leer.

Zweitens. Die Geschlechtertrennung in den Toiletten im Studio Gorki ist aufgehoben worden. Dies hat den großen Vorteil, dass geschlechtsverkehrwillige Paare sich künftig nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen müssen, auf welcher Toilette sie den Akt der Liebe und des Begehrens vollziehen wollen. Hat aber den Nachteil, dass Menschen wie ich beim Betreten des Raumes und Anblick der mit Blumen bepflanzten Pissoirs trotz drängendem Harndrang anschließend nicht Wasser lassen können. Weil man jedes Mal in der Toilettenkabine ins intensive Grübeln kommt, ob es sich bei der Bepflanzung um die botanische Gattung der berühmten Pissnelken handelt.

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