Ethnisches Erscheinungsbild: ballaballa

Kiyaks Theater Kolumne

Ich werde häufig eingeladen, meine Kolumnen zu lesen. Meine erste Reaktion ist stets: Oooch nö. Wenn ich nämlich irgendwo ankomme, sind die Zuschauer enttäuscht. Darüber, dass ich nicht krawucht-krawallig durch die Tür komme, rülpse und einen saftigen Scherz hinlege. Ich bin, für diejenigen, die mich noch nie in echt gesehen haben, eine zarte, ätherische Erscheinung. Ich bin gefangen im Körper einer hauchdünnen Elfe mit brüchiger Stimme. Wenn ich rülpse, durchzuckt es meinen ganzen Körper in ozeanischen Wellen.

Neulich wurde ich am Bahnhof stehen gelassen, weil der Gastgeber mit einer rassigen Orientalin gerechnet hatte. Ich lief ihm hinterher und rief: „Verurteilen Sie mich nicht! Jahrelange deutsche Ernährung hat meine Haut und meine Haare heller gemacht. Ich kam mit der Farbe einer ungeschälten Kartoffel auf die Welt und bin vom Farbton nun wie ein geschältes Bamberger Hörnchen. Das deutsche Volk hat mir seine Ernährung aufgezwängt. Das haben Sie nun davon!“ Er nahm mich dann doch mit in den Veranstaltungssaal.

Manchmal google ich im Internet unserem Ensemble hinterher. Ich schaue nach, ob ihre Agenturen etwas Neues mitzuteilen haben. Nichts ist Theaterschauspielern so peinlich wie eine Gastrolle in „Alarm-Cobra-Almdoktor-Neues aus dem Schnulzenstall“. Noch schlimmer, als in TV Serien mitzuspielen, muss es sein, wenn die Schauspieler in richtigen Filmen, gar in Kinofilmen, eine peinliche Rolle annehmen. Der Klassiker ist natürlich, einfach als Türke besetzt zu werden. Das ist schauspielerisch in etwa so anspruchsvoll, wie ein Glas Wasser durch einen Raum zu tragen. Natürlich hofft jeder Schauspieler, dass nie herauskommt, dass er den Dreh angenommen hat. Einmal machte ich den Fehler und gratulierte einem Schauspieler zu seinem Auftritt in einem Kinofilm. Stocksteif und mit kaltem Blick sah er mich an. Ich dachte: „Scheiße, gleich prügelt er mich durch die Theaterkantine!“ Der Film war wirklich eine Katastrophe, nuancenlos wie die märkische Landschaft, deren herausragendes Merkmal das atemberaubende Nichts ist.

Auf filmmakers.de sah ich, dass neben Größe, Haarfarbe und Hobbies, das „ethnische Erscheinungsbild“ von Schauspielern genannt wird. Es handelt sich bei dem Unternehmen offenbar um eine Castingplattform, genaues erfährt man nicht. Mehmet Yilmaz und Thomas Wodianka sind zwei meiner Lieblingskollegen aus dem Ensemble, die bei filmmakers angeboten werden. Thomas sieht ein wenig aus wie Oskar Matzerath aus der Verfilmung von Die Blechtrommel, aber in erwachsen. Mehmet sieht aus wie – ich weiß nicht, wie man das beschreiben kann – also irgendwie das genaue Gegenteil von Thomas. Zu beiden steht unter ethnischem Erscheinungsbild: „mitteleuropäisch.“ Was diese ungenaue Klassifizierung wohl bringt? Keine Ahnung. Beide Schauspieler sind meiner Meinung nach die Könige unter den Quatschmachern. Das schreiben die Schauspielagenturen zur Bewerbung ihrer Klienten nicht, dass diese ein Talent zur Albernheit haben, einen Hang zum Jux. Ich kann es beiden Kerlen bescheinigen. Es handelt sich um ausgemachte Grandseigneure des Blödsinns mit flausenhaftem Erscheinungsbild.

Vor ein paar Wochen erzählte ich an dieser Stelle, dass ich mit meiner kleinen Oben-Ohne-Fransenröckchentruppe Hate Poetry nach Dresden fuhr, um Pegida zu besiegen. Hate Poetry ist ein Zusammenschluss von Journalisten mit dem ethnischen Erscheinungsbild: südosteuropäisch. Wir lesen episch raffinierte Leserbriefe vor, die dem Genre „rassistische Zurechtweisung, deutschautoritäres Scheißgehabe“ zuzuordnen sind. Ich möchte die amtliche Mitteilung bekannt geben, dass es uns gelungen ist. Wir haben Pegida zerschlagen!

Wenige Wochen nach unserem Auftritt hat Ex-Pegida-Püppi Kathrin Oertel einen neuen Verein gegründet. Einen Verein, der künftig ohne irgendwas mit Islamisierung im Namen auskommen will und ohne Nazis. Also Pegida ohne ideologisches Fundament. Zur Neugründungskundgebung kamen keine 500 Leute zusammen. Massenbewegungen ohne Rassenhass funktionieren in Ostdeutschland nicht gut. Sie sollten schleunigst das Wort „Islam“ in ihre Politik AG einbauen, sonst werden sie ewig eine esoterische Sekte bleiben. Die AfD wurde auch erst groß, nachdem sie anfingen, Bürger mit ethnischem Mischmascherscheinungsbild zu verachten.

So weit erstmal.
Ich muss diese Woche wieder zu einer Lesung. Gastgeber da draußen: Lasst mich nicht am Bahngleis stehen! Ich bin keine osteuropäische Bettlerin, sondern eine südostorientalische Bettlektüre mit ethnischem Erscheinungsbild: ballaballa.

Mely Kiyak

 

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