Ein herzliches und warmes Willkommen im Konzentrationslager

Mely Kiyak TheaterKolumne

Die Idee, Flüchtlinge in ehemaligen Konzentrationslagern unterzubringen ist eine Nachricht mit Neuigkeitswert. Der Schwerter Bürgermeister Heinrich Böckelühr, Parteimitgliedschaft in der CDU, hatte die Idee, weil man ihm 21 Flüchtlinge zuteilte. In der kleinen Gemeinde bei Dortmund fand sich weit und breit kein Platz für die Schutzsuchenden. Ihm fiel dann doch noch eine Lösung ein. Warum nicht im Konzentrationslager Buchenwald, beziehungsweise seiner Außenstelle in Schwerte-Ost, eine Asylunterkunft einrichten? Zwar liegt die Innenstadt 40 Gehminuten entfernt und laut ist es im Industriegebiet auch, aber egal. Hauptsache, die armen Leute haben ein Dach über dem Kopf, beziehungsweise eine heimelige Schlafstatt. Sollten die Flüchtlinge auf dem Gelände spazieren gehen, werden sie eine Gedenkstätte entdecken. Es ist eine am Boden liegende Skulptur, die ein Stück Schienen zeigt. Unter den Schienen liegen nackte, ausgemergelte Körper, ihre Gesichter sind zum Schrei verzerrt. Das Denkmal erinnert an die polnischen Zwangsarbeiter, die in diesem Lager arbeiteten.

In der lokalen Berichterstattung war die Rede davon, dass die ersten elf Bewohner bereits eingezogen waren, die anderen sollen folgen, wenn die KZ-Baracken fertig renoviert sind.

Ich habe Fotos der Unterbringung gesehen. Es ist wirklich eine Bruchbude.

Und das ist der Kritikpunkt, den ich anmerken möchte. Wir haben in Deutschland und dem übrigen Europa so viele vorzüglich und liebevoll erhaltene Konzentrationslager und da bringen wir Flüchtlinge in heruntergekommen KZs unter? Man schämt sich doch in Grund und Boden. Wir legen als Deutsche Wert auf Sauberkeit und Sicherheit und dann kommen die Menschen aus zerbombten Ländern und werden in Lagern untergebracht, die interieurmäßig echt lausig sind.

Haben wir diese Woche nicht der Befreiung von Auschwitz gedacht? Könnte der Schwerter Bürgermeister mal bei dem Kollegen im polnischen Oswiecim, wo der Lagerkomplex steht, nachfragen? Kann man im KZ Auschwitz wohnen?

Die Gemeinde in Schwerte kann die Aufregung nicht verstehen. Im In- und Ausland wurde darüber berichtet. Ein deutscher Plan – „A german plan. House refugees in an old concentration camp“ hieß es auf NPR, der amerikanischen Version unseres Deutschlandfunks. Aus Schwerte hieß es, dass die Entscheidung mit großer Mehrheit im Stadtrat durchgewunken wurde. Und überhaupt, „Siebzig Jahre nach dem zweiten Weltkrieg dürfen nicht alle Gebäude tabu sein“, so der Bürgermeister. Stimmt. Was können denn die armen stigmatisierten Gebäude dafür?

Im Berliner Holocaust Mahnmal darf man weder ausgelassen sein noch picknicken, aber das ist halt Berlin. Immer etwas strenger als nötig. Wegen der Würde der Verstorbenen. Auf der Wiese vor dem Reichstag darf auch nicht gefeiert werden. Wegen der Würde des Parlaments und so. Aber ein Konzentrationslager hat ja an sich keine Würde, nur eine Vergangenheit und die, so der Bürgermeister, sei ausreichend aufgearbeitet, siehe Gedenkschienen mit eingeklemmten Menschen aus Stein.

Da fällt mir ein, dass der gesamte Ruhrpott doch eine einzige still gelegte Zeche ist. Könnte man Flüchtlinge nicht unter Tage einquartieren? Ist zur Innenstadt zwar auch weit, aber nicht so laut. Und vielleicht gibt es stillgelegte Gräber, bei denen das zwanzigjährige Nutzungsrecht abgelaufen ist. Da könnte man sich doch reinlegen. Zumindest im Sommer. Wer aus einem Kriegsgebiet kommt, wird die paradiesische Stille zu schätzen wissen. Und wenn die Gefängnisse nicht so überfüllt wären, dann könnten die Asylsuchenden zu den Kriminellen in die Gitterzelle. So hätten sie auch Gesellschaft. Was natürlich der Hammer für überschuldete und hilfsbedürftige Kommunen wäre, sind Leichenkeller in Krankenhäusern. Da ist doch sicher das eine oder andere Kühlfach nachts leer. Mit einer Wolldecke kann man das überleben. Wer sein Zuhause verloren hat, ist gewiss froh, wenn er ein Einzelbett hat. Und sauber desinfiziert ist es allemal. Kommunalpolitik heißt im Wesentlichen quer denken, pfiffig sein. Der Kontext bestimmt den Inhalt. Wenn in einem KZ nicht mehr vernichtet wird, sondern friedlich geschlafen und gekocht und die Kinder fröhlich spielen, ist es ein ehemaliges KZ mit menschlichem Antlitz.

In Augsburg, so las ich es in der Presse, werden ähnliche Pläne verfolgt. Flüchtlinge in stillgelegten KZs unterbringen, ist das ganz große neue Ding. Wenn die alten KZs irgendwann alle überfüllt sind, könnten wir ja neue bauen. Natürlich nicht so schreckliche KZs. Sondern schöne. Ob die Flüchtlinge in Schwerte mit Luftballons und Kuchen empfangen wurden? Mit der Grußbotschaft des Bürgermeisters „Ein herzliches und warmes Willkommen im ehemaligen Konzentrationslager Schwerte-Ost“.

Man kann sagen und denken was man will. Aber diese KZ-Angelegenheit und die Flüchtlinge sind wirklich eine Neuigkeit,

findet Mely Kiyak
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