Mal richtig dolle durchpusten

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Ich war im Stadtbad Neukölln schwimmen. Wollte mal sehen, wie es sich dort plantscht. Es handelt sich um ein historisches Bad mit zwei Schwimmhallen. Ursprünglich wurde dort geschlechtergetrennt geschwommen. Große Halle für Männer. Kleine Halle für Damen. Das war 1914, als die Scharia in Deutschland galt. Haha.

Nicht jeder wird es wissen. Der Bezirk Neukölln hat die höchste Arbeitslosenquote in ganz Berlin. Die Neuköllner haben entweder gar kein oder nur ein niedriges Einkommen. So etwas gibt es in Deutschland noch. Arme Menschen. Und weil der Bezirk so prekär ist, haben sie im Stadtbad Neukölln das Warmwasser aufgedreht. Um die Nebenkosten in die Höhe zu treiben. Und damit auch die Eintrittspreise. Zu den 5,50 Euro kommt 1,50 Euro Warmwasserzuschlag dazu. Also insgesamt 7 Euro für eine Runde schwimmen. Das ist einmalig in Berlin! Im vermögenden Berliner Stadtteil Mitte, wo ich sonst schwimme, zahle ich 3,50 Euro. Im armen Neukölln das Doppelte.

Sollen in Neukölln nur noch Hipster, Yuppies und Yipster schwimmen gehen? Touristen und Besserverdiener? Nicht aber die normale Bevölkerung? Was sagt denn der kleine Dicke dazu? Der den Bezirk regiert? Aber dann wundern, wenn die Leute auf der Straße Koran lesen und verteilen. Und in die Moschee gehen. Kostet im Gegensatz zum Schwimmbad auch keine 7 Euro Eintritt.

Letzte Woche habe ich gelesen, dass die Fluglinie Lufthansa auf ihren Flügen künftig Zeitungen als E-Paper für elektronische Lesegeräte ausgeben wird. Man kann sich die Ausgabe dann mit WLAN herunterladen. WLAN steht für Wireless Local Area Network, also drahtloses lokales Netzwerk. Freies Internet über den Wolken – das wär’s doch! Das wäre dann der einzige Ort in Deutschland, wo es kostenloses und funktionierendes Internet gäbe. Dass es das nicht schon lange gibt, versteht auch niemand. In allen anderen Ländern dieser Erde kann man zügig, kostenlos und unkompliziert ins Internet. Nur in Deutschland wartet man vergeblich auf den Telekom- oder Vodafone-Techniker, der einem „die Leitung freischaltet“.

Hat jemand Erfahrungen mit seinem technischen Dienst, weil das Internet nicht funktionierte? Was man da zu hören bekommt, ist mitunter ein schönes Kompendium behämmerter Kundendienst Prosa.

„Aus welcher Generation stammt Ihr Router?“, „An uns liegt es nicht. Ich habe die Leitung gemessen. Sie haben volle Geschwindigkeit“, „Haben Sie ein Endgerät der Firma Apple? Das hätten Sie mal besser nicht gekauft.“, „Ich kann Ihnen anbieten die Leitung zu boosten. Das ist, als würde man richtig dolle durchpusten.“

Auf den ICE-Strecken wird immer so getan, als könne man sich für 4,99 Euro über den Telekom HotSpot Anbieter ins Internet einwählen und businessmäßig seinem Beruf nachgehen. Neulich sagte mir ein Schaffner: „Versuchen Sie es nicht. Das hat nie funktioniert. Das wird nie funktionieren“. Er hat Recht. Es gibt im ICE kein Internet. Vielleicht zwischen Göttingen und Wolfsburg. Aber eigentlich auch da nur, wenn Venus und Jupiter aufeinandertreffen. Warum kann man im überteuerten ICE nicht kostenlos Kaffee und Internet bekommen? Ist immerhin ein Volksunternehmen. Mit unseren Steuern zahlen wir außerdem den Schienenausbau, damit die Wirtschaft kostenlos ihre Güter darauf transportieren darf. Da wird doch wohl ein bisschen Internet drin sein.

Ist jemandem aufgefallen, dass die Deutsche Post das Briefporto ständig erhöht? In den zehn Jahren, die ich an meiner alten Postadresse wohnte, kam der Briefträger an Montagen nicht. An Dienstagen auch nicht. Mittwoch brachte er Riesenstapel. So viel, dass nicht alles in den Briefkasten passte. Weshalb er laut schimpfte und alles wütend reinstopfte. Und Pakete von DHL, ach Gottchen, was soll ich sagen, jeder kennt diese Geschichten. Paket zurückgeschickt, weil Empfänger angeblich nicht da, aber Benachrichtigungskarte fehlt, kurz: die DHL und Post, auch alle doof.

Nein, der Eindruck trügt nicht. Ich bin verstimmt. Das hat mit der Hormonbehandlung zu tun. Meine Laune ist den einen Tag gut. Den anderen Tag schlecht. Unsere Intendantin zahlt uns weiblichen Mitarbeiterinnen des Gorki Theaters das Social Freezing. Für den Vorgang der Eizellen-Entnahme müssen wir Tonnen von Hormonen schlucken. Wir dürfen uns die Eizellen einfrieren lassen und wenn wir wirtschaftlich erfolgreich genug waren, holt sie das Material aus dem Kühlschrank und befruchtet es eigenhändig. Mit unserer theatereigenen Spermienbank. Da sind zum Teil noch Spermien von Ostkünstlern, die gar nicht mehr leben. Wie weiland Gregor Mendel mit seinen Erbsen, mischt und kreuzt die Intendantin das Material auf ihrer Fensterbank. Sie züchtet damit die kommende Theatergeneration.

Mely Kiyak

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