Migrantenliteratur – Pummelcousine aus dem Osten

gorki_kolumne20Wer Literatur an einem italienischen, amerikanischen oder niederländischen Institut studiert, wird am Ende seines Studiums ungefähr die gleichen Bücher kennengelernt und gelesen haben. Dieser Kanon wird auch „Weltliteratur“ genannt. Weltliteraten sind immer schon tot. Die übrigen Autoren, die noch leben und sich deshalb außerhalb des Weltliteraturspektrums bewegen, gelten allenfalls als „bedeutend“, „talentiert“ oder als „Klassiker zu Lebzeiten“.

Neben der „Weltliteratur“ gibt es noch die „Literaturen der Welt“. Damit sind häufig jene Literaturen genannt, die nicht zum westeuropäischen und amerikanischen Kanon gehören. Also auf Senegalesisch schreibende Autoren. Uiguren, Iraker und so. Es ist wie mit den Museen. Kunst von „normalen“ europäischen Künstlern wird in den staatlichen Kunsthallen gezeigt. Kunst aus Afrika wird im Völkerkundemuseum ausgestellt. Hat der Afrikaner seinen afrikanischen Staat nicht verlassen, um Absolvent einer angesehenen Londoner Kunstakademie zu werden, muss er sich mit der Aussicht begnügen, in der ethnologischen Sammlung verwahrt zu werden.

Im deutschen Literaturkontext gibt es eine weitere Kategorie. Die Migrantenliteratur beziehungsweise die Literatur der Migranten. An sich ist nichts schlimm an der Migrantenliteratur, nur zählt dazu in Deutschland so ziemlich jeder Autor, der in seinem Leben etwas hin- und hergereist ist, kein deutsches Blut zurück ins zwölfte Glied seiner Genealogie vorweisen kann und sich zu keiner christlichen Kirche bekennt. Seine Literatur wird fortan auf gesellschaftspolitische Verwertbarkeit abgeklopft und darauf, ob er die Verhältnisse realistisch und kritisch dargestellt hat. Ästhetik, Sprache, Stil wird zur Nebensache. Wer einmal in der Schublade der Migrantenliteratur landet, kommt da nie wieder heraus. Das ist wie mit dem Ebola-Virus. Mit dem, der es hat, will man besser nichts zu tun haben. Würde Martin Walser auf einem Migrantenliteraturfestival auftreten wollen? Ich denke, er würde sagen:
Was habe ich, Martin Walser, damit zu tun? Ich bin ein ordentlicher Heimatschriftsteller vom Bodensee.

Migrantenliteratur ist die unansehnliche, pummelige Cousine aus dem Zonenrandgebiet der echten deutschen Literatur. Für Migrantenliteratur gibt es eigene Preise auf dem Literaturmarkt. Der Bekannteste ist der Inklusions-Oscar unter den Literaturpreisen. Der Integrationsbambi namens Adalbert-von-Chamisso-Preis. Normale deutsche Autoren bekommen den Deutschen Buchpreis. Migrantenautoren die Paralympic-Trophäe für Prosa, den „Adalbert für Außerirdische“. Normale Deutsche schreiben deutsche Romane. Autoren mit Schriftstellerhinter- und Migrationsvordergrund schreiben Migrationsgeschichten. Die beiden berühmtesten deutschen Literatur- Nobelpreisträger Deutschlands sind übrigens Migranten, die berühmt geworden sind mit ihren Erzählungen über Migration, aber die Gnade ihrer deutschen Herkunft verschonte sie vor dem Begriff der Migrantenerzähler. Ihre Namen: Herta Müller und Günter Grass.

Donnerstag ist es übrigens wieder so weit. Die schwedische Akademie aus Stockholm wird den diesjährigen Nobelpreisträger für Literatur bekannt geben.

Sigrid Löffler (österreichische Kritikerin mit Lesehintergrund) hat sich von diesen Kategorien frei gemacht und ein Buch herausgebracht, mit dem Titel „Die neue Weltliteratur und ihre großen Erzähler“. Es handelt sich um eine Ansammlung von Aufsätzen über bedeutende Autoren, deren Biografie nicht ausschließlich einem Land, einer Kultur oder einer Sprache zuzuordnen ist. Es ist wie bei mir und vielen anderen Autoren dieser Welt auch. Die Sprache, in der ich mich am lustigsten unterhalten kann, ist nicht die Sprache, die ich zum Schreiben lustiger Texte verwende. Als ich noch studierte, schrieb ich Gedichte in der Sprache, in der man mich zu Hause ansprach und übersetzte diese Texte anschließend ins Deutsche. Meine Biografie ist auf so viele Kulturen und Muttersprachen verteilt, dass es falsch wäre, mich so oder anders zu bezeichnen. Ähnliches gilt für Monica Ali, Salman Rushdie, Gary Shteyngart oder Michael Ondaatje. Diese Autoren übrigens werden in Amerika und England nicht als Schriftsteller mit Migrationshintergrund bezeichnet, sondern als Schriftsteller.

Wenn man bei Wikipedia Jeffrey Eugenides nachschlägt, steht da „US-Amerikanischer Autor“. Wenn man sich jedweden deutschen Artikel über Eugenides durchliest, begegnet einem nach zwei Zeilen die Bezeichnung „Eugenides hat irische und griechische Vorfahren“. Ohne das geht es für viele deutsche Rezensenten nicht. Die Herkunft, wie man heute elegant zur Abstammung sagt, soll unbedingt mitgelesen werden. Obwohl für den Leser eines Liebesromans möglicherweise viel wichtiger zu erfahren wäre, ob der Autor während er das Buch schrieb, gerade liebte oder nicht.

Die gleiche Etikettierungsmalaise gilt auch für das Theater. Die Vorsilbe Migration nervt in all ihren Facetten. Weil der Begriff häufig ungenau oder gar gleich falsch verwendet wird und tonnenschwer an den Füßen der Künstler hängt. Migrationskünstler sollen in Deutschland stets Heimatlosigkeit attestieren, zwischen den Kulturen – Herumgebaumel, Defizit, Krankheit – Korrespondenten aus Parallelgesellschaften. Die Immigrierei, die Reiserei, die Wanderung soll eine Abweichung markieren, wo sie doch längst zur Normalität geworden ist. Der vermeintliche Migrationshintergrund soll als Diskrepanz, als Abnormität das Missverhältnis zum Kritiker illustrieren.

Dass Weggehen und Ankommen eine Inspirationskraft ist, eine Medaille, die man vom Leben umgehangen bekommen hat, weiß nur, wer sie um den Hals trägt. Sigrid Löffler hat nun endlich mit dem Begriff der Neuen Weltliteratur die feuchtmuffige Gattung der Migrantenliteratur ein für alle Mal abgelöst. Und was für die Literatur gilt, könnte auch im Theater gelten. Es gibt kein Migrantentheater, sondern allenfalls das Neue Welttheater und ihre Erzähler.

Es kolumnierte: Mely Kiyak (Deutschland)

ppS: Neulich stand ich an einer Bushaltestelle und schaute auf das Plakat eines Literaturfestivals, auf dem ich gemeinsam mit meiner Kollegin Jagoda Marinic lesen sollte. In Klammern stand das Land, das wir vertraten. Ich rief sie an und fragte, wie oft sie in ihrem Leben so angekündigt wurde. Es ging ihr wie mir. Es war das erste Mal.

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