Frei nach Shakespeare: Macht, was ihr wollt!

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Meine Aufgabe besteht darin in der ersten Kolumne der zweiten Spielzeit die erste zu resümieren und die zweite feierlich einzuläuten.

So beginne ich wie bei einem Einführungsseminar eines neuen Semesters mit einer Frage: Hatte das Gorki Theater ein erfolgreiches Jahr, und bohre nach, was bedeutet das – Erfolg?

Wie misst man Erfolg? Wirtschaftlich, ökonomisch, finanziell? Wie schief wäre die Rechnung, sind wir doch ein staatlich subventioniertes Theater. Wir leben von Steuergeldern. Hier möchte ich eine Brücke zur europäischen Agrarwirtschaft schlagen. Für die Theaterleute sollte wie auf dem Acker die unter Bauern gängige sprichwörtliche Redewendung gelten:

Amtleute sollen die Bauern hegen und nicht fegen, Sich ihrer erbarmen und sie nicht verarmen, In Not erfreuen, nicht mit Strafe bedräuen, Ihre Arbeit ehren und nicht beschweren.

Messen wir Erfolg an Publikumszahlen? Die Bude im Gorki war voll, no doubt. Jeder Theaterabend, jede Lesung, jede szenische Einrichtung war zum Zerbersten mit Zuschauern gefüllt, Herrgott, selbst zum Fernsehen gucken und Käsebrötchen essen, kamen sie zu uns.

Misst man Erfolg an der Presseresonanz? Der morgendliche Pressespiegel auf den Schreibtischen unserer beiden Intendanten ist dicker als der Manufactum Jahreskatalog. Manchmal muss man aufpassen, dass der Zuschauerraum nicht ausschließlich mit Theaterkritikern gefüllt ist. Kaum etwas dämpft die Atmosphäre wirksamer, als Pressevertreter, die wie verrückt in ihre Ringblöcke Notizen kritzeln.

Wenn man mich nun früge, ob alles, was bei uns am Haus inszeniert wurde, gelungen war, würde ich sagen: beware of god, mit Sicherheit nicht. Ich habe bei uns schon den tollsten Murks gesehen, Abende, an denen ich anschließend mit Plastiktüte auf dem Kopf das Theater verließ, weil ich Angst hatte, unter den Linden mit Eiern und Tomaten beworfen zu werden, weil man mich zur MGT* Familie zählt. Auch ich war einige Male auf der Bühne zu sehen und habe anschließend den hinteren Ausgang gewählt…

Der größte Erfolg einer Idee ist meines Erachtens der Grad des Zweifels, mit der man sie umsetzt. Wenn der Zweifel der Selbstsicherheit weicht, wenn die Gewissheit dort Platz nimmt, wo zuvor Fragen waren, dann ist jegliches Unternehmen verloren. Ich mag Menschen, die ahnen, dass Zeitgeist kommt und geht. Was bleibt sind die Geschichten, die auf der Bühne erzählt wurden.

Wenn eine Gruppe von Schauspielern nach Ex-Jugoslawien fährt, weil deren Eltern oder sie selber von dort kommen und in ihren Geschichten von ihrem Schmerz berichten oder davon, wie sie sich versöhnten, weil die eine Schauspielerin die Tochter eines Lageraufsehers war und die andere ihren Vater dort verloren hat, dann erübrigt sich die Frage, was erfolgreiches Theater ist.

Wenn ein Regisseur und eine Dramaturgin ihre Hochzeit in Tel Aviv bei ihrer Familie absagen müssen, weil gerade Krieg herrscht und das irgendwann in die Arbeit dieser beiden Menschen einfließen wird, nicht, weil gerade die Zeit für so etwas ist, sondern weil es sie betrifft, und dieses Stück oder diese Erzählung viele Zuschauer ansprechen wird, sprechen wir dann davon, „dass wir alles richtig gemacht haben“? Ich denke nicht. Wir handeln als Menschen, Künstler oder Kulturschaffende stets danach, wer wir sind und wie wir können. Das erste bedingt das zweite.

Wenn ein homosexuell liebender Autor uns in seinem Theatertext davon erzählt, dass er das Kotzen kriegt, wenn er ein Interview in der Süddeutschen Zeitung mit Anna Netrebko liest und der Journalist nicht danach fragt, weshalb diese weltbekannte Künstlerin sich eine Auszeichnung vom Schwulenhasser Putin um den Hals binden lässt, dann lässt einen das den Atem stocken. Liest man am nächsten Tag in den deutschen Blättern vor Galle spritzende Kritiken über dieses Stück , dann will man sich vor Amüsement einen Schampus öffnen und sich damit duschen und die Frage nach der Relevanz des Theaters ins spinnennetzumwobene Lexikon der Theatergeschichte klemmen.

Ich habe in den vergangenen Jahren so viele Intendanten von Stadttheatern kennengelernt und bin erstaunt darüber, dass es immer noch breitbeinig labernde Exemplare unter ihnen gibt, als hätten wir noch die Fuffziger Jahre, wo man wer war, weil man ein Theater leitete. Manchmal fassen sie einen am Arm und flüstern einem bedeutungsschwanger ins Ohr: „Wir machen jetzt auch ganz viel Migration bei uns im Haus“. Ich denke dann immer frei nach Shakespeare – Macht, was ihr wollt.

Apropos, weder Shakespeare noch Schiller wäre es in den Sinn gekommen, ein Theater zu betreiben, in dem sie ausschließlich Stücke von Autoren aufführten, die schon hunderte Jahre tot sind. Sie waren Theaterdichter und also schrieben sie. Hätten Sie sich träumen lassen, dass ihre Stücke noch Jahrhunderte später gespielt werden, weil die Theaterdichterei langsam aber stetig abgeschafft wurde. Warum für viel Geld schreiben lassen, wenn es doch bei Reclam alles für dreizwanzig gibt? Oder wie mir ein Intendant einmal sagte: „Bei Shakespeares Othello finde ich alles, da brauche ich keinen Türken, der mir was über Rassismus in der Gesellschaft schreibt“.

Auch in der neuen Spielzeit gibt es Revivals von alten Texten. Ich möchte ehrlich sein, für mich ist das nicht exorbitant interessant. Ich freue mich auf das neue Sexstück. Damit brechen wir wirklich ein Tabu. Ich gehe fest davon aus, dass auf der Bühne kopuliert wird. Wird doch, oder?

Was auch immer gespielt wurde und wird, ich habe noch immer etwas gefunden, das für mich interessant ist und für einen anderen nicht. So ist das eben an einem ganz normalen Theater eines ganz normalen Jahres eines ganz normalen Lebens.

Allen leidenschaftlichen Lesern dieser Kolumne tanze ich auf der Bühne unseres Theaters entgegen und singe erfolgsbesoffen: „So gehen die Leute vom Berliner Ensemble, die vom Berliner Ensemble gehen so. So gehen die vom MGT*, die vom MGT* gehen so.“

Aus dem Herzen des Gorki berichtete Ihr Gaucho Mely Kiyak

*Die Abkürzung MGT wird in dieser Kolumne für die Bezeichnung Maxim Gorki Theater verwendet. Bitte nicht mit dem Gitarrentrio Muthspiel, Grigoryan & Towner, verwechseln. Die Kolumne wurde geschrieben, während im Hintergrund von MGT „From a dream“ lief.

 

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