Je besser es wird, desto schlechter wird es

Je besser es wird, desto schlechter wird es. Mely Kiyaks Theater Kolumne

Ich werde oft gefragt, ob es meiner Ansicht nach in Deutschland gesellschaftlich tendenziell besser oder schlechter wird. Früher habe ich die These vertreten, dass die reaktionären bis faschistischen Tendenzen eine direkte Folge der Emanzipationserfolge der Minderheiten sein werden. Jetzt vertrete ich keine Thesen mehr, weil alles, was ich diesem Land politisch vorausgesagt habe, eingetreten ist. Ich bin natürlich keine Prophetin, aber womit wir es in Deutschland zu tun haben, begegnet mir nicht zum ersten Mal im Leben. Wie schnell eine Demokratie zu einer Diktatur werden kann, habe ich biographisch bedingt schon einmal erlebt. Ich bin nur immer wieder aufs Neue erstaunt, wie erstaunt meine Kollegen sind.  Jedes Mal wenn die autoritären Kräfte erneut Landgewinn verzeichnen können, kommentieren sie: „Rechtsruck. Unglaublich. Nicht vorhersehbar“. Dabei gibt es gesellschaftliche Gesetzmäßigkeiten und innerhalb diesen bewegen wir uns. Der Soziologieprofessor Wilhelm Heitmeyer hat vor Jahrzehnten genau das prognostiziert, was derzeit geschieht.

Trotzdem kann ich die Frage, ob etwas – aus meiner Sicht – besser oder schlechter wird, nicht recht beantworten. Denn ich finde, dass sich allein in den vergangenen zwanzig Jahren in Deutschland ein großer Fortschritt vollzogen hat. Gleichzeitig war es auch sehr anstrengend und hat einen hohen Preis gekostet. Auch war nie Zeit, ein paar Jahre innezuhalten und die Errungenschaften zu genießen. Es ist ja immer alles Kampf.

Heute sprach ich mit meinem Steuerberater, der mir erzählte, dass er nicht glaube, dass sich irgendetwas verbessere. Dann erzählte ich ihm, dass meine Sicht anders ist. Als ich vor über einem Jahrzehnt anfing, wöchentlich Kolumnen zu schreiben, waren die Leser über wirtschaftspolitische Themen deutlich schlechter informiert als heute. Wenn man das Anlegen von Geld in Aktien und Fonds unter dem Aspekt von Arbeitsbedingungen und Menschenrechten kritisierte, dann waren sie empört. Heute bekomme ich für solche Texte fast nur Zustimmung. Wenn man den Kapitalismus und seine Produktionsbedingungen als menschenrechtsverletzendes Prinzip skizziert, dann verstehen das sehr viele. Vor fünfzehn Jahren war es noch üblich „Wachstum“ anzubeten, egal auf wessen Kosten. So eine Sicht provoziert heute eine deutlich größere Abwehr.

Selbst die Welt der Theater hat sich innerhalb von nur zwanzig Jahren wirklich sehr verändert. Einige meiner ersten Texte handeln davon, dass die Theater ein betonierter Kulturbetrieb geleitet von Betonköpfen war. Das Theater in Deutschland war nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang ein Raum von Deutschen für Deutsche. So deutsch, wie man sich das heute kaum mehr vorstellen kann. Wenn ich deutsch sage, meine ich das nicht im Sinn von „multideutsch“, wie ich es bin, sondern abstammungsdeutsch, also „blut-, und bodendeutsch“, monodeutsch gewissermaßen. Die beiden Intendanten Shermin Langhoff und Jens Hillje, die heute das Berliner Gorki Theater leiten, traten an, weil sie diese starren, ja geradezu hermetisch anmutenden Strukturen aufbrechen wollten. Es ist ihnen gelungen. Sie wurden dafür gebührend mit Verachtung und Ekel beschenkt. Dieses Theater wurde immer auch als Skandal und Provokation betrachtet. Ich kann nicht mehr ganz genau rekonstruieren, wie es kam, aber auch ich landete als Autorin hier. Als ich diese besagten Texte schrieb, konnte ich nicht ahnen, dass ich noch zu Lebzeiten ein Theater erleben würde, dass ich einmal als große, unerreichbare Utopie zeichnete.

Damals war das deutsche Theater so steif und unbeweglich, dass ich es immer als Peinlichkeit sondergleichen empfand. Wenn mal irgendwo auf irgendeiner Großstadtbühne in einer Inszenierung von „Leonce und Lena“ ein Schauspieler einen Döner aß, dann galt das schon als avantgardistisch und subversiv. So ein Döner sollte sagen: „Wir denken uns mit dem klassischen Stoff in die Konflikte der Jetztzeit“. Wurde dann auch noch laute Musik gespielt, dann wähnte man sich bereits in einer irre zeitgenössischen Inszenierung.

Dass das Theater anders sein kann, ja sein muss, hat mit dem strikt antimusealen und radikal pro-erinnerungspolitischen Verständnis von Kunst unserer beiden Intendanten zu tun. Es gibt bis heute kein zweites Theater, welches das Nachkriegs- und Nachwendedeutschland derart differenziert und wirklichkeitsgetreu abbilden würde, wie das Gorki. Ich kenne kein zweites Theater, das derart gut vernetzt ist in andere europäische und außereuropäische Häuser und Diskurse, keines, das sich so ehrlich zu politisch u n d künstlerisch relevantem Theater bekennt. An diesem Haus hat man sich nie geschämt zu sagen, wofür man steht. Dieses Theater ist wirklich das Theater meiner Träume. Wer kann von sich behaupten, dass sich seine kulturpolitische Forderung innerhalb von nur wenigen Jahren erfüllt hat? Kann ich mit dieser Erfahrung, die Frage ob alles schlechter wird, reinen Gewissens mit „Ja“ beantworten? Wohl kaum.

Für diese Arbeit wurden die Intendantin und der Co-Intendant mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet. Ich äußere mich hier gewissermaßen retrospektiv. Ich glaube, ich habe den beiden noch in keiner Theaterkolumne zu irgendeinem Pokal gratuliert. Ich lobe also nur, was bereits viele Male zuvor von bedeutenderer Stelle gelobt wurde. Es geht mir nicht um Werbung. Wir haben jeden Abend gigantobrokkoliprozentige Auslastung. Und zwar völlig unabhängig davon, ob hier darstellende oder bildende Kunst gezeigt wird, ob es sich um Filme, Festivals oder Diskussionen handelt. Ich selber war schon dutzende Male gezwungen, ein Stück aus dem Orchestergraben zu verfolgen, weil alle Plätze besetzt waren. Und nein, hier sitzen nicht Shisha rauchende, libanesische Großclans im Publikum, sondern großstädtisches Querschnittspublikum. Also besonders viele schwule Deutsche und ausländische Arbeitnehmer im Vorruhestand. Und trotzdem ist da nie Freude oder Genugtuung. Sondern immer etwas Sorge. Denn die fragile Existenz dieser Einrichtung in dieser sehr spezifischen Stadt mit seiner sehr spezifischen historischen Erfahrung (die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, in der die Kunst sich frei entfalten konnte, betrug lediglich dreizehn Jahre) ist ja doch allgegenwärtig auf dem Kopfsteinpflaster ablesbar.

Der häufigste Vorwurf, den man diesem Theater macht, ist politische Voreingenommenheit. Das ist ein blödsinniger Vorwurf. Selbstverständlich ist an diesem Haus jeder politisch voreingenommen. Das ist keine Besonderheit. Das Besondere ist, dass hier prinzipiell politische Positionen bezogen werden, weil die Belegschaft nie in den Luxus kam, unpolitisch sein zu dürfen. Ich kenne Häuser, da sagt dir der Intendant ins Gesicht: „Hach schrecklich, alles so furchtbar komplex. Ich weiß schon gar nicht mehr, was ich meinen soll“. Das sind Intendanten, die erst aus der Theaterrezension ihrer Zeitung erfahren, welche Botschaft ihr Stück vertritt. Das Besondere bei uns ist, dass wir so viele Positionen haben. Viele Stücke erzählen genau davon, von der – sorry für den öden Begriff – Multiperspektivität. Multiperspektiv kann man am besten dann sein, wenn ein Theater das aus seiner Belegschaft heraus mitbringt. Wenn die vielen Blickrichtungen nicht mühsam konstruiert werden müssen, sondern bereits vorhanden sind. Yael Ronens Stücke sind deshalb so erfolgreich, weil die Schauspieler den verschiedenen Lagern ihrer gesellschaftlichen Konfliktzonen entstammen. Sie behaupten den Konflikt nicht, sie tragen ihn in sich. Dass so ein Theater natürlich immer aufpassen muss, diesen Konflikt künstlerisch zu verarbeiten und nicht aktionistisch, versteht sich von selbst. Es handelt sich hier ja nicht um ein sozialpädagogisches Projekt, sondern um den Zusammenschluss von Künstlern, von denen einige (jedenfalls mehr, als in den anderen Ensembles Deutschlands) wissen, wie es ist, seine Kunst nicht frei ausüben zu dürfen.

Aber – und das ist eben die andere Seite – diese Institution wird ständig bedroht, kann sich nicht nur auf seine Kunst konzentrieren, sondern muss sich und seine Existenz immer wieder rechtfertigen. Das ist eine deutlich andere Form des Theatermachens als in Stuttgart, Frankfurt oder Wien. Es macht nämlich einen Unterschied, ob man als Theatermacher für jemanden Dritten Position bezieht oder immer auch für sich selbst. Deshalb, nein, es wird nicht besser. Im Gegenteil, je besser es wird, desto schlechter wird es.

Herzlich
Ihre Theaterkolumnistin


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Mely Kiyaks Theater Kolumne gibt es seit 2013. Alle 14 Tage kommentiert die Schriftstellerin und Publizistin Mely Kiyak radikal unabhängig das Weltgeschehen. Die Kolumne kann man auch mit dem
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