Ich ziehe meinen Hut und rocke das Ding!

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Es ist ganz schön modern geworden, dass man, um einander Respekt zu bekunden, die Formulierung „da zieh ich meinen Hut vor“ verwendet. Ganz besonders häufig ziehen Menschen in Fernsehsendungen, wo sie miteinander im Wettbewerb stehen und gegenseitig die Kleidung oder das Abendessen bewerten müssen, den Hut. Da wo der Hut gezogen wird, ist auch das Durchrocken des Dings nicht mehr weit. Neuerdings sprechen sich Menschen Mut zu, indem sie ihr Gegenüber aufmuntern, das Ding zu rocken, woraufhin der das Ding zum Rocken Ermunterte antwortet: Aber ja doch, ich rocke schon das Ding!

Ich war vor kurzen in der Türkei und verbrachte meine Zeit in einer alten Stadt im sogenannten Zentralanatolien und sah viele syrische Flüchtlinge auf der Straße leben. Nicht jeder Flüchtling möchte in einem Flüchtlingslager sein, manche suchen ihr Glück auf eigene Faust und schaffen es, auf der Straße zu bleiben und dabei nicht zu sterben. Um als Familienvater oder Familienmutter mit Kindern unter freiem Himmel zu wohnen, muss man starke Nerven haben. Man weiß nie, ob das Erbettelte reicht, Hunger und Durst des Tages zu stillen, Windeln für den Säugling zu kaufen, Wasser für die Körperhygiene zu organisieren.

Beim Anblick von bettelnden Menschen fragte ich mich immer, was das eigentlich ist: Menschenwürde. Oft heißt es ja, jemand sei arm oder anderweitig gefangen in seinen Lebensverhältnissen, doch nichtsdestotrotz habe er oder sie seine Würde behalten. Ist es ein Zeichen von Würde, aufrecht auf der Parkbank zu sitzen, nicht dem Suff zu verfallen und alte Zeitungen aufzuheben, um sie zu lesen?

In der türkischen Stadt beobachtete ich folgendes: Männer gingen in Drogerien und kauften Windeln und Damenbinden und übergaben sie syrischen Flüchtlingsfrauen auf der Straße. Passanten kamen mit Wäschepackungen aus der Trockenreinigung und legten den Flüchtlingen ihre Wäsche gereinigt vor die Füße. Manch einer stellte Babynahrung auf die Straße oder ein frisches Brot vom Bäcker. Da kam mir so der Gedanke, dass es möglicherweise gar nicht die Aufgabe des auf der Straße lebenden Menschen ist, seine Würde zu wahren, sondern die Aufgabe der nicht auf der Straße Lebenden, die Würde der Flüchtlinge, Armen und Obdachlosen zu schützen. Indem man hilft, großzügig ist und sich nicht versperrt für den Kummer eines Anderen.

Jeden Abend wurde ich Zeuge eines Schauspiels, das mir eine Lektion für mein Leben geworden ist. Neben einem Supermarkt gab es eine kleine freie Stelle. So groß, dass gerade einmal ein Auto dort Platz fände. Die Stelle war uneben und sandig. Immer abends um halb acht ging ein syrischer Vater, ungefähr in meinem Alter, mit seiner Frau und seinen drei kleinen Kindern an diesen Ort. Sie stellten ihre Plastiktüten ab und legten zwei Decken auf den Boden. Dann bettete der Vater zwei seiner Kinder auf die Matten, deckte sie mit einer weiteren Decke zu und setzte sich zwischen sie. Seine rechte Hand ruhte auf dem Bauch des einen Kindes und seine linke Hand auf dem Bauch des anderen. Er summte eine Schlafmelodie. Die Mutter indes säugte das Baby. Punkt acht lagen die Kinder im Bett – wenn man das so ausdrücken will. Es war so indiskret, fast intim, dieser Familie dabei zuzuschauen, wie sie ihre familiäre Ordnung, die sie sich aus ihrer Heimat mitbrachten,trotz Armut und Flucht beibehielten. Vor ihnen lag ein Schild. Darauf stand auf Türkisch: Wir kommen aus Syrien und sind in einer misslichen Lage. Bitte helfen Sie uns.

Selten bin ich einem so eleganten Paar begegnet, wie diesen beiden erwachsenen Menschen, die ihre ausgemergelten und schmutzigen Kinder auf der Straße zur Nachtruhe betteten und ihnen Geborgenheit und Schutz gaben, während nebenan Erwerbstätige rasch nach Feierabend ihre Einkäufe erledigten. Selten war ich so erschüttert, bis ins Mark getroffen und beschämt und – was sollte ich machen – unsere Blicke trafen sich, ich zog den Hut, sie rockten das Ding, ich grüßte freundlich und ging ins Hotel schlafen.

Ich merke, je älter ich werde, desto weniger vertrage ich diese Kontraste. Zurück gekommen nach Deutschland, schaute ich nach einer ganzen Weile wieder Fernsehen und dröhnte mich mit allem möglichen TV Schrott zu, nur um mir selbst zu bestätigen, wie blöd das alles ist. Dort diese komischen Fernsehformate, wo man mit fremden Menschen zusammen trifft, um sich von ihnen bekochen und benoten zu lassen. Oder in einer Gruppe die sagenhafte Aufgabe bewältigen muss, sich für 500 Euro innerhalb vier Stunden eine Garderobe zum Thema „Kleide Dich für einen Auftritt auf dem roten Teppich“ zu kaufen, während der Rest der Gruppe die Wohnung durchstöbert. Und eben noch war man Zeuge von Krieg, Flucht, Vertreibung, Armut.

Es ist wirklich eine Leistung, privilegiert zu sein und diese Gleichzeitigkeit von Leid und Lächerlichkeit auszuhalten. Ein châpeau an uns alle.
Mely Kiyak

PS: Wie wäre es, ein Fernsehformat für VOX zu produzieren, wo man Obdachlose zu einer Gruppe zusammen fasst und ihnen die Aufgabe gibt, für 500 Euro eine Garderobe zum Thema „Kaufe Dir Kleidung für Deine Flucht, die extravagant aber praktisch sein soll“ zusammen zu stellen? Der Rest der Gruppe müsste indes das Hab und Gut des Wettkämpfers, verpackt in Plastiktüten, durchstöbern und kommentieren. Am Ende der Woche wird die Shopping Queen unter ihnen gekürt. Wäre das lustig und unterhaltsam? Ich denke ja.

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