30 Euro für die Neu-Errichtung der NS-Diktatur – darüber lache ich schon seit Tagen!

Mely Kiyaks Theater Kolumne

Im Sommer 2016 gab der ostdeutsche Maler Neo Rauch dem SPIEGEL ein Interview, in dem er sagte, dass er die politische Positionierung zu zeitgenössischen Geschehnissen mit den Mitteln der Kunst vollkommen ablehne. Zwei Absätze später konnte er sich die Bemerkung dann doch nicht verkneifen, dass die Rationalen in einer Welt des „totalen Irrsinns überall“ eine Minderheit bilden würden. Wer die Rationalen sind und was er mit einer Welt des Irrsinns meint, erläuterte er so: „Wider besseres Wissen verneigen sich große Teile, vor allem der Linken, vor einer frauenverachtenden, todesverliebten Wüstenreligion“. Mit der todesverliebten Religion meint er den Islam.

Nur zur Erinnerung: im Sommer 2016 marschierten in Neo Rauchs Heimatregion bereits im dritten Jahr die ostdeutsche Mittelschicht Hand in Hand mit Rechtsradikalen unter dem Stichwort Pegida und Legida. Teile dieser Bewegung, die gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ kämpfen, sitzen heute in Landtagen und im Bundestag und sind europaweit vernetzt, um die Europäische Union und ihre Idee von einer Wertegemeinschaft, die sich dezidiert zu den Menschenrechten bekennt, zu zerstören. Nach dem Rauch-Interview wusste ich, wir haben den Osten künstlerisch verloren. Das war noch lange vor Uwe Tellkamps Unterschrift der „Gemeinsamen Erklärung 2018“, in welcher der Autor von „Der Turm“ gemeinsam mit anderen Künstlern, Publizisten und Aktivisten, sowie Alexander Gauland und dem Chefredakteur der Jungen Freiheit Dieter Stein, Ausländer, Flüchtlinge und Muslime zu Hassobjekten dämonisiert. Diesem, mit dem Deutschen Buchpreis hoch dekorierten, berühmten ostdeutschen Schriftsteller Uwe Tellkamp, der in einer sagenhaften Weise rechtsextrem ideologisiertes Zeug von sich gibt, attestierte der weltberühmte ostdeutsche Maler Neo Rauch,  dass er, also Tellkamp „ein Wiedergänger Stauffenbergs“ sei. Rauchs Ehefrau, die Malerin Rosa Loy, sekundierte, so zitiert es Harald Welzer in einem Text für die ZEIT, dass es sich bei den Flüchtlingen in Deutschland um 95 % Wirtschaftsflüchtlinge handele (als sei das kein legitimer Fluchtgrund, aber egal!) und dass das wissenschaftlich bislang unbestritten sei. Nun weiß man natürlich nicht, ob die Bilder, die unsere Künstler im Osten abends in den Nachrichten sehen, also das brennende Homs in Syrien, die vergewaltigten Jesidinnen im Irak, die Afghanen, und so weiter, also das, was wir gemeinhin politische Kenntnis nennen, als wissenschaftliche Belege geltend gemacht werden können, aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass diese Künstler vor ihrer Haustür die Zersetzung der Demokratie nicht nur achselzuckend zur Kenntnis nehmen, sondern die Erklärungen der rechtsextremen Ideologen, die den öffentlichen Diskurs mit ihren obszön lügenden und primitiv vulgären Propaganda-Wording-Schnipseln infiltrieren, weitertragen.

So ungefähr ist der gesellschaftspolitisch aromatisierte künstlerische Boden, den die Berliner Aktionskünstler Zentrum für Politische Schönheit im Februar 2017 im thüringischen Bornhagen betreten. Es ist ihre erste Aktion in Ostdeutschland. Bis dahin beschäftigten sie sich in ihrer Kunst meistens mit den Völkerrechtsverbrechen in Europa, im Mittelmeer und an den Außengrenzen der EU. Doch die Jahre 2015, 2016, 2017 sind Wendepunkte in der deutschen Geschichte. Erstmals sieht man wieder den Hitlergruß auf ostdeutschen Straßen. Erstmals wird die Kanzlerin öffentlich in Dresden als „Fotze“ beschimpft. Erstmals schaffen es die rechtsextremen Splittergruppen mit ihrem infernalischen Schlägertum große Teile der ostdeutschen Bevölkerung für sich zu gewinnen. Bundesweit macht sich eine faschistische Partei nun auch parlamentarisch in der Demokratie breit. Der Neonazi Björn Höcke hatte bis dahin jahrelang zahlreiche Auftritte im Fernsehen und es kam lange niemandem in den Sinn, dem Einhalt zu gebieten. Wieso auch? Seit Thilo Sarrazins rassistischen Vergleichen von Muslimen und Deutschen mit Hilfe des sehr eingängigen Bildes der einfachen Ackergäule und den edlen Lipizzanern, ist in Deutschland nun alles möglich. Der Nationalsozialismus wird zum „Fliegenschiss“ erklärt und das Holocaust-Mahnmal zum „Mahnmal der Schande“.

In diese Stimmung hinein mietet sich das ZPS in unmittelbarer Nachbarschaft zum Deutschen Wurstmuseum, entlang der Deutschen Wurststraße, in eine kleine Wohnung gegenüber der Familie Höcke ein und rammt dem ehemaligem Geschichtslehrer über Nacht ein prächtiges, schönes Holocaust-Mahnmal in den Garten. Dazu klopfen sie die Stelen tief in die Muttererde des deutschen Vaterlands und stellen die Forderung, dass Höcke, als Akt der Demut vor den Opfern des Holocaust, einen Willy Brandt’schen Kniefall vor diesem Stelenfeld machen solle. Andernfalls würde das ZPS Spendengeld sammeln und von dieser Summe die Stelen bis in alle Ewigkeit stehen lassen. Mittlerweile ist tatsächlich soviel Geld zusammen gekommen, dass die Replik des Holocaust-Mahnmals 1000 Jahre stehen könnte. Stehen wird, hoffentlich!

Was dann passiert ist bekannt. Das ZPS macht, was politische Aktionskünstler immer machen. Nämlich Aktionskunst, deren Prinzip darin besteht, der Gesellschaft ihre innere Struktur, gewissermaßen ihre politische Befindlichkeit zutage zu fördern, indem es einfach ihre Mittel kopiert. Die Folgekunst des Zentrums mit dem Werknamen „Soko Chemnitz“ ist ein gutes Beispiel dafür. Faschisten sehnen sich nach einem starken Führer, der alle feindlichen Elemente aus der Gesellschaft entfernt. So etwas klappt natürlich nur mit der Kollaboration der Bevölkerung. So war es auch in der DDR. Die Stasi hatte ein wirkungsvolles System aufgebaut, dessen wichtigste Säule die Mitarbeit des Bürgers war, also die Denunziation. Die Motive für die Denunziation in totalitären Systemen sind vielfältig. Angst ist eine Erklärung. Außerdem wird irgendwann aus dem Ausnahmezustand ein Normalzustand. Die Angst wird internalisiert, die Gründe für das Bespitzeln erscheinen nachvollziehbar. Wenn man nur lange genug behauptet, dass bestimmte Menschen Feinde sind, dann glaubt man es irgendwann auch. Andernfalls würde man verrückt werden. Nicht alle Menschen können dieser Gehirnwäsche psychologisch und intellektuell standhalten. So werden aus Menschen nach und nach Mittäter aus Überzeugung. Das ZPS kopiert also die Methode – Falsches tun, um Falsches zu erreichen – und ruft im Internet dazu auf, Rechtsradikale zu melden. Sie dreht das Mittel sprichwörtlich auf links. Nun muss man Richtiges tun, um Richtiges zu erreichen, Demokratiefeinde melden, um die Demokratie zu schützen. Aufgerufen wird aber in der Sprache der Autokraten („Gesinnungskranke Vaterlandsverräter melden“), und also liest es sich wie eine Einladung zur Denunziation. In einem funktionierenden Staat würden die Sicherheitsbehörden gewaltbereite Rechtsradikale mit Phantasien über den Systemumsturz von sich aus ahnden. Das Denunziantentum (das sich im Laufe der Aktion als Selbstbezichtigungsportal herausstellt, weil sich die Systemgegner vor Aufregung und Nervosität selber in die Datenbank eingeben, um herauszufinden, ob sie schon jemand meldete), entsetzte die Rechtsextremen sowie Teile der Bevölkerung und Presse zutiefst. Dabei ist es doch in Wirklichkeit das, was die Faschisten und Nationalisten anstreben, wenn sie Deutschland übernommen haben werden. Genau das! Wird die Methode gegen sie selbst angewendet, wittern sie darin einen Angriff. Dass sie selber Listen von Journalisten, Künstlern und Aktivisten anfertigten (es gab im Laufe der Jahre viele solcher auch öffentlich bekannt gewordener Listen) geht in der medialen Empörung völlig unter. Allgemeiner Tenor als Reaktion auf die Kunstaktion: faschistische Methode, falsch, schlimm, ekelhaft. Dabei spiegelte und deckte die Kunst nur auf, was uns droht, wenn wir uns nicht endlich wehren.

Wir befinden uns mittlerweile auf der Zeitleiste in der Phase des „Chemnitzer Trauermarsches“, der vorgab, eine pietätvolle Beileidsbekundung gegen einen mutmaßlich von Flüchtlingen erstochenen Deutschen zu sein. In Wirklichkeit war es eine Ansammlung von übelsten Radikalen, mit dem vorläufig verstörenden Höhepunkt, dass tatsächlich noch ein Kniefall folgte, nämlich ausgeführt von der SPD-Familienministerin Franziska Giffey, die den Naziaufmarsch mit einem Strauß langstieliger Lilien veredelte. Mit schmerzvollem Gesicht beugte sie sich über den Chemnitzer Asphalt und gab der Veranstaltung damit eine Art demokratisches TÜV-Siegel. Sie hätte auch auf die Beerdigung des Opfers gehen können, aber sie tat das, was die Rechtsradikalen tagelang forderten. Jemand von der Bundesregierung möge endlich kommen und ihren „Schmerz“ über den toten Deutschen teilen, der in diesen Kreisen als Symbol über die Ausrottung des deutschen Volkes ausgeführt von – wir erinnern uns – „Anhängern einer todesverliebten Wüstenreligion“ vollzogen wird.

Eine Welle der Verachtung folgte. Weniger über die als „Trauermarsch“ getarnte Neo-Nazidemonstration, sondern wegen des „geschmacklosen“ Verhaltens des ZPS, das übrigens nach eigenen Angaben mit der Kunstaktion „Soko Chemnitz“ nahezu 1500 Rechtsradikale enttarnte, die an dieser Kundgebung teilnahmen und nicht auf dem Boden der Verfassung stünden. Sie ermittelten die Leute durch Internetrecherchen, weil die Neonazis sich, ihre Taten und ihre Waffen auf verschiedenen Portalen selber zur Schau stellten. Es war letztendlich eine gigantische Fleißarbeit, die man, naiv wie man ist, bei der Justiz und Polizei voraussetzt, die dort aber offenkundig nicht stattfindet. Nun mussten allerdings nicht die Rechtsradikalen mit juristischen Konsequenzen rechnen, sondern es wurde ein Ermittlungsverfahren gegen die Künstler eingeleitet. Der Vorwurf: Bildung einer kriminellen Vereinigung. Ein Vorgang, den man so bislang nur aus Antidemokratien kennt. Das ist der Punkt, an dem das Kunstwerk „Soko Chemnitz“ endlich vollendet wurde.

Bislang gab es, so sagt es Philipp Ruch, promovierter Philosoph und prominentester Kopf der Kunsttruppe, 100 Anzeigen und 30 Strafanzeigen gegen das Zentrum für Politische Schönheit. Aber keine einzige Verurteilung, weil, wie das Oberlandesgericht Köln der Öffentlichkeit unmissverständlich bestätigte und was jeder, der das ABC der politischen Kunst beherrscht, von vorneherein weiß: Die Gestaltung der Aktion kann nicht von der künstlerischen Idee getrennt werden. Die Aktionen des ZPS sind Kunst. Ihre Mittel sind legitim und legal. Das Zentrum für Politische Schönheit führt uns das Nichthandeln und Nichtintervenieren der Sicherheitsbehörden vor. Das Dulden der terroristischen Strukturen. Sie zeigen uns, wie das funktioniert, die leise Implementierung der Diktatur, die nie auf einen Schlag folgt, nie mit einem einzigen, großen Knall, sondern genau so, unaufhörlich tropfend, die Demokratie langsam aufweichend.

Das allerinteressanteste an der politischen Kunst ist natürlich, dass die rezipierende Öffentlichkeit immer Teilnehmerin der Aktion ist. Das ist der Unterschied zur Malerei. Die bildende Kunst zeigt. Die politische Kunst führt auf. Es ist eine Art Theaterstück, dessen Rollen mit den unterschiedlichen Formen der Öffentlichkeit besetzt wird: Pressevertreter, Kunstkritiker, Geschmacksapostel, Moralprediger,… Vergangene Woche wurde als krönender Schlussakt der Aktion bekannt, dass in Thüringen ein Staatsanwalt tätig ist, der seit 16 Monaten gegen die Künstler ermitteln ließ. Mit den gleichen Methoden, mit denen man auch Al-Nusra und Co beobachtet. Die Kunst stieg damit endgültig in den Rang auf, in die es gehört: relevant und gefährlich. Vielleicht haben Beamte als Stelen verkleidet Horchaktionen durchgeführt? Der ermittelnde Staatsanwalt aus Gera heißt Martin Zschächner, sein Weltbild ist in etwa so: Ein Beschuldigter soll „Afros“ als „Urmenschen“ bezeichnet haben, die „in eine Zivilisation hineingezwungen“ worden seien. Zschächner stellte das Verfahren ein, weil er darin lediglich eine „wertende Äußerung zur menschlichen Kultur- und Zivilisationsgeschichte“, die von der Meinungsfreiheit gedeckt sei, sah. Und in der Drohung, politischen Gegnern eine „U-Bahn nach Auschwitz“ zu bauen, vermag er lediglich eine Ortsbeschreibung erkennen. Zudem ist er ein AfD-Spender, und das ist jetzt überhaupt das Allerbeste an der ganzen Geschichte! Der feine Herr Zschächner ist mondän und exquisit gekleidet, bevorzugt die gehobene Ausstattung und kratzt mühsam atemberaubende 30 Euro für die AfD zusammen! So hoch ist nämlich die Spende, wie meine Kollegen von DIE ZEIT recherchierten. Das bedeutet, dass wenn hier demnächst ein Naziregime errichtet wird, die Hakenkreuzbinde aus Polyester sein wird, statt aus Wildseide. Mannometer, das es politisch scheiße wird, hat man sich ohnehin gedacht, aber dass es auch ästhetisch zu wünschen übrig lässt, enttäuscht aufs Bitterste. 30 Euro für die Neu-Errichtung der NS-Diktatur – darüber lache ich schon seit Tagen!

Was macht eigentlich Thüringens Verfassungsschutzpräsident Stephan J. Kramer? Der war doch mal angetreten, um Thüringens Demokratie zu schützen! Er war Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland. Mit der Besetzung seines Postens verknüpften viele Minderheiten und Kämpfer gegen den Rechtsextremismus die Hoffnung, dass es nach dem NSU-Skandal nie mehr möglich sein würde, dass sich in Judikative, Legislative und Exekutive verfassungsfeindliches Gedankengut reinmogelt. Man dachte, mit so einem Mann an der Spitze eines ostdeutschen Verfassungsschutzes wird Deutschland sicherer. Es werden aber Künstler, die sich radikal für Humanismus einsetzen, als kriminelle Terrortruppe eingestuft und monatelang mutmaßlich beobachtet, abgehört und verfolgt. Zwischenfrage: Wird eigentlich Björn Höcke beobachtet? Sitzen Verfassungsschützer auf der anderen Seite des Bornhagener Holocaust-Mahnmals und gucken heimlich durch ein Loch der „Deutschen Nationalzeitung“, und prüfen ob Höcke eine terroristische Vereinigung plant und ob er gut vorankommt?

Ich mache es kurz: Es ist, als ob man die Zerstörung der Demokratie in Zeitlupe verfolgt.

Ihre Theaterkolumnistin Mely Kiyak

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